Rechtecke ohne Reben – Weinkrise mit mehr Weinbergsbrachen?

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Rhein- und Moseltal sind vielerorts Bilderbuchlandschaften, beliebt bei Radlern und Wanderern. Besonders romantisch erscheint der Steillagenweinbau. Historische Terrassen mit Reben türmen sich kleinteilig in die Höhe. Doch immer wieder klaffen dazwischen ausgesparte Rechtecke: Brachen im Weinberg. Auch fernab von Steillagen gibt es sie. Werden es mehr? Sind Brachen Ausdruck der Weinbaukrise? Welche ökologischen Folgen haben sie? Sind es dauerhafte Flächenstilllegungen?

Steigende Kosten und Löhne, weniger Weinkonsum, Gesundheitsbewusstsein, Videokonferenzen statt Geschäftsessen, Überproduktion, internationale Konkurrenz und US-Zölle setzen Winzer bundesweit unter Druck. 

Trend zu Weißwein

2025 hat es laut dem Deutschen Weininstitut (DWI) in Bodenheim bei Mainz bundesweit rund 102.000 Hektar Rebfläche gegeben. Das sind etwa 1.300 weniger gewesen als im Vorjahr. «Das Gros des Rückgangs ist mit rund 800 Hektar auf Baden-Württemberg entfallen», sagt DWI-Sprecher Ernst Büscher. Das hänge auch mit dem dortigen hohen Anteil von Rotwein zusammen. Dieser gelte als schwerer und alkoholhaltiger als Weißwein, der mehr im Trend liege.

Aber auch etwa der hessische Rheingau hat laut Büscher zugleich einen Rückgang von etwa 60 Hektar erlebt. Im rheinland-pfälzischen Moseltal seien rund 160 Hektar weniger Rebfläche registriert worden - vor allem wegen des arbeitsintensiven Steillagenweinbaus. «In der Flachlage sind pro Hektar und Jahr bei guter Mechanisierung rund 200 Arbeitsstunden nötig, in der Steillage aber 1000, also fünfmal so viel», erklärt Büscher.

«Der Weinbau befindet sich in einem Strukturwandel»

Insgesamt wäre es indes zu früh, einen größeren Flächenrückgang im Weinbau auszurufen. «Seit Ende der 90er Jahre schwankt die Rebfläche in Deutschland immer um die 100.000 Hektar», sagt Büscher. Langfristig könnte sie allerdings tatsächlich merklich schrumpfen, wenn der Weinkonsum deutlich weiter sinke.

Auch Hessens Weinbauministerium in Wiesbaden erläutert: «Der Weinbau befindet sich in einem Strukturwandel.» Zugleich betont es: «Ein krisenbedingter struktureller Rückgang der Weinbergsflächen» sei indessen nicht zu erkennen. 

Unterschiede zwischen dauerhafter und zeitweiser Brache

Der Chef der Sektkellerei Henkell Freixenet in Wiesbaden, Andreas Brokemper, spricht ebenfalls von «einem Anpassungsdruck» für Winzer – ohne dass jedoch ein langfristiger Trend zu mehr Brachen abzuleiten wäre. Eine ähnliche Debatte habe es schon vor zwei Jahrzehnten gegeben, als etwa zahlreiche Weingüter ohne Familiennachfolger geblieben seien. Danach sei es wieder zu einem Aufschwung im deutschen Weinbau «mit neuer Kreativität und Produktivität» gekommen. 

Wichtig ist laut Experten die Unterscheidung zwischen dauerhafter und zeitlich befristeter Weinbergsbrache. Der Rheingauer Weinbaupräsident Peter Seyffardt warnt bei endgültigen Flächenstilllegungen vor sogenannten Drieschen, also vor nicht ordentlich gerodeten Weinbergen mit verbleibenden Rebenwurzeln im Boden. 

Reblaus und Rebzikade

Hier siedeln sich ihm zufolge neben «Reblaus, Amerikanische Rebzikade und anderen insektiziden Schädlingen auch Pilzkrankheiten» an, mit einem «überaus negativen Einfluss auf die direkten Nachbarparzellen». DWI-Sprecher Büscher vergleicht dies mit Blick auf verwehte Pilzsporen mit «Menschen, die neben Kranken leben und sich anstecken können». 

Weinbaupräsident Seyffardt warnt bei mehr Brachen auch vor weniger schönen Anblicken. Gäste kämen «wegen der reichhaltig vorhandenen Kulturdenkmäler wie Klöster, Burgen und Schlösser in den Rheingau». Sollte sich diese Kulturlandschaft aber «negativ verändern, werden wir auch touristisch an Attraktivität verlieren und weniger Gäste im Rheingau begrüßen dürfen».

Flächenbörse für Winzer

Laut Hessens Weinbauministerium gibt es zudem «klare rechtliche Vorgaben und funktionierende Kontrollmechanismen» für eine ordnungsgemäße Rodung von Weinbergsflächen. 

Zugleich versucht die Branche, dauerhafte Stilllegungen zu verhindern. Seyffardt erklärt etwa mit Blick auf andere Winzer: «Der Rheingauer Weinbauverband ist gerade dabei, eine Flächenbörse aufzubauen, um die frei werdenden Flächen zu vermitteln.»

Lavendel oder Hanf statt Weinreben?

Wird ein Weinberg dennoch auf Dauer gerodet, empfiehlt Seyffardt auch womöglich andere Nutzungen, etwa den Anbau von Olivenbäumen, Lavendel oder Hanf – oder an die «Beweidung und Verkauf der Erzeugnisse». Auch ein mobiler Weinstand oder ein Camping wären denkbar. 

Anders ist es, wenn Winzer Parzellen nur vorübergehend stilllegen, etwa für eine Marktentlastung, längerfristige Marktbeobachtung und Bodenverbesserung. Baden-Württemberg will diese sogenannten Rotationsbrachen finanziell fördern bei Nachweis etwa von neuen Blühpflanzen. 

Pflanzrechte bleiben lange erhalten

Der Deutsche Weinbauverband fordert, eine solche Subvention bundesweit einzuführen. Laut Seyffardt kann die Begrünung einer Rotationsbrache auch Humusgehalt, Wasserhaltekraft, Bodengesundheit und Artenvielfalt verbessern. 

Zudem erklärt er: «Nach den neuesten rechtlichen Änderungen kann diese Brache – ohne Verlust der Pflanzrechte – nahezu 13 Jahre geführt werden.»


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