Was Stille im Urlaub mit uns macht

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Die gemütliche Holzhütte in den schwedischen Wäldern ist voll ausgestattet: Sie hat Küche, Schlafzimmer, eine großzügige Terrasse. Ach ja, und einen Lautstärkemesser hat sie auch. Ist es für längere Zeit mehr als 45 Dezibel laut, fliegen die Bewohner raus.

Wer würde sich auf so etwas einlassen? Offenbar tatsächlich relativ viele Menschen: Mehr als 200 Bewerbungen zählte die Tourismusorganisation des südschwedischen Skåne, die vergangenen Herbst im Rahmen einer Marketing-Aktion drei kostenlose viertägige Aufenthalte in einer Hütte mitten in der Natur anbot - unter der Vorgabe des Leise-Seins.

45 Dezibel entsprechen dem stetigen Brummen eines modernen Kühlschranks, leichtem Regen oder auch leisem Flüstern. In der permanenten Beschallung des Alltags kaum vorstellbar, dass es tagelang so ruhig um einen sein kann. Und zugleich eine verständliche Sehnsucht.

Ein Geschäft ist es auch: Es gibt Stille-Retreats in Wellnesshotels und Schweigewochen in Klöstern. Manche sehen in «Silent Travel» einen Trend. Doch eigentlich ist der Wunsch nach Ruhe schon immer dabei bei vielen Reisenden. In der heutigen, digital geprägten Zeit vermutlich umso mehr. 

Psychologin sieht Urlaub als «guten Rahmen»

Und ja: Eine reizarme Umgebung kann hilfreich sein, um sich zu erholen. «Das kann sehr entlastend wirken», sagt Christina Miro. Die Psychologin aus dem niedersächsischen Berne hat sich auf die Zusammenhänge von Reisen und psychischer Gesundheit spezialisiert.

Urlaub kann nach ihrer Einschätzung zudem ein guter Rahmen sein, um Stille auszutesten, «weil man den alltäglichen Verpflichtungen nicht mehr ausgesetzt ist und physisch und psychisch Distanz zum Alltag aufbaut.» 

Schritt für Schritt an die Reizarmut herantasten

Die Expertin rät aber davon ab, sich unvermittelt tagelanges Schweigen in einem Kämmerlein aufzuerlegen. Bevor man sich auf eine stark reglementierte Schweigereise begibt, sollte man zunächst kleinere Schritte machen: mal allein essen gehen oder einen Ausflug allein machen und dabei still sein. Und dann Schritt für Schritt weiter. Denn nicht jeder verkraftet dauerhafte Reizarmut. 

«Wenn wir kaum sprechen, weniger aufs Handy schauen und allgemein weniger um uns herum haben, richtet sich die Aufmerksamkeit auf die eigenen Gedanken und Gefühle», sagt Miro. 

Das kann positiv sein, aber auch belastend, wenn man negative Emotionen plötzlich intensiv spürt, ohne große Aussicht auf Ablenkung. «Darauf sollte man vorbereitet sein und einen Weg wissen, damit umzugehen», rät die Psychologin.

Keiner riss das Lärm-Limit

Bei der Aktion in Südschweden zogen letztlich Zwillinge und zwei Paare für jeweils vier Tage in die Hütte. Wegen zu viel Lärm früher wieder gehen musste keiner, schreibt Tobias Nydesjö von der Tourismusorganisation Visit Skåne, die hinter der Idee steckt. Ein paar Warnungen zur Erinnerung an den Geräuschpegel habe man aber aussprechen müssen.

In kurzen Videos auf Instagram teilten die Teilnehmer ihre Erfahrungen. Still zu sein, könne anstrengend sein, sagte Pea aus Großbritannien. «Ohne Bildschirme kann man sich auch einsam fühlen.» Man lerne aber auch, zu einer Art innerem Frieden zu finden, berichtet die Frau aus Bristol, die mit ihrem Mann bei dem Urlaubsexperiment mitgemacht hatte.

Einerseits sei die Aktion an sich natürlich nicht ganz ernst gemeint, das Anliegen dahinter aber schon, wie die schwedischen Touristiker schreiben: Man wollte auf die zunehmende Lärmbelastung im Alltag und den Wert natürlicher Ruhe aufmerksam machen.

Die Resonanz sei jedenfalls positiv gewesen, diesen Herbst geht sie in die zweite Runde. Schauplatz wird diesmal eine Strandhütte an der Ostsee sein. Wieder wird ein Lautstärkemesser zur Ausstattung gehören, der bei 45 Dezibel reagiert. Das Interesse an dem Gratisaufenthalt mit Lärm-Limit sei im Vergleich zum Vorjahr gewachsen, so Nydesjö. Es gab fast 500 Bewerbungen. (dpa)


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