Anhörung im Bundestag zur Situation der Tourismusbranche nach zwei Jahren Corona

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Schulden, Fachkräftemangel, schlechte Perspektiven: In einer öffentlichen Anhörung des Tourismusausschusses ist deutlich geworden, unter welcher Belastung die Vertreterinnen und Vertreter und die Angestellten der Reise-, Hotel- und Gastronomiebranche zwei Jahre nach dem Start der Corona-Pandemie immer noch stehen. Die von den Fraktionen geladenen sieben Sachverständigen bedankten sich zwar bei der Bundesregierung für die Corona-Hilfen, beklagten aber noch immer große Belastungen, Personalmangel und Ungleichbehandlung.

Matthias Ganter, Hotelier unter anderem im Romantik Jugendstilhotel Bellevue, führte aus, dass es immer schwieriger werde, Auszubildende aus Deutschland für die Ausbildung im Hotel- und Gastrogewerbe zu gewinnen. Es gebe zwar viele Partnerprojekte im Ausland, unter anderem in Indonesien oder Madagaskar, die auch zu erfolgreichen Abschlüssen führten, aber deutsche Jugendliche seien für eine Ausbildung kaum zu finden. „Die jungen Leute sind heute nicht mehr so belastbar“, sagte Ganter, „und die Ausbildungsstätten müssen viele Benefits bieten, um als Arbeitgeber attraktiv zu bleiben.“ Mit einer Kampagne in den sozialen Medien sollen nun gezielt junge Menschen angesprochen werden, an Schulen werde schon lange mit Praktika geworben.

Hier die Stellungnahmen von Matthias Ganter lesen

Welche fatalen Auswirkungen der Personal- und Fachkräftemangel haben kann, machte Jens Michow, Präsident und Geschäftsführer des Bundesverbandes der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft, deutlich: Aus einem Hotelzimmer in Frankfurt zugeschaltet berichtete er, dass er just eine lange geplante Veranstaltung in der Frankfurter Festhalle habe absagen müssen. Es sei schlicht unmöglich, ohne Personal und Material eine Veranstaltung zu organisieren. „Wir haben schon improvisiert und abgespeckt ohne Ende, aber es reicht nicht“, sagte Michow und nannte die Situation der Veranstaltungsbranche „desaströs“. Er forderte ein Sonderhilfsprogramm für das kommende halbe Jahr. Ohne einen finanziellen Rettungsschirm die Saison im Winter und Frühling 2022/2023 zu planen, zudem unter der Befürchtung einer erneut aufflammenden Corona-Pandemie sei für die Veranstalter „wirtschaftliches Harakiri“, so Michow.

Für den Bundesverband unabhängiger selbstständiger Reisebüros kritisierte die Vorsitzende Marija Linnhoff die fehlende Weitsicht von Politik und der Flugbranche. Man habe die Reisebüros mit sehr viel Belastungen alleine gelassen. So hätten Airlines Flüge verkauft, von denen sie wissen konnten, dass sie wegen Personalmangels ausfallen würden. „Es fehlte an Weitsicht“, sagte Linnhoff im Ausschuss, „ich kann nicht verstehen, dass man da nicht präventiv tätig wurde. Die Zeche haben dann die Verbraucher bezahlt und die Reisebüros, die mit den Rückerstattungen alleine gelassen wurden.“ Sie bedankte sich bei den Abgeordneten für die finanziellen Hilfen während der Pandemie: „Viele Reisebüros sind jetzt wieder bei 80 Prozent des Vorkrisenniveaus.“ Doch sie appellierte auch an die Politik, zukünftig nicht mehr über die Medien massiv vor Reisen zu warnen, dies habe einen immensen Schaden verursacht.

Dem schloss sich auch Pascal Zahn an, Geschäftsführer der Olimar Reisen Vertriebs GmbH. Die Touristik kenne zwar Krisen, sagte er. Aber die Pandemie habe die Reiseveranstalter in große Bedrängnis gebracht. Da so viele Reisen storniert wurden, mussten die Veranstalter Geld, das schon bei den Airlines und Hotels war, aus eigener Tasche innerhalb von 14 Tagen zurückerstatten. Er hoffe deshalb auch sehr darauf, dass es in Zukunft nicht mehr zu Einschränkungen kommt wie in den Jahren 2020 und 2021, als nach seiner Aussage Deutschland als einziges Land der EU Portugal zum Virusvariantengebiet erklärt hatte.

Michael Buller, Sprecher des Aktionsbündnisses Tourismusvielfalt und Vorstand des Verbands Internet Reisevertrieb fand, dass die Corona-Hilfen richtig und wichtig waren, aber nicht vollumfänglich. „Es gab viele Lücken. Die Branche ist geschwächt in ein neues Wirtschaftsjahr gegangen“, sagte Buller. Es bräuchte drei solcher Jahre wie dieses Jahr, damit man wieder auf ein stabiles Niveau gelange. Man kalkuliere mit Preissteigerungen von 15 bis 20 Prozent. „Das ist alles Gift, die Branche geschwächt.“ Seine Prognose für das kommende Jahr lautete deshalb auch: „Die Situation ist fragil, wir sind bei weitem nicht über den Berg.“

Wie fragil, das brachte Dirk Iserlohe, CEO der HONESTIS AG und Vorsitzender des Aufsichtsrates der Dorint GmbH, deutlich zum Ausdruck: „Wir großen Mittelständler stehen vor dem Nichts.“ Er beklagte die Ungleichbehandlung zwischen Einzelhoteliers und Häusern im Verbund wie in seinem Fall. Man habe nur 45 Prozent Schadensersatz erhalten, im Gegensatz zu Einzelunternehmer, die 85 Prozent bekommen hätten. In den kommenden zwei Jahren würden wegen deshalb nötigen Sparmaßnahmen in seinem Verbund 11.000 bis 17.000 Angestellte ihren Job verlieren. Er appelliert an Bundeswirtschaftsminister Robert Habeck (Bündnis 90/Die Grünen), die Obergrenze beim Schadensersatz von 40 Millionen aufzuheben: „Wir werden durch diese willkürliche Obergrenze, die von Herrn Habecks Vorgänger Peter Altmaier festgelegt wurde, massiv benachteiligt.“

Hier die Stellungnahme von Dirk Iserlohe lesen

Für die Angestellten im Gastgewerbe forderte Christoph Schink, Referatsleiter in der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten, ein Mindestkurzarbeitergeld von 1200 Euro bei Vollzeit. Die Angestellten im Gastro- und Gastgewerbe müssten auch in der Krise angemessen bezahlt werden, „damit nicht noch mehr Menschen die Branche verlassen“, so Schink. Er zitiert eine Umfrage, die ergab, dass sich der Personalmangel selbst verstärkt: „Die Menschen haben angegeben, den Job verlassen zu wollen, weil die Arbeitsbelastung durch den Personalmangel nicht mehr auszuhalten ist.“ Wo vorher eine Person den Job von zweien gemacht habe, mache sie nun den Job von dreien. „Das ist auf Dauer nicht durchzuhalten“, sagte Schink.


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