„Nichts tun ist keine Option“ - Gastbeitrag von HRS-Chef Tobias Ragge

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„Nichts tun ist keine Option“ - Gastbeitrag von HRS-Chef Tobias Ragge

Ich hoffe, mein Update in disem Gastbeitrag für Tageskarte erreicht alle Partner bei guter Gesundheit. In den vergangenen Wochen haben sich die meisten von Ihnen, so wie ich, mit einer neuen Normalität auseinandersetzen müssen. Eine Normalität mit geschlossenen Grenzen, Einschränkungen im täglichen Leben und einem auf das absolute Minimum reduzierten Reiseaufkommen. Auch wenn die ersten Beschränkungen wieder gelockert werden, ist die Situation noch immer dramatisch. Die Geschäftsreisebranche sieht sich mit einem Umsatzeinbruch von über 90 Prozent konfrontiert. Wir alle – HRS gemeinsam mit seinen Kunden und Hotelpartnern – sitzen im selben Boot, das durch eine raue See manövriert.

Auch wenn wir derzeit erste Einschränkungen lockern, wird uns diese Krise noch lange beschäftigen. Ich erwarte, dass es noch 18 bis 24 Monate dauern wird, bis wir im Bereich Corporate Travel von einer Normalisierung sprechen können. In welcher Marktstruktur wir uns dann wiederfinden, ist noch ungewiss. Die Hotellerie durchlebt gerade eine der härtesten Krisen, die die Phase nach den Anschlägen des 11. Septembers und die Finanzkrise übertrifft. Insbesondere Hoteliers aus dem Mittelstand kämpfen ums Überleben. Wir hoffen, dass die Regierungen dieser Welt die notwendigen Soforthilfen schnell umsetzen, damit unsere Hotelpartner diese Phase durchstehen können und wir einem Massenexodus entgehen. Glücklicherweise sieht es derzeit danach aus, als werde bald an den richtigen Stellen Hilfe erfolgen. Dennoch ist jetzt schon davon auszugehen, dass sich die Verteilung zwischen Individual- und Kettenhotellerie weltweit noch weiter verändern wird.

Inlandsreisen werden den Startschuss für die Erholung, während internationale Reiseströme und der Städtetourismus noch etwas mehr Zeit benötigen werden. Geschäftsreisende werden zur noch attraktiveren Zielgruppe, da sie insbesondere in den Kerndestinationen als erste die Auslastung der Hotellerie sichern werden, höhere Ausgaben tätigen und häufiger wiederkommen. Mit Blick auf das Zusammenspiel zwischen Hotelangebot und -nachfrage gehen wir davon aus, dass sich die Märkte in weiten Teilen von einem Verkäufer- hin zu einem Käufermarkt entwickeln werden. Die Vergangenheit zeigt, dass den Krisen wie 9/11 oder der Finanzkrise eine Korrektur der Durchschnittraten folgte. Davon können wir auch in diesem Fall ausgehen, nachdem in den vergangenen Jahren die Entwicklung von Durchschnittsraten und Auslastung kontinuierlich gestiegen ist. Diese Krise unterscheidet sich in einem Punkt aber wesentlich: Hotels weltweit werden strengere Auflagen hinsichtlich Sicherheit und Hygiene erfüllen müssen und werden im ersten Schritt nicht die volle Kapazität nutzen können – steigende Kosten sind die Konsequenz. 

Auch auf Seiten der Unternehmen haben sich die Bedingungen geändert. Die GBTA empfahl jüngst, die Raten aus 2020 einfach für das Jahr 2021 zu übernehmen und hat damit eine Diskussion losgetreten, ob Unternehmen nun in die jährliche Ratenverhandlung mit Hotels gehen sollen oder nicht. Demgegenüber steht das Ergebnis einer weltweiten Blitzumfrage unter unseren Kunden, die wir im Anschluss an die GBTA-Äußerungen gestartet haben. Demnach sind neue Verhandlungen gerade jetzt sinnvoll, wo sich die Raten, aber auch die Anforderungen der Kunden massiv ändern. In diesem Zusammenhang sehen 62 Prozent der Befragten für den Rest des Jahres 2020 und darüber hinaus die Möglichkeit, mit Hotels niedrigere Raten und flexiblere Buchungskonditionen zu verhandeln. Getrieben wird dieser Trend durch den finanziellen Druck, dem viele Unternehmen aufgrund von Umsatzeinbrüchen infolge des weltweiten Wirtschaftsabschwungs ausgesetzt sind. Die Frage wird sein, welche Leistung der Rate gegenübersteht bzw. welche Ratenbestandteile (z.B. Frühstück oder Last Room Availability) überhaupt noch notwendig sind. Es gibt viele neue Facetten, die für Verhandlungen eine Rolle spielen und jetzt neu berücksichtigt werden müssen. Gleichzeitig kündigen viele Firmen an, dass sie zwar die Durchschnittraten reduzieren, aber das Volumen mit einzelnen strategischen Partnern erhöhen wollen – was sich für viele Hotels als deutliche Chance herausstellen wird.

Wir sind uns der ernsten Lage unserer Hotelpartner bewusst und können nachvollziehen, dass unsere Ankündigung der Ambitionen der Firmenkunden nicht zur Begeisterung geführt hat. Indem wir aber die Umfrageergebnisse kommuniziert haben, wollen wir transparent und unabhängig allen Marktteilnehmern einen Blick auf die derzeitige Realität ermöglichen – ohne für eine Seite Stellung zu beziehen. Fakt ist: Jetzt ist es wichtiger denn je, miteinander zu reden und in Verhandlungen seine Positionen darzulegen. Nichts tun ist keine Option. Dabei ist sich HRS seiner Position als Vermittler bewusst und hat ein ureigenes Interesse daran, seine Hotelpartner und Firmenkunden auf Basis transparenter Daten und Prozesse miteinander zu verbinden. Um ein möglichst vollständiges Bild der Ausgangslage und Anforderungen zu haben, werden wir die Ratenverhandlungen in diesem Jahr allerdings verzögert im September beginnen.

Das übergeordnete Ziel für Entscheider im Reisemanagement bleibt klar: Sie müssen dafür sorgen, dass die Reisenden innerhalb der Reiserichtlinien buchen. Erst Recht, da sie nach der Pandemie ihrer Fürsorgepflicht und der Einhaltung von Sicherheits- und Hygienekonzepten auf Reisen streng nachkommen müssen. In diesem Zusammenhang gaben bei unserer Umfrage 86 Prozent an, dass sie nur noch solche Hotels in ihrem Programm bevorzugen werden, die spezifische COVID-19-Hygienemaßnahmen getroffen haben. Doch einzelne Marktteilnehmer werden versuchen, die „alten“ Firmenraten zu unterbieten und die Reisenden aus den Reiseprogrammen zu locken. Auch deshalb müssen die Unternehmen ihre Raten neu verhandeln.

Ich versichere Ihnen: Trotz schwieriger Umstände sind wir weiterhin für Sie da und blicken optimistisch nach vorne. Es wird sicher noch etwas dauern, bis wir von einer Normalisierung sprechen können. Doch schon jetzt hat uns die Krise gelehrt, dass wir mit Menschlichkeit und Zusammenhalt diese schwierige Zeit meistern können. Lassen Sie uns auf ein Miteinander konzentrieren und wir werden gemeinsam eine bessere Zukunft erleben. Bleiben Sie so lange gesund und geben Sie bitte Acht auf sich und Ihre Liebsten.

Beste Grüße

Tobias Ragge | CEO der HRS Group


 

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