Kleine Portionen, großer Trend: Wie Snacking die Esskultur verändert

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Mal Hand aufs Herz: Gibt es bei Ihnen wirklich noch drei ordentliche feste Mahlzeiten am Tag, vielleicht sogar zu festen Zeiten? Oder hat bei Ihnen bereits das Snacking Einzug gehalten? Möglich, dass Sie von dieser Ernährungsweise noch nichts gehört haben, aber sie längst praktizieren. 

Was früher unter Snacken firmierte - als süße Belohnung oder schnelle Lösung für Heißhungerattacken -, ist mittlerweile zum eigentlichen Essen als flexible Mini-Mahlzeit geworden. «Snacking ist einer der Megatrends - und zwar weltweit», sagt die Trendforscherin und Food-Spezialistin Karin Tischer. Ein Gespräch über «One-Hand-Snacks», Genuss und Pommes. 

Frau Tischer, ist Snacking die neue Esskultur? 

Karin Tischer: Ja! Denn die klassische Mahlzeit löst sich immer mehr auf. Es wird gesnackt, wann es situativ zu den Aktivitäten passt, und nicht, wann es eigentlich gesund wäre. Die Menschen snacken sich quasi so durch den Tag. 

Diesen Trend spürt auch zunehmend die Gastronomie. Denn die Menschen gehen weniger essen, achten mehr aufs Geld, sind auch kritischer bei der Auswahl ihrer Restaurants. Sie sagen sich: «Na ja, wenn ich nicht so häufig und weniger üppig essen gehe, kann ich mir aber zumindest kleine Snacks leisten.»

Es wird mehr gesnackt, weil man Geld sparen möchte?

Tischer: Der weltweite Trend verkörpert nicht nur die legere Esskultur und den finanziellen Background. Auch die umgangssprachlich genannte Abnehmspritze befeuert ihn. Die Nutzenden haben dadurch weniger Hunger und ein schnelleres Sättigungsgefühl. In den USA nehmen mittlerweile zwölf Prozent der Bevölkerung diese Abnehmspritze. 

Viele von ihnen gehen fast gar nicht mehr auswärts essen, weil sie keine komplette Mahlzeit mehr verzehren können und auch, weil sie in der Gastronomie ein passendes Angebot vermissen. In Deutschland sind wir übrigens bei etwa zwei bis drei Prozent der Bevölkerung, die eine Abnehmspritze nehmen - mit wachsender Tendenz. 

Früher hat man einen Stadt- oder Shoppingbummel damit verbunden, auch noch relaxt essen zu gehen. Wenn Leute heute shoppen gehen oder so in der Stadt unterwegs sind, ist meist Snacking angesagt. 

Der Trend geht dabei übrigens zum One-Hand-Snack. Das liegt daran, dass letztendlich auch das Smartphone fast immer im Einsatz ist. Um auch beim Essen bestens mit der Welt vernetzt zu sein, ist ja eine Hand schon besetzt. Also ist nur noch die andere Hand frei für den Snack. Deshalb braucht es mehr Snacks, die nicht tropfen und die unkompliziert aus einer Hand zu essen sind.

Dann sind ja Currywurst, Döner oder Pommes schon mal raus, oder?

Tischer: Nein, überhaupt nicht. Die Klassiker sind nach wie vor in aller Munde. Bei aller Gesundheitsorientierung: Es wurden noch nie so viele Pommes gegessen wie zurzeit, egal, ob als Backofen- oder Airfryer-Pommes für die schnelle Küche daheim, auswärts oder im Lieferservice. 

Den Delivery-Bereich haben ja eigentlich Pizzataxen mal groß gemacht. Doch laut Marktdaten liegen heute die Pommes mittlerweile auf Platz eins, gefolgt von den Burgern und erst auf Platz drei kommt heute die Pizza. Das ist schon erstaunlich.

Gesund klingt anders. Weil etwa immer mehr eiweiß- und ballaststoffreiche Produkte mit «High Protein»- oder «High Fiber»-Werbung auf den Markt kommen, hat man den Eindruck, der Trend geht eher zur gesundheitsbewussten Ernährung. Falscher Eindruck?

Tischer: Ganz und gar nicht. Auch die gesundheitsorientierte Ernährung liegt stark im Trend - aber mit Inkonsequenzen. 

Bedeutet das: Der Wille ist da, wenn da die vielen Ausnahmen nicht wären? 

Tischer: Könnte man so sagen. Die wenigsten agieren nur wie die Asketen. Das Verrückte ist, dass es in der Regel der gleiche Mensch ist, der sagt: «Also die Woche über esse ich morgens mein Porridge oder Joghurtmüsli und achte darauf, dass ich mich gesund ernähre. Aber wenn ich mich mit meiner Freundin in der Coffeebar treffe oder wenn ich irgendwie unterwegs bin, dann nehme ich das besondere Smashed Croissant mit einem ganz tollen Topping obendrauf und mache mir einen Genussmoment.»

Also ist Genuss auch ein Thema? 

Tischer: Genau genommen Genuss und Belohnung. Das hängt mit einer herausfordernden Weltsituation zusammen. Die Kriege, die vielen Unruhen, die vielen Diskussionen machen etwas mit den Menschen. Wir sehen das immer wieder in der internationalen Trendforschung, dass in solchen herausfordernden Zeiten der Konsum an Schokolade, Eis, Süßem und Knabberartikeln immer hochgeht.

Es geht dann darum, sich zwischendurch zu beruhigen und mit einer genüsslichen Auszeit zu belohnen. Das ist ja auch sehr menschlich. In dieser Belohnungs-Kategorie erlebt zum Beispiel das Croissant, welches als solches ja schon ein edles Gebäck ist, einen Trend-Boost - mit besonderen Toppings oder Füllungen wie New York Rolls. Oder eben auch Smashed Croissants. Die sind dann zusammengedrückt mit pompösen Toppings wie Matcha, Ube, Schokolade oder ähnlichem.

In dem Sinne gibt es auch ein Revival des Kaiserschmarrns. Gastronomisch wird er jetzt häufig mit ganz besonderen Toppings, Speiseeis und Saucen angeboten. Auffällig im Bereich Genuss und Belohnung: Es muss nicht nur yummi sein, sondern emotional. Man wünscht sich, dass einen der Moment touched.

ZUR PERSON: Die Food-Spezialistin Karin Tischer ist Gründerin und Kopf des Forschungs- und Entwicklungsinstituts «food & more» in Kaarst und entwickelt Konzepte, Innovationen und Rezepturen. Sie erstellt mit ihrem Team die Trendanalyse FoodZoom für die Internorga, die jährliche Fachmesse für Gastronomie, Food-Service und Außer-Haus-Markt. (mit dpa)


 

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