Wie die Biernation zur Aperölchenrepublik wurde

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Es gibt diese Momente, in denen Menschen ganz bei sich zu sein scheinen. Das gilt auch für Gruppen. Für das «ZDF Fernsehgarten»-Publikum etwa auf dem Mainzer Freigelände. Das schien schon einige Male für ein paar Minuten in einem Zustand vollkommener Glückseligkeit zu sein. Grund war ein orange-rotes Kultgetränk: Aperol Spritz.

Mit Polonaisen feierten Hunderte Fernsehgarten-Gäste zusammen mit Kiwi - der Moderatorin Andrea Kiewel - und dem Schweizer Schlagersänger Vincent Gross bei mehreren Gelegenheiten ein Lied über den bittersüßen Drink: «Ich trink’ heut, das ist kein Witz - Aperol, Aperol, Aperol Spritz».

Welches Getränk hat schon einen eigenen Schlager?

Der sommerliche Partysong wurde im Mai 2024 veröffentlicht. Spätestens seitdem ist der fröhlich besungene Longdrink, der mit seiner leuchtenden Farbe sehr instagram-tauglich ist, im deutschsprachigen Raum Kult. Welches Getränk hat schon einen eigenen Song? Okay, «Eisgekühlter Bommerlunder». Und «Griechischer Wein». Und «Wildberry Lillet». Aber sonst?

Die Aperol-Spritz-Welle rollt hierzulande natürlich schon viel länger als nur zwei Jahre. Eigentlich fast zwei Jahrzehnte. Der Spritz (oder auch Sprizz) stammt aus Italien. In der nordöstlichen Region Venetien war er jahrzehntelang ein populärer Aperitif am frühen Abend. 

Aperol - ein Likör aus Rhabarber, Blutorange, Gelbem Enzian, Chinarinde, Kräutern, Zucker und Farbstoff - wurde 1919 von zwei Brüdern in Padua erfunden. Er hatte seitdem eine bewegte Geschichte bis hin zum Verkauf an die Campari Group mit Sitz in Mailand.

Der Konzern setzte seit dem Zukauf im Jahr 2003 in seiner globalen Marketingstrategie vollends auf Spritz. Das Rezept: Weißwein oder Prosecco auf Eis, der farbgebende Aperol-Likör (von dem es inzwischen einige Imitate gibt und auch alkoholfreie Varianten), ein bisschen Soda, ein Stückchen Orangenschale.

Erinnert sich noch jemand an den Trend-Drink Hugo?

Ab etwa 2006 brachten Deutsche diesen Drink mit aus dem Italien-Urlaub. Von München aus, der ja im Klischee eh «nördlichsten Stadt Italiens», breitete sich der Aperölchen-Trend über die ganze Republik aus - bis ins hinterste Kaff. Der flächendeckende Durchbruch in Handel und Gastronomie erfolgte so etwa ab dem Jahr 2010.

Kulturgut mit eigenen Liedern - man denke etwa auch an den Song «Aperol im Glas» von Lea und 01099 aus dem Jahr 2023 - wurde der Aperol Spritz dann gut ein Jahrzehnt später. 

Wer das Aperol-Lied von Vincent Gross einmal gehört hat, bekommt es nie mehr aus dem Kopf: «Kein'n Glühwein und kein'n Hugo und auch keinen Ouzo».

Hugo, was war denn das noch einmal? Das war vor zwölf Jahren noch der beliebteste Sommerdrink in Deutschland. Zumindest kam eine YouGov-Umfrage, bei der 25 Sommercocktails abgefragt wurden, zu diesem Ergebnis. 

«Welches alkoholische Kaltgetränk trinken Sie an einem heißen Sommertag gerne?», lautete die Frage 2014. Auf der Beliebtheitsskala landete daraufhin der Hugo ganz vorn - Prosecco, Holunderblüten-Sirup, Minze, Mineralwasser. 

Mit Abstand folgten Caipirinha, Piña Colada, Sex on the Beach, Gin Tonic, Mojito, Cuba Libre. Der Aperol Spritz erreichte damals nur Platz drei.

Ein Drittel der Erwachsenen in Deutschland trinkt gerne Aperol Spritz

Und wie ist das heute? Gut ein Drittel der Erwachsenen sagt im Sommer 2026, gerne Aperol Spritz zu trinken. Auffällig: Bei Frauen sind es 37 Prozent, bei Männern nur 30 Prozent.

17 Prozent der Frauen sagen sogar, den Drink «zu allen Jahreszeiten» gerne zu konsumieren, 20 Prozent finden ihn «nur in warmen Jahreszeiten» richtig gut.

Marketing-Strategen der Campari Group haben herausgefunden, dass viele Fans des Drinks vom Bier, das in Deutschland immer unbeliebter wird (wenn auch auf hohem Niveau), zum Aperol Spritz hinübergleiten.

Der Drink hat einen echten Buzz, der nicht enden zu wollen scheint, und gilt schon lange nicht mehr nur als Aperitif, sondern als Getränk zu vielen Gelegenheiten.

«Ausnahmslos Aperol Spritz»

Ein treuer Fan ist auch Soap-Star Ania Niedieck («Alles was zählt»): «Wenn ich mir abseits von Wasser oder Softdrinks ein alkoholisches Getränk bestelle, dann gibt es für mich keine Experimente: Ich nehme da ausnahmslos Aperol Spritz.»

Sie trinke ansonsten «fast überhaupt keinen Alkohol», schlicht und ergreifend, weil ihr die ganzen anderen Sachen alle überhaupt nicht schmeckten, sagt die 42-Jährige. Sie möge keinen Weißwein, rühre keinen Champagner an und auch klassische Longdrinks seien nicht ihr Ding. 

«Bier trinke ich im Grunde nur ein einziges Mal im ganzen Jahr, und zwar aus reinem Pflichtbewusstsein an Karneval», sagt die Schauspielerin in Köln. «Ich habe jahrelang gar keinen Alkohol angerührt, bis ich vor drei Jahren das erste Mal einen Aperol probiert habe und mir dachte: "Mensch, das ist ja mal richtig lecker!" Seitdem trinke ich wirklich nichts anderes mehr.»


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