Amtliche Lebensmittelkontrollen während Corona reduziert oder ausgesetzt

| Industrie Industrie

Eine bundesweite Umfrage des ARD-Politikmagazin "Report Mainz" bei allen zuständigen Landesbehörden hat ergeben, dass in 14 von 16 Bundesländern routinemäßige Lebensmittelkontrollen mit Beginn der Corona-Krise reduziert oder komplett eingestellt wurden.

Anfrage an die Länder

"Report Mainz" fragte die Länder nach der Anzahl der planmäßigen Routinekontrollen, also nach unangekündigten Untersuchungen in Lebensmittelbetrieben, beispielsweise um die Hygienebedingungen zu überprüfen. In Brandenburg, Saarland und Schleswig-Holstein wurden diese Kontrollen viele Wochen komplett eingestellt. In den meisten anderen Bundesländern wurden routinemäßige Lebensmittelkontrollen nicht im normalen Umfang durchgeführt. So heißt es beispielsweise aus Hamburg, dass diese Kontrollen "weitgehend heruntergefahren" wurden, oder aus Hessen, dass Routinekontrollen zeitweise nur "eingeschränkt" durchgeführt wurden. Konkrete Zahlen erhielt "Report Mainz" nur aus wenigen Bundesländern: In Sachsen wurden in den Monaten März und April von rund 10.000 Routinekontrollen nur knapp 4.000 durchgeführt, wie die zuständige Behörde mitteilte. Das entspricht gerade mal 40 Prozent des angesetzten Soll-Werts. Von Bayern und Nordrhein-Westfalen erhielt "Report Mainz" keine Zahlen.

Weniger Lebensmittelanalysen im Labor

Auch wurden zeitweise weniger bis keine sogenannten Planproben genommen. Hierbei werden Lebensmittel im Labor analysiert. Auch bei diesen Kontrollen kam es bei der Anzahl zu "deutlichen Abweichungen nach unten" vom Sollwert, wie zum Beispiel das Land Baden-Württemberg mitteilte. Thüringen reduzierte die Planproben "auf ein notwendiges Mindestmaß". Mecklenburg-Vorpommern meldete, dass im April 18 Prozent der vorgeschriebenen Planproben entnommen wurden. In Hessen waren es im selben Monat nur 6,5 Prozent.

Abzug von Kontrolleuren für Corona-Bekämpfung Als Gründe für die Reduzierung bzw. Aussetzung gaben mehrere zuständige Landesbehörden an, dass ein "erheblicher Teil des Personals" (Baden-Württemberg) in die Gesundheitsämter versetzt oder an "lokale Krisenstäbe" (Sachsen) ausgeliehen wurde. Beispielsweise waren in Niedersachen 60 Beschäftigte der Lebensmittelüberwachung im Gesundheitsamt tätig - zum Beispiel bei der Corona-Telefon-Hotline. Aktuell werden laut den Behörden die Kontrollen langsam wieder hochgefahren. Wann die Kontrollen wieder in normalem Umfang stattfinden, konnten viele Landesbehörden nicht mitteilen. Konzepte, um die Überwachung auf ein Normalmaß wieder hochzufahren, liegen in vielen Bundesländern nicht vor.

Weniger behördliche Warnmeldungen im Internet Dass weniger kontrolliert wird, legt auch eine Auswertung mehrerer Lebensmittelwarnsysteme nahe. Im europäischen Schnellwarnsystem für Lebensmittel und Futtermittel (RASFF) nahmen die Meldungen über ernste Gefahren durch verunreinigte Lebensmittel aus Deutschland während der Corona-Krise kontinuierlich ab. Waren es im Januar noch, dem Durchschnitt von 2019 entsprechend, über 30 Warnmeldungen, gab es Ende Mai lediglich fünf Warnungen (Stand: 25. Mai 2020) für ernste Lebensmittelverunreinigungen, wie Glas, Plastik oder Krankheitserreger wie Listerien und Salmonellen.

Opposition und Verbraucherschützer fordern wieder mehr Kontrollen Gegenüber dem ARD-Politikmagazin "Report Mainz" kritisierte die ehemalige Verbraucherschutzministerin Renate Künast (Bündnis 90/Die Grünen), dass schon vor der Corona-Krise viele Kontrollen nicht durchgeführt worden wären. Damit spitze sich das Problem jetzt zu, so Künast: "Wir müssen da möglichst schnell wieder in mindestens den alten Normalzustand kommen, weil, wenn es zum Beispiel um Salmonellen und Ähnliches geht, sind es ja Erkrankungen, die sehr akut die Gesundheit nicht nur massiv beschädigen, sondern es sind Erkrankungen, die lebensgefährlich sein können, insbesondere für die Schwächeren."
 

Kritik von Umweltorganisation Germanwatch e.V. Der gemeinnützige Verein Germanwatch e.V. sieht die reduzierten amtlichen Kontrollen in den Lebensmittelbetrieben sehr kritisch. Die Umweltorganisation engagiert sich für globale Gerechtigkeit und den Erhalt von Lebensgrundlagen. Die Referentin für Landwirtschaft und Tierhaltung, Reinhild Benning, sagte gegenüber "Report Mainz": ""Der Staat stiehlt sich aus der Verantwortung, wenn Kontrollen eingeschränkt werden, vor allem die unabhängigen Kontrollen. Vor diesem Hintergrund ist es schon ein großes Risiko für die Gesundheit, wenn gerade in diesem sensiblen Sektor nicht mal im vorgegebenen Maße kontrolliert wird."

Foodwatch Deutschland: Kontrollen auch während Corona-Pandemie wichtig Auch Martin Rücker, Geschäftsführer von foodwatch Deutschland, betonte gegenüber "Report Mainz", wie wichtig Lebensmittelkontrollen auch während der Corona-Pandemie sind: "Wir müssen damit rechnen, wenn wir die Lebensmittelkontrollen nicht ganz schnell hochfahren, dann bekommen wir massive Probleme bei der Lebensmittelsicherheit". Deswegen fordert Rücker von den Behörden Konzepte, wie die Lebensmittelkontrollen wieder auf das Normalmaß gebracht werden können.

Auf Anfrage von "Report Mainz" antwortete das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, die Durchführung von Lebensmittelkontrollen sei verfassungsgemäß alleinige Aufgabe der Länder.


Zurück

Vielleicht auch interessant

Jägermeister stemmt sich gegen die flaue Nachfrage nach Hochprozentigem: Trotz weltweit rückläufiger Spirituosenmärkte habe sich das Unternehmen gegen den Trend behauptet und Marktanteile gewonnen, wie die Mast-Jägermeister SE in Wolfenbüttel mitteilte.

Der französische Konzern Groupe SEB streicht weltweit 2100 Stellen, um auf sinkende Gewinne im Jahr 2025 zu reagieren. Besonders betroffen sind auch Werke und Arbeitsplätze in Deutschland: An drei Traditionsstandorte ist zudem geplant, die Fertigung von Kochgeschirr, Backformen und Messern einzustellen.

Brandenburgs Spargelbauern setzen auf einen frühen Start in die Saison. An Ostern soll das erste Gemüse geerntet sein. Doch die Landwirte bangen um ihre Konkurrenzfähigkeit.

Der deutsche Weinmarkt steht unter Druck: Im Jahr 2025 sanken Absatz und Umsatz um jeweils sieben Prozent. Während die Zahl der Käuferhaushalte stabil blieb, griffen die Verbraucher seltener zu. Deutsche Erzeuger konnten ihren Marktanteil trotz der schwierigen Rahmenbedingungen leicht steigern.

Mit 4,5 Millionen Tonnen erreichte die deutsche Gemüseernte 2025 einen historischen Rekordwert. Vor allem Speisezwiebeln und der ökologische Anbau verzeichneten signifikante Zuwächse, während Nordrhein-Westfalen seine Position als wichtigstes Anbaubundesland behauptete.

Startschuss für ein millionenschweres Bauprojekt: In der Düsseldorfer Ulmenstraße entsteht bis 2027 ein neuer Metro Großmarkt. Der Standort setzt auf ein nachhaltiges Energiekonzept und soll die Versorgung der regionalen Gastronomie langfristig sichern.

Die Internorga 2026 in Hamburg präsentiert ihr Rahmenprogramm. Von Trendanalysen auf der Open Stage bis hin zu Fachkongressen über Nachhaltigkeit und Digitalisierung bietet die Messe Impulse und Lösungen für die Herausforderungen der Branche.

Die Finalisten für den Internorga Zukunftspreis 2026 wurden bekannt gegeben. Neun Unternehmen aus den Bereichen Food, Technik und Gastgewerbe konkurrieren im März in Hamburg um die Auszeichnung für besondere Innovationskraft und Nachhaltigkeit.

Mineralwasser mit Geschmack und stilles Wasser: Das sind 2025 Wachstumstreiber beim Gerolsteiner Brunnen gewesen. Vor allem Wasser ohne Kohlensäure habe überdurchschnittliche Zuwächse erzielt, teilte das Unternehmen mit.

Eigentlich machen niedrige Temperaturen Grünkohl bekömmlicher. In diesem Jahr haben ihm jedoch viele Schneefälle zugesetzt. Einige Bauern beenden die Erntesaison vorzeitig. Das Wintergemüse wird bis Ende März in geselliger Runde gegessen.