Ach, was sind wir doch so sensibel!

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Ehrlich gesagt, denke ich voller Bewunderung an die Generation unsere Eltern und Großeltern zurück. Sie ertrugen Kriege, Krankheit, Armut, Verlust der Heimat, Demütigung als Flüchtlinge. Sie überwanden Ängste, Sorgen – und wenn sie fielen, standen sie wieder auf, drückten das Kreuz durch und gingen ihren Weg weiter – ohne zu klagen, mit würdevoller Haltung. Und sie blieben dabei fürsorglich, liebevoll und stets interessiert am Wohlergehen ihrer Kinder und Enkelkinder, an dem Menschen in ihrem Umfeld.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen: Die Welt ist wieder einmal unruhiger, gefährlicher geworden. Und wieder leiden Menschen. Umso mehr ist das öffentliche Anerkennen psychischer Erkrankungen, Ängsten und Burn Out Symptome ein Quantensprung – ein Segen für unsere Gesellschaft, die Betroffenen und ihre Angehörigen, wenn sich Menschen zu ihren Depressionen oder Angststörungen bekennen können. Das verschafft ihnen Gehör und Verständnis. Das war bei unseren Vorfahren anders.

Für manchen heutigen Arbeitgeber ist der Umgang mit solchen Fällen allerdings Neuland. Schließlich ist er zwischen der Sorge um die Produktivität des Unternehmens und der sozialen Verantwortung für seine Mitarbeiter hin- und hergerissen.


Über den Autor Albrecht von Bonin

Albrecht von Bonin ist einer der profiliertesten Personalberater in der Hospitality Industry. Die Suche und Auswahl von Spitzenkräften, der Einsatz von Interim Managern sowie Management Coaching für Führungskräfte und Unternehmer – das sind die Kernkompetenzen, mit denen VON BONIN und die avb Management Consulting echte Mehrwerte bietet.

Mit seinem Fachbeiträgen bei Linkedin, die auf der Erfahrung von 40 Jahren Beratungspraxis fußen, erreicht von Bonin seit Jahren viele tausend Leser. Jetzt gibt es seine Beiträge auch bei Tageskarte.


„Zeige Deine Wunde!“

So lautet der Titel einer Installation von Josef Beuys. Es scheint, als nähmen ihn heutzutage immer mehr Menschen wörtlich. Allerdings halte ich es schon für ein wenig bedenklich, wenn die „Erkrankten“ – und hier sind nicht nur Promis gemeint, die in den sozialen Medien ein regelrechtes Geschäftsmodell aus ihren Depressionen machen („Seht her, wie ich leide!“) - unmittelbar nach Verlassen der Psychologischen Praxis ihre wunden Seelen und Befindlichkeiten in den Sozialen Medien auspacken, zum Markte tragen und damit SOS morsen.

Diese Art von Selbstinszenierung würde den ernsthaft Erkrankten nie in den Sinn kommen. Doch befeuert durch Social Media und einen ausufernden Ratgeber- und Coaching-Markt wird unser Alltag immer mehr „durchpsychologisiert“. Der letzte Coup: ein sogenanntes „Sun & Soul Retreat“ im Dienste der „Mental Health“ auf Rhodos, initiiert von einer bekannten Promi-Fußballer-Frau. „Erkenne Dich selbst“ – für teures Geld – versteht sich!

Alle drehen sich nur noch um sich selbst

Das Problem der Selbsterkundung: Mit der steten Sorge um sich selbst und die Psycho-Päckchen, die sie angeblich zu tragen haben, machen sich diese Zeitgenossen bereits im jugendlichen Alter auf ihrem Egotrip unempfindlich gegen das Leid anderer und das Geschehen um sie herum. Und nicht nur das. Klimakrise, Pandemie, Inflation, Krieg - all das läuft nur noch durch den „Was macht das mit mir?“-Filter. Der eine analysiert, dass er nur wegen seiner kaltherzigen Mutter so „beziehungsgestört“ ist, oder „mein Vater hatte einfach kein Verständnis für mich“, die andere erlebt ihren Herzschmerz nach einer Trennung gleich als „Trauma“, nicht etwa als ziemlich normalen Teil einer gescheiterten Partnerschaft.

Vieles davon spült ins Arbeitsleben hinein, an den Arbeitsplatz, ins Unternehmen. Der Kollege, der immer gerade kurz mal weg ist, wenn sich die Arbeit türmt, darf keinesfalls als „faule Socke“ bezeichnet werden, weil er dann neben „bin kurz vor dem Burn Out“ auch noch „Mobbing“ in seine emotionale Schadensmeldung aufnehmen könnte. Die Praktikantin einer Werbeagentur zieht sich heulend auf die Damentoilette zurück, weil sie freundlich gebeten wurde, ihren Werbetext nochmal zu überarbeiten. Ihre Mutter erklärt am Telefon, das Kind sei „hochsensibel“ und meldet sie „bis auf weiteres krank“. Man müsse schließlich Rücksicht nehmen und sich jedwede Kritik ersparen. Eine Kollegin in der Kaffeeküche setzt all dem die Krone auf mit ihrer Bemerkung, sie könne ihre aussichtslos an Krebs erkrankte Schwägerin keinesfalls besuchen: „Das tut mir nicht gut. Dazu bin ich viel zu sensibel“.

Zugegeben, man kann sich von den Härten des Alltags distanzieren und sich mit einem tiefen Seufzer an die Brust der „Ich bin das Opfer“- Gesellschaft werfen. Mit einer solchen Hypothek hat man endlich genug mit sich selbst zu tun. Da kann man sich nicht auch noch um andere kümmern, oder? Für die wirklich ernsthaft betroffenen Krankheitsfälle erweist sich das allerdings als Bärendienst.

Manchem Arbeitgeber geht das zu weit. Bei allem Rufen nach empathischen Führungskräften und sozialer Verantwortung für die Belegschaft muss am Ende akzeptiert werden, dass das Wachstum eines Unternehmens schließlich von der Leistungsbereitschaft der Mitarbeiter abhängt. Vielerorts wächst die Erkenntnis, dass die Qualität der Beziehungen zu Mitarbeitern, Kunden, und Gesellschaft letztlich den unternehmerischen Erfolg garantiert. Doch liegt dieser Erfolg immer stromaufwärts. Man muss also kräftig schwimmen, um ihn zu erreichen. Und wenn die Märkte aus dem Tritt geraten, die Zeiten härter werden, können Arbeitsplatzsicherheit und Wohlstand nur noch gesichert werden, wenn alle – und zwar wirklich alle – die Backen zusammenkneifen und sich auf die Zehenspitzen stellen, um die Ziele zu erreichen.

Dem einen oder anderen Chef könnte sonst die süffisante Bemerkung über die Lippen kommen: „Wenn Sie die Kündigung so deprimiert, dann machen Sie doch Yoga“!


Autor

Albrecht von Bonin
avb Management Consulting
www.avb-consulting.de
VON BONIN + PARTNER Personalberatung
www.von-bonin.de


 

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