Englischer «Freedom Day» bringt keinen Konjunkturschub

| Politik Politik

Der «Freedom Day» in England vor 100 Tagen mit dem Ende fast aller Corona-Regeln hat nach Ansicht von Experten der Wirtschaft nicht den erhofften Schub gegeben. Zwar sei die Nachfrage enorm, und Restaurantbuchungen lägen deutlich über dem Niveau vor der Pandemie, sagte die Ökonomin Liz Martins von der Großbank HSBC der Deutschen Presse-Agentur in London. «Aber die Erholung ist nach wie vor nicht vollständig.» Verbraucherorientierte Dienstleistungen seien noch immer deutlich unter dem Vorkrisenstand.

Am 19. Juli hatte der britische Premierminister Boris Johnson so gut wie alle Corona-Regeln in England aufgehoben (Tageskarte berichtete). Auch Abstandsregeln und Maskenpflicht sind seitdem nicht mehr vorgeschrieben. Nachtclubs, Discos und Pubs können unbegrenzt und ohne Vorlage eines Impfpasses Gäste empfangen. Gesundheit ist in Großbritannien Sache der Landesteile. Schottland, Wales und Nordirland haben mittlerweile auch viele Corona-Regeln beendet, gehen aber nicht ganz so weit wie England, das keine eigene Regionalregierung hat.

Vor allem der Arbeitskräftemangel macht einigen Branchen zu schaffen. Dazu habe etwa die «Pingdemie» beigetragen, sagte Michal Stelmach vom Beratungsunternehmen KPMG der dpa. Viele Menschen wurden im Sommer von der Corona-App wegen engen Kontakts zu Infizierten «gepingt», also benachrichtigt, und blieben der Arbeit fern. «Der Umfang und das Tempo der Wiedereröffnung haben einige akute Probleme dabei offenbart, die Nachfrage zu decken», sagte Stelmach. Dadurch habe sich ein Mangel an Waren sowie Arbeitskräften ergeben, hinzu gekommen seien Probleme innerhalb der Lieferkette, etwa die Engpässe bei Halbleitern, die den weltweiten Produktionsprozess behinderten.

Derzeit trifft der Arbeitskräftemangel noch immer Branchen wie die Gastronomie oder die Unterhaltungsindustrie, wie Martins sagte. «Einige Restaurants haben zum Beispiel ihre Mittagsangebote eingestellt.» Einer Umfrage des Branchenverbands Night Time Industries Association zufolge musste im September jeder fünfte Betrieb wegen fehlender Türsteher und Security-Mitarbeiter schließen oder konnte nur reduziert öffnen. Insgesamt gebe es 30 Prozent mehr offene Stellen als vor der Pandemie, sagte Martins.

Auch dass viele Menschen weiterhin von zu Hause aus arbeiten, führt nach Ansicht der Expertin dazu, dass die Wirtschaftskraft hinter den Erwartungen zurückbleibt. Schließlich trifft dies nicht nur die Gastronomie, sondern auch viele Gewerbe rund um die Büroinfrastruktur wie Transport, Instandhaltung und Putzdienste. Derzeit steigen zudem erneut die Corona-Zahlen. «Obwohl die Regierung keine neuen Restriktionen verhängen will, könnten einige Menschen für sich entscheiden, dass sie ihre sozialen Kontakte verringern wollen», sagte Martins.

Der Boom der Öffnungszeit sei vorbei, sagte KPMG-Ökonom Stelmach. Mobilitätsdaten zeigten, dass Einzelhandel und Freizeiteinrichtungen nun etwa so stark besucht seien wie vor der Pandemie. Stelmach verwies darauf, dass das Bruttoinlandsprodukt noch immer um 0,8 Prozent unter dem Wert vor der Pandemie liege.

Auch für die Zukunft hat der Experte zunächst keine positiven Erwartungen. So müssten Verbraucher stark steigende Energie- und Lebenshaltungskosten fürchten, das drücke bereits jetzt auf die Kauflaune. Er erwarte zum Jahresende eine hohe Inflation von 4,1 Prozent, hinzu komme ein bevorstehender deutlicher Steueranstieg. «Der erwartete Zinsanstieg würde auch die Eigenheimbesitzer mit variablen Hypotheken belasten», sagte Stelmach. Auch deshalb hätten sich Verbraucher mit Ausgaben zurückgehalten. Geld ist dabei grundsätzlich vorhanden: Die Ersparnisse hätten im Juli und August um 7,5 Milliarden Pfund (8,87 Mrd Euro) zugelegt. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Keine Entschädigung für Beschäftigte ohne Booster

Arbeitnehmer und Selbstständige können ihren Anspruch auf Ersatz von Verdienstausfällen verlieren, wenn sie keinen vollen Impfschutz durch eine Corona-Drittimpfung haben und in Quarantäne müssen.

Bayerns Verwaltungsgerichtshof kippt 2G-Regel im Einzelhandel

Im Dezember hatte ein Gericht in Niedersachsen die 2G-Regel im Einzelhandel gekippt. Nun hat auch ein Eilantrag gegen die entsprechende Regel in Bayern Erfolg.

Lauterbach will Impfpflicht ab April oder Mai

Die Regierung will bei der Corona-Impfpflicht keinen eigenen Vorschlag machen, sondern dem Parlament das Ruder überlassen. Zum Zeitplan macht Gesundheitsminister Lauterbach aber nun doch eine Ansage.

Krankschreibung am Telefon bei andauernder Pandemie vor Verlängerung

Die Möglichkeit zur Krankschreibung am Telefon bei leichten Atemwegsinfektionen soll bei fortdauernder Corona-Pandemie verlängert werden. Das gelte auch für weitere Sonderregelungen, durch die Kontakte reduziert und Praxen entlastet würden, heißt es aus Berlin.

Neue Regeln bei Genesenenstatus und Impfnachweis – was derzeit gilt

Je mehr Menschen sich mit der ansteckenderen Omikron-Variante infizieren, desto mehr Genesene dürfte es bald auch geben. Festgelegt wurde nun eine kürzere Zeitspanne dafür, wie lange man als genesen gilt.

Corona-Verordnung Thüringen: Vorerst kein 2G-plus in der Gastronomie

Eigentlich sollte der Zugang zur Gastronomie auch in Thüringen verschärft werden - Geimpfte und Genesene sollten zusätzlich einen negativen Corona-Test vorlegen. Den Beschluss von Bund und Ländern setzt Thüringen nun aber vorerst nicht um.

Verschärfte Corona-Maßnahmen in Kitzbühel nach verbotener Après-Ski-Party

Der österreichische Skiort Kitzbühel will scharf gegen wegen der Corona-Pandemie verbotene Après-Ski-Partys vorgehen. Die Außengastronomie muss bis Ende der Woche geschlossen bleiben - auch während der Weltcup-Skirennen der Herren am Wochenende.

Messeabsagen treffen das bayerische Gastgewerbe hart

Das erste Quartal des neuen Jahres wird bereits von vielen coronabedingten Messeabsagen begleitet. Der Bayerische Hotel- und Gaststättenverband DEHOGA Bayern zeigt sich angesichts dieser Entwicklungen besorgt.

Neuer ÖHV-Präsident: Voller Fokus auf Pandemie-Management

Michaela Reitterer hat sich als ÖHV-Präsidentin verabschiedet. Ihr folgt Walter Veit. Oberste Priorität hat für den neu gewählten Branchensprecher die Bewältigung von Pandemie und Wirtschaftskrise

Corona-Verordnung Sachsen-Anhalt verzichtet auf 2G-Plus-Regel in Gastronomie

Die Landesregierung hat die geltenden Corona-Regeln bis Ende Januar verlängert. Wenn besser abzusehen ist, wie sich die Omikron-Variante in Sachsen-Anhalt verbreitet, könnten neue Maßnahmen ergriffen werden. Auf eine inzidenzunabhängige 2G-plus-Regelung wird verzeichtet.