Tui-Jugendstudie: Generation in der Krise

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Eine Generation in der Dauerkrise: Mehr als alles andere fürchten junge Menschen den Klimawandel - trotz des russischen Angriffskriegs in der Ukraine und der Corona-Pandemie. Gleichzeitig büßen junge Menschen in Europa immer mehr von ihrem Optimismus ein, der sie lange trotz vieler Belastungen positiv in die Zukunft blicken ließ. Das ändert sich gerade massiv: Die Stimmung trübt sich ein.

Das ergab die am Donnerstag vorgestellte Jugendstudie der Tui-Stiftung. Noch nie hätten junge Menschen zwischen 16 und 26 Jahren die eigenen Perspektiven so negativ bewertet. In Deutschland erreichten die pessimistischen Erwartungen an die Zukunft einen Rekordwert - mit einem Anteil von 35 Prozent nach 29 Prozent 2017.

In Frankreich legten die Pessimisten demnach von 33 auf 41 Prozent zu, in Griechenland von 27 auf 30 Prozent, in Polen von 18 auf 32 Prozent, in Großbritannien von 29 auf 41 Prozent. Dennoch gehe es jungen Menschen in Europa besser als im Vorjahr - 36 Prozent äußerten sich positiv zu ihrer aktuellen Gefühlslage - fünf Prozentpunkte mehr als vor einem Jahr, heißt es in der Untersuchung.

Gleichzeitig sehen 76 Prozent der Befragten im Klimawandel die größte Bedrohung, vor dem Ukraine-Krieg (64 Prozent) und der Pandemie (50 Prozent). Dabei sind junge Menschen wenig ideologisch: Um unabhängig von russischer Energie zu werden, sollten Atomkraftwerke länger in Betrieb bleiben, sagten 44 Prozent. Mit 37 Prozent deutlich geringer fiel die Zustimmung zu Kohlekraftwerken aus. Für 71 Prozent kann der Kampf gegen den Klimawandel nur mittels Kompromissbereitschaft gelingen. Es sei eine «pragmatische junge Generation», sagte Marcus Spittler von der Humboldt Universität Berlin.

Für die Studie befragte das Meinungsforschungsinstitut YouGov im April dieses Jahres mehr als 6200 junge Menschen in Deutschland, Großbritannien, Frankreich, Spanien, Italien, Griechenland und Polen. In Deutschland waren es rund 1000.

Schon vor dem Krieg bewerteten junge Europäer Anstrengungen gegen den Klimawandel höher als eine wachsende Wirtschaft - das gilt noch immer. Aber der Trend ist rückläufig: In Deutschland gaben vor einem Jahr noch 47 Prozent der Befragten dem Klimawandel den Vorrang, während dies nun noch 36 Prozent tun. Dennoch: «Junge Europäerinnen und Europäer sind sich der Dringlichkeit bewusst, mit der Lösungen für das Klima gefunden werden müssen», sagte Spittler. Weder Geschlecht oder Bildung noch der Lebensstandard im Elternhaus machten dabei einen wesentlichen Unterschied.

Allerdings seien neue Konfliktlinien erkennbar: In Deutschland, Frankreich und Großbritannien zählen aus der Sicht der Befragten Umwelt- und Klimaschutz zu den wichtigsten Aufgaben sowohl der EU als auch der Mitgliedstaaten. In Spanien, Polen, Italien und Griechenland sahen junge Menschen dagegen die EU am Zug, erklärte Spittler. «In diesen Ländern sind Themen wie Arbeitslosigkeit und Sozialpolitik für junge Menschen deutlich wichtiger.» Aber auch die Themen Migration und Asyl gehören für viele zu den wichtigsten Problemen in der EU.

Im Ukraine-Krieg sehen die meisten eine «Zeitenwende», von der auch Bundeskanzler Olaf Scholz (SPD) gesprochen hatte. 26 Prozent der Befragten stimmen demnach dieser Aussage «stark» und 40 Prozent «etwas» zu. Vor allem Jugendliche und junge Erwachsene in Griechenland und Deutschland sehen im Krieg einen grundlegenden Einschnitt, der die Ordnung der Welt verändert.

Spittler sagte, die beherrschenden Gefühle im Zusammenhang mit dem Krieg seien Trauer, Wut und Hilflosigkeit - das hätten zwischen 77 und 68 Prozent der Befragten geäußert. Persönlich bedroht fühlten sich deutlich weniger (51 Prozent) - immerhin ein Fünftel stehe dem Krieg in der Ukraine eher gleichgültig gegenüber. Die Angst vor einem Krieg in einem EU-Land wächst jedoch: Fast die Hälfte (46 Prozent) der jungen Menschen hält einen Krieg in den nächsten zehn Jahren für möglich - 2020 waren es erst 37 Prozent.

Einzig in Polen zeige sich die geografische Nähe zur Ukraine, dort liege die gefühlte Bedrohung des Krieges leicht vor dem Klimawandel, sagte Spittler. «Es wäre daher falsch, zu sagen, der Ukraine-Krieg sei die größte Bedrohung für junge Erwachsene in Europa», sagte er. «Es ist die Konfrontation mit dieser Mehrfachkrise, die das Aufwachsen dieser zunehmend international geprägten Generation so besonders macht.» Der Politikwissenschaftler betonte: «Es besteht die berechtigte Hoffnung, dass hier krisenerfahrene, vielleicht sogar krisenresistente junge Menschen heranwachsen.»

So sind 61 Prozent der Befragten für Waffenlieferungen an die Ukraine, 68 Prozent würden Geflüchtete im eigenen Land aufnehmen. Die Bereitschaft, mehr für Benzin (35 Prozent), Lebensmittel (35 Prozent) sowie Wärme und Strom (34 Prozent) zu bezahlen, fällt da schon geringer aus. In der von Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier angestoßenen Debatte um einen sozialen Pflichtdienst ist das Urteil junger Menschen nicht eindeutig. Zwar lehne eine Mehrheit in Deutschland und den meisten Ländern Europas eine Dienstpflicht ab, sagte Spittler. In Frankreich und Griechenland dagegen würde «eine verpflichtende Zeit für die Gesellschaft eine Mehrheit finden».


 

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