«Freedom Day»: Keine Beschränkungen mehr für Clubs oder private Partys in England

| Politik Politik

Es hätte das glorreiche Ende der «Einbahnstraße Richtung Freiheit» sein sollen: Menschen, die sich in den Armen liegen, in vollen Clubs die Nacht durchtanzen und die Masken fallen lassen. So die Vision von Boris Johnson, der über Monate hinweg seinen «vorsichtigen, aber unumkehrbaren Weg» pries, an dessen Ende der langersehnte «Freedom Day» stehen sollte. Diesen Tag der Freiheit erlebt England nun auch - doch von Vorsicht kann keine Rede mehr sein. Und im Fall von Boris Johnson auch nicht von Freiheit. Der Premierminister ist als enger Kontakt seines infizierten Gesundheitsministers seit dem Wochenende in Quarantäne.

Die englische Corona-Strategie steht nun ganz unter dem Motto: Eigenverantwortung. Masken sind seit Montag an den meisten Orten freiwillig, genauso wie Abstandhalten. Es gibt keine Beschränkungen mehr für Clubs oder private Partys, auch Theater und Kinos dürfen ihre Säle voll besetzen. Tausende Feierwütige begrüßten ihre neugewonnene Freiheit schon in den frühen Morgenstunden mit der ersten Clubnacht seit Monaten.

Währenddessen lässt die hochansteckende Delta-Variante die Zahl der Corona-Infizierten in Großbritannien immer weiter ansteigen - ein Abflachen der Welle ist nicht in Sicht, die Sieben-Tage-Inzidenz lag zuletzt bei 376. Pro Tag werden fast täglich mehr als 50 000 Fälle registriert - beinahe so viele wie zum Höhepunkt der zweiten Welle zum Jahreswechsel.

Weitreichende Lockerungen bei hoher Impfquote, aber auch extrem hohen Infektionszahlen: Es ist ein Experiment, wie es in kaum einem Land in dieser Form probiert wurde. Und bereits jetzt, noch weit vor dem mutmaßlichen Höhepunkt der aktuellen Welle, zeigt sich, dass Freiheit und Pandemie nicht so recht zusammenpassen wollen: Rund 1,7 Millionen Briten befinden sich einem Bericht zufolge derzeit in Quarantäne, weil sie als enge Kontakte von Infizierten durch die Corona-App «gepingt» oder vom Gesundheitsdienst angerufen wurden.

Die «Pingdemic», wie das Phänomen bereits von britischen Medien getauft wurde, wird zum logistischen Problem an jeder Ecke: Weil Bahnfahrerinnen, Bedienungen oder Kassierer fehlen, mussten U-Bahn-Linien bereits zeitweise ihre Fahrten einstellen, erste Pubs wieder schließen oder Supermärkte über verkürzte Öffnungszeiten nachdenken. Wirtschaftsverbände fordern, die Pflichtquarantäne nach einem Kontakt mit Infizierten für Geimpfte durch tägliche Tests zu ersetzen - im Gesundheitsdienst ist dieses Prinzip bereits eingeführt worden.

Doch auch drei führende Regierungsmitglieder im Kampf gegen die Pandemie, die den «Freedom Day» alles andere als frei verbringen müssen, scheinen der Regierung nicht Warnung genug zu sein. Johnson, der nur für den größten britischen Landesteil England die Corona-Politik macht, vertraut weiter voll und ganz auf den Schutz der bisherigen Impfungen.

Inzwischen haben 88 Prozent der Erwachsenen im Vereinigten Königreich eine erste Impfung erhalten. Knapp 68 Prozent sind bereits zweimal geimpft. Doch Experten zweifeln daran, ob das ausreichen wird, um einer großen Infektionswelle standzuhalten. Dem Epidemiologen Neil Ferguson vom Imperial College in London zufolge ist es «beinahe unausweichlich», dass die Zahl der täglichen Neuinfektionen die Marke von 100 000 bald überschreitet. «Die echte Frage ist, ob es sogar doppelt so viel wird, oder sogar noch mehr», sagte Ferguson der BBC am Sonntag. Im schlimmsten Fall, wenn die Zahl der Krankenhauseinweisungen 2000 oder 3000 täglich erreiche, müssten doch wieder Maßnahmen ergriffen werden, um die Lage wieder in den Griff zu kriegen, warnte er.

Der Premier jedoch, für den eine Verschärfung der Maßnahmen dem Bruch eines politischen Versprechens gleichkäme, hat sich allen Warnungen zum Trotz fürs Zocken entschieden. Wie Johnsons «Freedom Day-Glücksspiel», als das die BBC die Lockerungen bezeichnete, ausgehen wird, bleibt abzuwarten. Bislang so scheint es, hat noch immer das Virus die besseren Karten. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Bundestag entscheidet über «epidemische Lage» - Kritik aus Opposition

Der Bundestag berät heute über die Verlängerung der «epidemischen Lage von nationaler Tragweite». Die festgestellte Lage gibt dem Bund das Recht, direkt ohne Zustimmung des Bundesrates Verordnungen zu erlassen. Die erneute Verlängerung wegen Corona ist umstritten.

 

Spitzenkandidaten zur Wahl zum Abgeordnetenhaus stehen Berliner Gastgebern Rede und Antwort – heute mit Klaus Lederer (Die Linke)

Am 26. September 2021 wird auch in Berlin eine neue Landesregierung gewählt. Der Präsident des DEHOGA Berlin, Christian Andresen und Bernhard Moser vom „eat! Berlin Feinschmeckerfestival“, haben den Spitzenkandidaten in Video-Interviews auf den Zahn gefühlt. Heute steht Klaus Lederer von der Linken Rede und Antwort. (Mit Video)

Kein Zutritt für Ungeimpfte: Hamburger Senat beschließt Zwei-G-Modell

Gastronomie, Clubs, Kneipen und Kultureinrichtungen in Hamburg können ihre Kapazitäten von Samstag an nahezu wieder vollständig nutzen, sofern Ungeimpfte keinen Zutritt haben.

Bayerns Gesundheitsminister setzt auf Corona-Kontrollen durch Gastwirte

Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek setzt darauf, dass Gastronomen und Hoteliers die seit Montag geltende sogenannte 3G-Regel bei Inzidenzen über 35 auch kontrollieren. Sollte dies nicht geschehen, müsse man das sanktionieren.

Bund will 50er-Inzidenz abschaffen - Keine Einschränkungen für Geimpfte

Kurswechsel in der Corona-Politik in Deutschland: Künftig sollen Beschränkungen nicht mehr allein von der Inzidenz abhängig sein. Gleichzeitig steigt der Druck auf Menschen ohne Impfung.

Arbeitgeber und Gewerkschaften rufen zur Impfung auf

Angesichts des stockenden Tempos der Corona-Impfungen in Deutschland rufen Arbeitgeber und Gewerkschaften gemeinsam die Menschen zur Impfung auf. Jeder Geimpfte helfe, die Ausbreitung von Covid-19 zu bekämpfen und zu mehr Normalität im Privat- und Arbeitsleben zurückzukehren.

Restaurants in NRW müssen Gästedaten nicht mehr erfassen

Laut der seit Freitag gültigen Corona-Schutzverordnung müssen die Restaurants, Cafés und Kneipen in NRW nicht mehr festhalten, wer von wann bis wann bei ihnen war. Der Restaurantverband Dehoga hat den Wegfall der Gästelisten-Pflicht in der Corona-Pandemie begrüßt.

Arbeitsminister für Corona-Impfung auch während der Arbeitszeit

Wie lassen sich im Kampf gegen die Pandemie mehr Impfungen erreichen? Indem sie so einfach wie möglich gemacht werden, darüber sind sich alle einig. Minister Heil hat da eine Idee.

Jurist sieht kostenpflichtige Corona-Tests unproblematisch

Wer nicht geimpft ist und ab einer bestimmten Infektionszahl ins Restaurant gehen will, muss sich auf das Coronavirus testen lassen. Ab 11. Oktober ist das nicht mehr für alle kostenlos. Kritiker warnen vor einem indirekten Impfzwang. Der Jurist Schmidt sieht das anders.

3G-Regelungen in Hotels und Restaurants: föderaler Flickenteppich

Die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz vom 10. August sollen Klarheit schaffen. Auch Gastronomie und Hotellerie könnten von den Lockerungen profitieren –doch noch herrscht ein Flickenteppich an Verordnungen, wie eine Grafik verdeutlicht.