Winzer im Norden als Profiteure des Klimawandels

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Winzermeister Christian Wolfgang lässt sich die kleinen roten Trauben der Sorte Regent durch die Finger gleiten, probiert eine Frucht und betrachtet die grünen Kerne kritisch. «Sie sind noch zu grün», findet der Fachmann. Erst, wenn sich die Farbe der Mini-Kerne ins Braune wandele, sei die Traube erntereif, erzählt der Experte auf dem mit fast sieben Hektar größten Weinbaubetrieb Niedersachsens in Himbergen-Groß Thondorf. 

35.000 Reben von zehn unterschiedlichen Sorten stehen auf vier Hektar in Reih und Glied, erste Früchte für den Federweißen sind schon im Fass und beim Kunden. Winzer Jan Alvermann ist mit der Entwicklung zufrieden, nur heftigen Regen kann er in den letzten Tagen vor der Ernte nicht mehr gebrauchen. Weinanbau ist viel Handarbeit, ein- bis zweimal die Woche geht er mit seinem Team die Reben ab und kontrolliert die Früchte, pult schlechte Trauben heraus, reißt Blätter ab, die zu viel Schatten spenden. 

Seit 2018 setzt der ehemalige Landwirt, der früher auf 80 Hektar Getreide und Kartoffeln anbaute sowie 120 Mastbullen versorgte, auf veganen Bio-Wein. «Seit 1997 habe ich mit der Landwirtschaft aufgehört, einfach, weil es nicht mehr ging. Wegen der Wirtschaftlichkeit», erzählt er in seinem Hofgeschäft «Witt-Wein». «Witt» ist Plattdeutsch für «weiß», den hat er hauptsächlich im Angebot. Der fruchtige und pilzwiderstandsfähige Solaris läuft am besten.

 

Winzer im Norden als Profiteure des Klimawandels

Das Geschäft mit dem Wein laufe gut, wobei man viel für die Vermarktung tun müsse, erzählt auch Monika Alvermann. Auf jedem Weinfest in der Umgebung ist das Paar mit einem Stand zu finden. Zum Fest mit Verkostung des jungen Federweißen kämen bei ihnen auf den Hof einmal pro Saison an die 1.000 Besucher. 

Jan Alvermann baute zunächst einen Speditionsbetrieb auf und verfolgte dann die Idee des Weinanbaus. In jungen Jahren war er in Rheinhessen auf einem Weingut beschäftigt und lernte dort die Grundlagen kennen. «Wir sind die Profiteure des Klimawandels, das haben auch schon Anbauer in Dänemark und Schweden festgestellt», erzählt er. Ein Nachbar baue in der Lüneburger Heide inzwischen Melonen an. 

Die Alvermanns setzen wegen der klimatischen Bedingungen - kälter und feuchter als südliche Regionen - auf sogenannte Piwi-Reben (pilzwiderstandsfähige Rebsorten). Dazu gehören unter anderen Souvignier Gris, Solaris, Muscaris und Monarch. «Wir haben im Norden den Vorteil, dass die Beeren nicht so gestresst sind», erzählt der Winzer. 

Dem Riesling wird es zu warm 

In den südlichen Anbaugebieten sei die Reife in den vergangenen 20 Jahren um vier bis sechs Wochen nach vorn gerückt. «Dort spricht man dann über Entalkoholisierung, weil der Zuckergehalt irgendwann zu hoch ist.» So werde es dem beliebten Riesling inzwischen zu warm, sagt er. «Hier haben wir natürlich gereiften Wein, bei dem wir nicht überlegen müssen, wie kriegen wir den Zucker wieder heraus». 

Für die Ernte hat sich der einzige Weinbaubetrieb im Landkreis Uelzen eine Maschine angeschafft. «Der Zeitpunkt ist schwierig zu planen, ich weiß es so drei Tage vorher», erzählt der Landwirt. «Die Helfer wollen es aber gern drei Wochen vorher wissen, um dann kurz zuvor auch oft wieder abzusagen». 

Die Trauben werden zur Verarbeitung zu einem Winzer nach Dexheim bei Mainz gefahren. Abgefüllt in Flaschen - an die 26.000 - kommt der Wein zurück auf den Hof. Den Jahrgang 2026 erwarten sie im kommenden April. «Die Konsumenten stehen auf fruchtvolle Sorten, das kommt uns sehr entgegen», erzählt Alvermann. 

Während die Preise in der Massenproduktion wegen eines Überangebots seit Jahren fallen, findet er für die Weine zwischen 8,50 und 14 Euro immer mehr Abnehmer. Langsam rechne sich das Geschäft auch. Sohn Simon habe bereits Interesse angemeldet, den Betrieb mit den langlebigen Pflanzen fortzuführen. Der 19-Jährige steckt mitten in einer Winzerausbildung, sein vier Jahre jüngerer Bruder Henry macht schon ein Praktikum in der Pfalz. 

Mehr Weiß- statt Rotwein in Niedersachsen 

Aktuell gibt es nach Angaben des Landesamts für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (Laves) 51 Weinanbaubetriebe in Niedersachsen. Die Anpflanzung von Keltertrauben zur Weinerzeugung darf nur nach vorheriger Genehmigung durch die Bundesanstalt für Landwirtschaft und Ernährung (BLE) erfolgen. Jedes Jahr bewilligt die BLE auch für Niedersachsen Neuanpflanzungen. 

Deutschlandweit darf die Weinanbaufläche nach dem deutschen Weingesetz jedes Jahr um 0,3 Prozent wachsen. Bei der BLE werden die 0,3 Prozent auf Deutschland verteilt. Wenn Antragstellerinnen und Antragsteller aus Niedersachsen insgesamt weniger als fünf Hektar beantragen, bekommt jeder Antragsteller laut Laves 100 Prozent bewilligt. 

Insgesamt überwiegt in Deutschland beim Weinanbau der Weißwein gegenüber Rotwein, so auch in Niedersachsen. Weiße Rebsorten werden laut Laves auf 25,49 Hektar angebaut, Solaris ist mit 9,7 Hektar die dominierende Traube. Rote Tropfen werden aus einer Fläche von nur 5,93 Hektar gewonnen, wobei die Sorten Regent und Rondo (beide 1,7) überwiegen. (dpa)


 

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