Wertewandel: Die Ära der Reisescham?

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Direkt nach dem Aufstehen sei sie im Meer planschen gegangen und danach habe sie gemütlich am Pool gefrühstückt. Das schrieb kürzlich Youtuberin Bianca «Bibi» Claßen («Bibis Beauty Palace») auf den von Deutschland etwa 8000 Kilometer entfernten Malediven. Es ist wohl eine Typfrage, ob einen bei so einem Instagram-Post wohlige Gönnerlust packt oder aber Fremdscham, gar übertragene Flugscham. Viele blicken jedenfalls inzwischen anders auf solche Urlaubspostings als noch vor zwei Jahren. Die Reisescham geht um.

Hat damit aber tatsächlich eine neue Ära begonnen und ist das schlechte Gewissen auf dem Vormarsch? Werden das Fliegen, die Fernreise und die Kreuzfahrt zu etwas, für das man sich rechtfertigen muss - statt etwas, womit man prahlen kann? Nicht wenige berichten zumindest von Unterhaltungen und Situationen, in denen CO2 plötzlich Thema ist, in denen es das früher nicht gewesen wäre.

Keine allgemeine Reisescham

Der Ferienforscher und Konsumpsychologe Martin Lohmann stellt noch keine allgemeine Reisescham fest, wohl aber größere Flugscham. In Kiel als Leiter des Instituts für Tourismusforschung in Nordeuropa (NIT) verantwortet er die jährliche «Reiseanalyse» des Vereins Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR).

Demnach sagten zuletzt - im November - fast drei Viertel (73 Prozent) der Flugreisenden, ein mehr oder weniger schlechtes Gewissen wegen der Klimabelastung und des Treibhausgasausstoßes zu haben. 27 Prozent teilten dieses Gefühl nicht. «Hier gibt es anscheinend einen "Wertewandel"», sagt Lohmann. «Die Flugscham ist der Ausdruck eines inneren Konfliktes, nicht dessen Lösung: Man möchte einerseits reisen, andererseits aber auch nicht das Klima beeinflussen», so der Psychologe, der an der Lüneburger Universität Professor für Wirtschaftspsychologie ist.

«Wie Menschen mit diesem Konflikt umgehen, erforschen wir gerade. Nicht darüber reden wäre eine vorläufige Möglichkeit, andererseits sind Reisen ja ein tolles Gesprächsthema, also ein neuer Konflikt.»

Bei den für 2020 geäußerten Reiseplänen ist dem Forscher zufolge - trotz sich ausbreitender Flugscham - kurzfristig nicht damit zu rechnen, dass die Zahl der Urlaubsreisen mit dem Flieger stark sinkt. Wohl gebe es aber eine höhere Bereitschaft zu Kompensationszahlungen für den damit verbundenen CO2-Ausstoß, meint Lohmann.

Veränderte Gesprächskultur

Der Hamburger Youtuber und Kreuzfahrt-Experte Matthias Morr beobachtet angesichts der andauernden Klimadiskussion und der Freitagsdemos auch eine veränderte Gesprächskultur: «Eine Kreuzfahrt ist etwas, mit dem man früher gut angeben konnte. Ich habe von vielen gehört, dass sie das nun lieber gar nicht mehr erzählen, wenn sie Kreuzfahrten machen, um eben dafür nicht angeprangert zu werden.» Das Kreuzfahrtschiff sei «quasi der SUV der Reisebranche». So ein riesiges Schiff sei ein starkes Symbol für vieles, was die Fridays-for-Future-Bewegung anprangere.

Reedereien seien da grade in keiner günstigen Situation, meint Morr. Neue Schiffe sind bestellt - und es sei eine Riesenherausforderung, die Antistimmung zu drehen. «Dieses Problem haben viele Reedereien auch erkannt - da fahren Schiffe entweder deutlich sauberer mit verflüssigtem Erdgas oder der Anbieter kompensiert den CO2-Ausstoß.»

Morr beobachtet aber auch eine Art Trotz in der Bevölkerung: «Ich erlebe bei vielen auch ein "Jetzt erst Recht" - nach dem Motto: "Ich will mich jetzt nicht persönlich einschränken, während in anderen Ländern oder Branchen alles so weiterläuft wie gehabt".» Es gebe eine Menge Leute, darunter viele Großstadtsingles, die kein Auto haben, aber viel Geld in Reisen investierten. «Das ist für viele schon ein wesentlicher Teil des Lifestyles und ich denke, da werden viele nicht drauf verzichten wollen.» Lange Zeit sei der Postmaterialismus ausgerufen worden - also das Motto, es sei besser, in Erlebnisse zu investieren als in Dinge. «Wenn jetzt das Reisen verpönt ist, für was darf man dann guten Gewissens überhaupt noch Geld ausgeben?»

Keine Ende des Tourismus

Reiseforscher Lohmann sieht das alles weniger problematisch und er sieht auch kein Ende des Tourismus. «Reisen haben eine ganze Reihe von positiven Aspekten: Erholung, Erfahrung, Lernen, Glück.» Sie bringen Erlebnisse, über die zu reden bewährter sozialer Austausch sei. «Dass man nun vor sich selbst und vor anderen mögliche klimaschädliche Effekte seines Reisens rechtfertigen muss, erachte ich nicht als Nachteil», sagt Lohmann. «Ein bisschen mehr Besonnenheit bei der Planung touristischer Aktivitäten kann ja nicht schaden.»

Prestigegewinn durchs Reisen war aus Sicht des Wirtschaftspsychologen bislang eher ein Nebeneffekt. In der Tat seien «erfahrene Menschen» schon immer geschätzt worden. «Dieser Aspekt geht aber nicht verloren, wenn man bei seinen Reisen aufs Klima achtet.»

(dpa)


 

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