André Witschi zur Zukunft der EHL: „One size fits all, das ist passé!“

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Die Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) glaubt an das Potenzial der Jugend. Die international impulsgebende Hospitality-Management-Universität in der Westschweiz baut derzeit ihr Ausbildungssystem von Grund auf um, um kluge Köpfe noch besser zu fördern und die Branche voranzubringen. Stiftungsratspräsident, Ex-Accor-Deutschland- und Ex-Steigenberger-Chef, André Witschi zeigt auf, wohin die Reise gehen soll.

Herr Witschi, Sie präsidieren die EHL-Gruppe, also die Stiftung, die die weltweit beste Hotelfachschule in Lausanne trägt. Die EHL gilt als Pionier in der Hospitality-Industrie. Trotzdem befinden Sie sich gerade in einer grundlegenden Transformation. Ist denn das Traditionelle nicht mehr gut genug?

André Witschi: Nun, wir sind seit 125 Jahren – seit unserer Gründung also durch den visionären Hotelier Jacques Tschumi – bestrebt, nicht zu ruhen. Und so haben wir es stets geschafft, bewährte Formate in Lehre und Forschung ins Heute zu übersetzen. Aktuell machen wir uns digitale Technologien sowie andere innovative Ansätze zunutze, um die Schule für die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts fit zu machen.

Und wo bleiben vor lauter Kopf das Herz und die Hand?

André Witschi: Wir verstehen die klassische universitäre Ausbildung und die digitale Welt nicht als zwei getrennte Sphären. Vielmehr kombinieren wir beide Aspekte sorgfältig und effizient. Dies ermöglicht eine neue Art von Unterricht, die unseren Studierenden ebenso wie unseren Partnern Mehrwerte bringt. Wir haben dafür das Schweizer Vorzeigebildungssystem perfektioniert, indem wir die hohe Kunst der Gastfreundschaft und neueste wissenschaftliche Erkenntnisse aus der Bildungsforschung zu einem ganzheitlichen Ansatz vereinen.

Wie muss man sich dies konkret vorstellen?

André Witschi: Gerade in der anspruchsvollen Hotellerie- und Tourismusbranche ist es nicht leicht, Führungspersönlichkeiten mit den richtigen Fähigkeiten zu entwickeln. Viel Zeit und Arbeit fliesst deshalb in die Entwicklung von Programmen, Modulen und Praktika, die perfekt aufeinander abgestimmt sind. EHL-Absolventinnen und Absolventen sollen global gefragte Hospitality-Manager mit einem breiten Spektrum an Know-how und unternehmerischen Fähigkeiten sein. Ihr Können gründet auf mutigen Ideen und profunden Branchenkenntnissen.

Stichwort Innovation – wie bleibt die Schule hier selbst am Ball?

André Witschi: Wir investieren systematisch in digitale Start-ups und Strategien. Im Mittelpunkt steht dabei der neue EHL Innovation Hub. Er wurde für die besten Entwickler und innovativen Köpfen ins Leben gerufen. Wir schaffen ein Umfeld, wo sie nebst finanzieller Unterstützung auch eine optimale Infrastruktur vorfinden, um ihre Visionen umzusetzen.

Steht der Hub denn schon?

André Witschi: Ja. Er ist in einer komplett umgebauten Reitmanege untergebracht, in unmittelbarer Nachbarschaft zum EHL-Campus. Wir sind im Herbst 2018 gestartet, mit 11 Partizipierenden. Hospitality-Start-ups erhalten auf diesem Weg einen denkbar einfachen Zugang zu erfahrenen Dozierenden und Branchenexperten. Unternehmen wiederum können diese Plattform nutzen, um eigene Thinktanks zu etablieren. Wir sind offen für Forschungs- sowie Pilotprogramme, die aktiv zur Entwicklung der Branche beitragen.
 

Das heißt, dahinter steckt auch ein Businessmodell?

André Witschi: Absolut. Der digitale Markt ist riesig. Deshalb investieren wir systematisch in digitale Programme und Technologien. Denn wir wollen unsere Kunden und Partner besser verstehen und ihnen genau jene Dienstleistungen anbieten, die sie wünschen. Der Ansatz „one size fits all“ gehört definitiv der Vergangenheit an. Unser Beratungs- und Weiterbildungsunternehmen, EHL Advisory Services, ist permanent am Markt präsent und weiss, wo neue Talente und Kompetenzen gefragt sind. Dementsprechend werden die Lernmethoden und -inhalte in Zusammenarbeit mit grossen Hotelketten und internationalen Forschungseinrichtungen ständig weiterentwickelt.

Und was bringt so ein Hub für die Studierenden selbst?

André Witschi: Sie kennen die Hospitality Industrie – sie wächst und wächst. Und überall, jeden Tag, jede Stunde, ja jede Minute, braucht es neue Erfindungen. Denken Sie an das Hotelzimmer der Zukunft. Oder an neue Lieferketten. Oder an die Reduktion von Food Waste. Das ist eine riesige Chance für uns Bildungseinrichtungen. Unsere Studierenden können beispielsweise im Hub Praktika absolvieren und so ein Netzwerk zu verschiedenen Organisationen in aller Welt knüpfen.

Sie setzen fundamental auf das Konzept des Campus – wieso eigentlich?

André Witschi: Die EHL mit ihren fast 3000 Studierende aus mehr als 100 Ländern ist so etwas wie ein natürlicher Incubator und simuliert Bedingungen, wie sie an einem internationalen Arbeitsplatz auch herrschen würden. Ganz gezielt schafft die EHL Programme, die den Abenteuerdurst der jungen Talente und deren Wunsch, Neues zu entdecken, stillen. Vielfältige Aktivitäten auf dem Campus sowie Sport- und Kulturveranstaltungen bieten ihnen Gelegenheit, früh Verantwortung zu übernehmen und Führungsqualitäten zu entwickeln. So profitieren sie automatisch beruflich und persönlich.
 

 

Soft Skills sind gefragter denn je. Nur kann man diese an einer Uni erlernen?

André Witschi: Gute Frage. Klare Antwort: Die EHL-Programme kombinieren praktische Arbeitserfahrung mit einem akademischen Curriculum auf Universitätsniveau. Alle unsere Bachelor-, Master- und MBA-Abschlüsse sowie Kurzprogramme und Online-Kurse zeichnen sich durch eine hohe Praxisnähe aus. Forschungsprojekte sind immer angewandt. Der Vorteil: Die EHL ist als Schweizer Fachhochschule mit amerikanischer Akkreditierung anerkannt. Ihre Abschlüsse entsprechen den Bologna-Anforderungen im Rahmen des European Credit Transfer System.

Und was tut jemand, dem das Manuelle leichter fällt?

André Witschi: Der beginnt seine Karriere an der Swiss School of Tourism and Hotel Management in Passugg im Herzen Graubündens. Dort kann er von der Pike auf sein Können als Hotelier und Gastronom – ganz im guten alten dualen Lernsystem von Berufslehre und Studium – erlernen, dann eine höhere Fachausbildung absolvieren und schliesslich noch einen Bachelor erwerben. Bevor er oder sie – wenn er erst mal Lust am Studieren gewonnen hat – sogar einen Master an der EHL in Angriff nehmen könnte. Dieser „Bildungslift“ ist einzigartig, nicht nur in der Schweiz, sondern europaweit.

Und wohin soll die Reise mit der EHL noch gehen?

André Witschi: Nebst den zwei Campus in der Schweiz – dem Mutterhaus in Lausanne und jenem in Passugg bei Chur in Graubünden – gibt es zehn EHL-zertifizierte Schulen weltweit. Und wenn es nach unseren Wünschen geht, kommt bald schon ein eigener Campus in Asien dazu. Jener in Singapur, wo wir auf grünes Licht der Behörden hoffen. So wollen wir auch künftig ein agiler Player im globalen Markt der Hospitality-Ausbildung bleiben.


André Witschi präsidiert seit 2012 die Stiftung, zu der unter anderem die weltberühmte Ecole hôtelière de Lausanne (EHL) gehört. Ausserdem sind in der EHL Group auch EHL Advisory Services sowie die Swiss School of Tourism and Hospitality (SSTH) in Passugg bei Chur und andere Ausbildungs- und Beratungsunternehmen versammelt. Die EHL gilt als die weltweit führende Hospitality-Managementschule und wurde vor 125 Jahren gegründet. Witschi gehört zudem weiteren Stiftungs- und Verwaltungsräten an. In seiner Management-Karriere war er im Vorstand der Accor Gruppe sowie bei Mövenpick. Als CEO war er unter anderem bei den Accor Hotels Europa, bei den Steigenberger Hotels AG und als Interims-Chef für die Hotels und Resorts der Thomas Cook-Gruppe tätig.


 

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