Reiseverhalten der Deutschen verändert sich nach der Corona-Pandemie nur schleichend

| Tourismus Tourismus

Unter dem Titel „Wie tickt der Tourist?“ diskutierte das Bayerische Zentrum für Tourismus (BZT) am 20. Mai 2021 mit Experten aus der Wissenschaft im Rahmen der Jahresdialogreihe „Tourismus neu denken –Bleibt alles anders?“. Im Fokus der Veranstaltung standen neben dem veränderten Reiseverhalten der Deutschen in Zeiten der Pandemie auch zukünftige Reisetrends und Einstellungen sowie Reisemuster von Touristen.

Wie aktuelle Umfragen des BZT und der ReiseAnalyse zeigen, ist die Reiselust der Deutschen ungebrochen. Allerdings führen die derzeit geltenden Maßnahmen zur Eindämmung der Pandemie zu weitreichenden Reiseeinschränkungen. Wie geht es weiter, welche Trends und welches Reiseverhalten sind zukünftig zu erwarten? Diesen und anderen Fragen stellten sich Wissenschaftler während der digitalen Konferenz unter Leitung von Prof. Dr. Alfred Bauer.

Gesundheit als wesentlicher Sicherheitsaspekt bei der Reiseentscheidung

Wie tickt der Tourist nach einem Jahr Pandemie? Reiseentscheidungen basierten auch bereits vor der Pandemie sehr stark auf individuellen Bedürfnissen – die Pandemie hat „Sicherheit“ und „Gesundheit“ in den Mittelpunkt der Reiseentscheidung gerückt. Beide Aspekte beeinflussen die Wahl der Destination und der Urlaubsart. „Das Reisen ist von persönlichen Bedürfnissen getrieben, die durch die Corona-Pandemie lediglich unterdrückt wurden", so Dr. Marion Karl vom Lehrstuhl für Wirtschaftsgeographie und Tourismusforschung der Ludwig-Maximilians-Universität München. Dabei gibt es risikofreudigere Touristen genauso wie diejenigen, die beim Reisen nur ein geringes Risiko eingehen möchten.

Aktuelles Reiseverhalten: 39 Prozent der Deutschen wollen in diesem Jahr verreisen

Laut einer repräsentativen Umfrage des Bayerischen Zentrums für Tourismus aus dem März 2021 wollen rund 39 Prozent der Deutschen auf jeden Fall noch in diesem Jahr verreisen. 28 Prozent möchten zwar verreisen, warten aber noch ab. „Diese Personengruppe ist insbesondere aufgrund der Reiseeinschränkungen und den politischen Regelungen wie Quarantäneauflagen zögerlich. Wenn sie nicht verreisen, möchten sie zumindest Tagesausflüge in ihrem Sommerurlaub unternehmen“, dokumentierte Cathrin Schiemenz vom Bayerischen Zentrum für Tourismus das Verhalten der Reisenden.

Besonders von den Restriktionen der Pandemie betroffen ist die junge Generation: Aus einer nicht repräsentativen Umfrage unter Erstsemesterstudierenden in Bayern lässt sich ableiten, dass innerhalb der Generation Z (Geburtenjahrgänge zwischen 1995 und 2010) weniger die Erholung beim Reisen, sondern vielmehr das Interesse an anderen Kulturen, Landschaften und Menschen eine Rolle bei der Reiseentscheidung spielt.

Schiemenz berichtete weiterhin, dass in beiden Umfragen auch nach Aspekten der Nachhaltigkeit beim zukünftigen Reiseverhalten gefragt wurde. Die Studienergebnisse aus dem März zeigen, dass 33 Prozent schon jetzt das Thema Nachhaltigkeit beim Reisen berücksichtigen. „Rund die Hälfte gibt jedoch an, dass sie bisher nicht darauf geachtet haben und auch zukünftig nichts ändern werden“, ein Trend, der trotz Corona nicht beeinflusst werden konnte. Die jüngere Generation nimmt das Thema Nachhaltigkeit im Tourismus ernst. Angeregt durch die Corona-Pandemie haben zwei Drittel der Erstsemesterstudierenden im Alter von 25 Jahren oder jünger über ihr zukünftiges Reiseverhalten nachgedacht. 50 Prozent von ihnen möchten zukünftig mehr auf Nachhaltigkeit beim Reisen achten.

Reisetrends 2030: Multioptionalität, Inlandstourismus und Nachhaltigkeit im Fokus

„Der Wunsch zum Reisen, eine hohe Konsumpriorität und vielfältige Gestaltungswünsche sind als Trends zu beobachten“, skizzierte Ulf Sonntag von der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen e.V. die Reisetrends für 2030. „Der zukünftige Markt wird durch sich wandelnde Zielgruppen, einer zunehmenden Bedeutung von Kurzurlaubsreisen, Digitalisierung und Nachhaltigkeit im Tourismus noch dynamischer werden“, so Sonntag. Den Touristen der Zukunft beschreibt der Tourismusforscher als multioptional, flexibel, bunter, älter, always online, reisekompetent, motiviert, interessiert und familiengeprägt.

„Die Corona-Pandemie war und ist eine Chance für den Inlandstourismus und somit auch für den Tourismus in Bayern. Jetzt gilt es, neue Gäste zu gewinnen beziehungsweise die Menschen zu begeistern, die seit längerer Zeit keinen Urlaub im eigenen Land gemacht haben“, merkte Sonntag an. Er betont auch, dass sich Auslandsreisen, sobald es die Rahmenbedingungen zulassen, wieder auf das Vor-Pandemie-Niveau einpendeln werden. Die Urlaubsmotive und Bedürfnisse der Touristen blieben unverändert und hätten durch die Corona-Pandemie sogar an Bedeutung gewonnen. Bei der Wahl des Verkehrsmittels oder der Unterkunft werde es dauerhaft wenige Veränderungen geben.

Hinsichtlich der Wertschätzung und Nachhaltigkeit bei Reisen sind Veränderungen seitens der Nachfrage zu beobachten. Jedoch braucht es für nachhaltigen Tourismus auch zwingend entsprechende Angebote. „Die Branche muss dafür sorgen, dass das Angebot nachhaltiger und wertiger wird. Wenn es die Branche nicht schafft, den Tourismus nachhaltiger zu gestalten, dann wird die Politik auf kurz oder lang regulierend eingreifen“, betonte Sonntag abschließend zu seinem Vortrag.

CCC-Konzept: Crowding – Contact – Control als Säulen eines kontaktarmen Tourismus

Reiseerlebnisse sind geprägt von Kontakten und Erlebnissen miteinander. Das Reisen in Zeiten der Pandemie stellt die Aspekte „Sicherheit“ und „Kontaktreduzierung“ in den Mittelpunkt. Der Tourist möchte unter Wahrung der notwendigen Sicherheitsaspekte ein maximales Urlaubserlebnis haben. Die Gestaltung eines solchen Urlaubs wird gerade an der Universität Augsburg untersucht. PD Dr. Markus Hilpert vom Lehrstuhl für Humangeographie und Transformationsforschung an der Universität Augsburg stellte das Forschungsprojekt „Low- & No-Touch-Tourism: das CCC-Konzept“ vor. Es beinhaltet drei wesentliche Säulen für einen kontaktarmen beziehungsweise kontaktlosen Tourismus.

In erster Linie geht es um die Reduzierung von „Crowding“, also die Vermeidung beziehungsweise die Reduzierung von Schlangenzeiten, größeren Ansammlungen oder Stauungen. Zudem zielt das zweite C mit „Contact“ auf die Minimierung physischer Kontakte zwischen Reisenden und Tourismusanbietern ab. Das dritte C steht für „Control“ und beschreibt die Reduzierung von physischen Kontakten mit hochfrequentierten Oberflächen (Aufzugknöpfe, Displays, Lichtschalter).

„Es gilt, eine berührungsarme Urlaubsumgebung beispielsweise durch Sprachsteuerung, Bewegungssensorik, Digital-Room-Keys auf dem Smartphone oder Gesichtserkennungen zu schaffen“, so Hilpert. Im Bereich der Umsetzbarkeit und der Akzeptanz solcher Maßnahmen ist sich Hilpert sicher: „Ein No-Touch-Tourist ist für die Tourismusbranche nicht interessant. Die große Masse wird von der Angebotsseite Low-Touch-Angebote wahrnehmen und sich nicht in einen kontaktlosen Tourismus wiederfinden wollen.“

Wie tickt der Tourist nach Corona: Nachholbedürfnis groß, Reiseverhalten eher unverändert

Alle Experten der Diskussionsrunde sind sich einig, dass es nach der Corona-Pandemie keine gravierenden Änderungen im Reiseverhalten geben wird. Je nach Sicherheitslage sind Aufholprozesse zu erwarten, da sich die ökonomische Situation für weite Teile der Bevölkerung nicht verschlechtert hat. Das Nachholbedürfnis nach Reisen ist groß, da dies während der Corona-Pandemie nicht kompensiert werden konnte. Generell ist das Sicherheitsbedürfnis der Menschen gestiegen. Durch die Corona-Pandemie wurde deutlich, dass Reisen mit Gefahren verbunden ist. Dies führt (zunächst) zu einer bewussteren Entscheidung für das Reiseziel.

„Evolution statt Revolution: (Notwendige) Veränderungen werden schleichend kommen, nicht ad hoc. Nachhaltigkeit im Tourismus ist ein wichtiges Handlungsfeld. Es bleibt zu hoffen, dass die Akzeptanz für entsprechende Maßnahmen zunimmt, die Wertschätzung für das Reisen insgesamt einen hohen Stellenwert einnimmt und die Angebotsseite als auch die Politik zukunftsfähige Lösungen und Konzepte finden, die das Thema Nachhaltigkeit und Klimaschutz priorisieren“ resümierte Prof. Dr. Alfred Bauer, Vorsitzender des Bayerischen Zentrums für Tourismus.


Zurück

Vielleicht auch interessant

Was klingt, wie ein schlechter Scherz, ist tatsächlich ernst gemeint: Ein Reiseveranstalter lockt Touristen in die Ukraine und bietet Tagestouren in die sogenannten „Brave Cities“ an – also in die Städte, die sich den russischen Angreifern widersetzt haben und weiterhin Widerstand leisten.

Auch die Tourismusbranche in Teilen Vorpommerns schaut gebannt auf die Suche nach der Ursache für das Oder-Fischsterben. Der Landesverband hofft, dass es nicht zu schlimm kommt.

Mallorca ist und bleibt eine der beliebtesten Urlaubsdestinationen für die Deutschen. Doch welche Städte sollten Reisende aufsuchen, um Touristenmassen zu entgehen und eine typisch mallorquinische Seite der Insel zu entdecken?

Urlauber lassen sich nach zwei Corona-Jahren einer Umfrage zufolge auch nicht von finanziellen Engpässen schrecken. So sind 14 Prozent der Menschen in Deutschland bereit, für die schönsten Wochen des Jahres ihr Konto mit einem Dispositionskredit zu überziehen.

Wer in diesem Jahr in Deutschland Urlaub macht oder hier die Sommerferien verbringt, kann dank der zahlreichen Zoos und Tierparks dennoch auf Weltreise gehen. Welcher deutsche Zoo der Beste ist, wollte das Portal kurz-mal-weg.de wissen.

Die Preise für Reisen werden in den verbleibenden Monaten des Jahres 2022 und im Jahr 2023 voraussichtlich weiter steigen, so der "Global Business Travel Forecast 2023" von CWT und der Global Business Travel Association (GBTA).

Die Reiselust der Deutschen ist ungebrochen, auch wenn es um Geschäftsreisen geht. Die Corona-Pandemie hat einige Reisegewohnheiten jedoch nachhaltig verändert, wie eine Auswertung von AirPlus International zeigt.

Der Chef der irischen Fluglinie Ryanair, Michael O'Leary, sieht in den kommenden Jahren keinen Spielraum für extreme Billigtarife zwischen einem und zehn Euro. Dass die Menschen aufgrund der gestiegenen Energiekosten aufs Fliegen verzichten, glaubt O'Leary hingegen nicht.

Nach den Waldbränden in der Sächsischen Schweiz sollen Urlauber im Herbst und Winter gezielt in die Region gelockt werden. Wie die Tourismus Marketing Gesellschaft Sachsen (TMGS) am Donnerstag mitteilte, wurde dazu ein Maßnahmenpaket verabschiedet.

Das 9-Euro-Ticket scheint den Ausflugstourismus mit der Bahn in ländlichen Regionen anzukurbeln. Wie das Statistische Bundesamtes berichtet, lagen Reisen mit der Bahn im Juni und Juli ab 30 Kilometern in ländlichen Tourismusgebieten im Schnitt um 80 Prozent höher als in den Vergleichsmonaten der Vor-Coronazeit.