Zwischen den Zeilen lesen: Was wirklich in Stellenanzeigen steht

| Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten

Wer auf Stellensuche ist, durchflöht meist Hunderte von Stellenanzeigen. Nach einer Weile klingen alle ähnlich. Können Bewerberinnen und Bewerber anhand der Jobausschreibung überhaupt schon etwas über einen potenziellen Arbeitgeber herausfinden? Und: Steckt da vielleicht sogar mehr zwischen den Zeilen als man auf den ersten Blick meinen könnte?

Stellenanzeigen hätten sich in den vergangenen Jahren weiterentwickelt, sagt Wolfram C. Tröger. Es gehe nicht mehr nur rein darum, Aufgaben und Erwartungen darzustellen. Er hält sie daher nach wie vor für ein probates Mittel für Unternehmen, um auf eine Vakanz neugierig und aufmerksam zu machen.

Allerdings käme es hier auf das für die Anzeige genutzte Medium an. In einem Online-Portal sind die Angebote mobil optimiert, einige Bullet-Points zählen die Kernpunkte auf. «Hier zwischen den Zeilen zu lesen, ist schwierig», sagt der Vizepräsident des Bundesverbandes Deutscher Unternehmensberater.

Wichtige Anforderungen werden zuerst genannt

Tatsächlich sei es bei gut gemachten Stellenanzeigen so, dass Punkte mit größerer Priorität weiter oben oder vorne stehen, sagt Tröger. Ähnlich wie bei Zeugnissen. Bewerberinnen und Bewerber müssen dann unterscheiden, was ein Muss und was wünschenswert ist.

«Personalverantwortliche finden es gut, wenn im Bewerbungsgespräch transparent damit umgegangen wird, was die Kandidatinnen und Kandidaten schon können und mitbringen und an welchen Punkten sie gewillt sind, sich weiterzubilden», sagt Inga Dransfeld-Haase.

Was ist mir wichtig?

Viele Unternehmen wüssten mittlerweile, dass es die Musterkandidatinnen und -kandidaten nicht gibt. Die Präsidentin des Bundesverbands der Personalmanager (BPM) rät, für sich selbst festzulegen, was einem wichtig ist und den Text danach zu durchsuchen.

Steht in der Anzeige «wir»? Oder werden Attribute wie durchsetzungsstark betont, die sehr männlich wirken? Wird die Vereinbarkeit von Familie und Beruf hervorgehoben oder ist sie zumindest gewünscht? Vielleicht gibt es sogar ein Siegel, mit dem geworben wird. «Das spricht zumindest dafür, dass sich das Unternehmen entsprechend kümmert», sagt Dransfeld-Haase.

Nicht jedes Unternehmen lebt, was es anpreist

«Die Unternehmen, die verstanden haben, dass wir einen Bewerbendenmarkt haben, schreiben vorne ihre Pluspunkte hin», sagt auch Tröger. Also zuerst die Position, dann die Angebote, dann die Anforderungen des Tätigkeitsfeldes. Die Angebote können von einer Kita über Besonderheiten der Tätigkeit bis hin zu Arbeitszeiten oder Homeoffice reichen.

Daran merke man, dass sich das Unternehmen mit dem Markt und seinen Entwicklungen beschäftigt. «Daraus kann ich ableiten, dass sie vielleicht etwas innovativer und mitarbeiterfreundlicher sind, das muss aber nicht so sein», so der Personalberater. Denn nicht jedes Unternehmen lebe das, was es anpreise.

Wie im Hotelprospekt

Wenn Sie zwischen den Zeilen lesen wollen, ist das Dransfeld-Haase zufolge so ähnlich wie bei einem Hotel-Prospekt. «Wir sind ein dynamisches Unternehmen» kann beispielsweise heißen, dass man schnell gewachsen ist, die Strukturen aber hinterherhinken. Ein «gut eingespieltes Team» kann bedeuten, dass es für Neulinge schwer werden könnte, weil alle schon lange zusammenarbeiten und sich kennen.

Wenn es heißt, man suche eine strukturierte Persönlichkeit, kann das ausdrücken, in der Abteilung sind viele kreative Köpfe und man will die Seiten mehr ausbalancieren. Das würde für die Qualität der Suche sprechen, findet Dransfeld-Haase.

Es lohnt sich, genau auf die Formulierungen zu achten: Widersprechen sich etwa die Eigenschaften, die Bewerberinnen und Bewerber mitbringen sollen? «Dann kann man davon ausgehen, dass die Firma sich nicht viele Gedanken gemacht hat», sagt Tröger und führt die Attribute «durchsetzungsstark und teamfähig» als Beispiel an.

Abgleich mit anderen Quellen

Punkte, die man aus der Stellenanzeige ableitet oder herauszulesen glaubt, sollte man laut Tröger immer noch einmal mit der Homepage oder Bewertungsportalen abgleichen. Dransfeld-Haase empfiehlt: «Gehen Sie Ihr eigenes Netzwerk durch und schauen, ob Sie jemanden kennen, der dort arbeitet, um die Kultur des Unternehmens zu recherchieren.»

Im Internet lassen sich zudem oft weitere Infos abseits der Firmenwebsite finden, zum Beispiel Pressemitteilungen oder Presseberichte. Wie werden etwa Jubiläen gefeiert? Hat sich die Firma vielleicht vor einiger Zeit aus der Insolvenz befreit?

Tröger legt allen Bewerbenden ans Herz, zu telefonieren. Ist ein Personalreferent oder eine Personalreferentin genannt? Wer sich bewerben möchte, kann dort anrufen und Fragen klären, die eine Stellenanzeige aufgeworfen hat.

Erstens positioniert man sich damit selbst und zweitens bekommt man einen ersten Eindruck vom Unternehmen. Die zweitbeste Variante wäre eine Mail. Es sei ein positives Signal, wenn Unternehmen derartige Unterstützungen gerne anbieten, so Tröger.


Zurück

Vielleicht auch interessant

Zwei Drittel der Unternehmen kämpfen mit Fachkräftemangel

Fachkräftemangel stellt die deutsche Wirtschaft weiter vor große Probleme. Laut einer aktuellen Umfrage trifft er zwei Drittel der Unternehmen. Experten fordern energisches Handeln, denn auch der Blick in die Zukunft ist nicht rosig.

Wie viel Privates ist am Arbeitsplatz erlaubt?

Sich acht Stunden nur mit beruflichen Dingen beschäftigen? Das entspricht in vielen Fällen wohl nicht dem Arbeitsalltag von Beschäftigten. Wann aber sind private Tätigkeiten überhaupt erlaubt?

mrp hotels: Die aktuelle Situation für den Tourismus auf den Finanzmärkten

mrp hotels und Monika Rosen-Philipp analysieren die aktuelle Situation für den Tourismus auf den Finanzmärkten. So sei die Nachfrage nach Hotelimmobilien weiter ungebrochen. Zweigeteilt sieht die Finanzexpertin die derzeitige Situation an den internationalen Aktienmärkten.

Kosten für FFP2-Masken & Co. steuerlich absetzen?

Viele Arbeitnehmer und Arbeitnehmerinnen müssen weiterhin bei ihrer beruflichen Tätigkeit eine medizinische Maske tragen. Wenn Beschäftigte selbst für die Anschaffung aufkommen müssen, können sie aber steuerlich profitieren.

Verkürzte Kündigungsfrist: Kann sich die Probezeit verlängern?

Wer einen neuen Job anfängt, startet oft mit einer Probezeit. Die muss nicht immer ein halbes Jahr dauern. Aber darf der Arbeitgeber eine kürzere Probezeit im Nachhinein verlängern?

Tarifbeschäftigte erhalten häufiger Weihnachtsgeld

Die Sonderzahlungen zum Jahresende sind bei vielen Beschäftigten fest eingeplant. Doch Chancen auf das so genannte Weihnachtsgeld haben längst nicht alle Arbeitnehmer. Im Gastgewerbe wird mit durchschnittlich 861 vergleichsweise wenig Weihnachtsgeld gezahlt.

Bis wann müssen Arbeitgeber den Lohn überweisen?

Jeden Monat unterschiedlich oder immer zu spät: Kommt das Gehalt nicht pünktlich, kann das für Beschäftigte Folgen haben. Aber wann muss das Geld auf dem Konto sein? Gibt es dazu eine Regel?

Beliebteste Marken in Hotellerie und Gastronomie

Die Marktforscher von Yougov und das Handelsblatt zeichnen, auch in Gastronomie, Hotels und Tourismus, die beliebtesten Marken 2021 aus. Die Nordsee gewinnt in der Gastronomie, Steigenberger holt sich den Spitzenplatz bei den Hotels.

Netzwerke für gefälschte Google-Bewertungen aufgedeckt

Der Bayerische Rundfunk und das Schweizer Fernsehen haben herausgefunden, dass tausende Google-Bewertungen gefälscht sind. Demnach gibt es ganze Netzwerke von Accounts, die für den Schwindel verantwortlich sind. In Brüssel kämpfen Verbände dafür, die Betrügerei zu stoppen

Falsche Elektronische Signatur macht Befristung unwirksam

Eine elektronische Unterschrift von Dokumenten erscheint oft praktisch. Für Verträge nimmt man aber lieber ein zertifiziertes System. Die Folgen können sonst weit reichen - etwa für Arbeitsverträge.