Oktoberfest: Wiesn-Familie Heide gibt Festzelt «Bräurosl» auf

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Über vier Generationen führte die Wirtefamilie Heide das Traditionsfestzelt «Bräurosl» auf dem Oktoberfest. Nun nimmt sie Abschied. Sie wolle sich nicht mehr um das Pschorr-Festzelt bewerben, teilte die Familie am Montag in Planegg bei München mit. Die Coronakrise und die damit verbundenen finanziellen Unwägbarkeiten seien ein Grund. Zudem wolle sie ihr Unternehmen umstrukturieren und sich auf die Planegger Gaststätte Heide-Volm konzentrieren. Dass Wiesnwirte von sich aus ein Zelt abgeben, ist äußerst selten.

«Wir haben uns das reiflich überlegt. So ein Schritt ist ja auch aufgrund der langen Familientradition nicht leicht. Schon unser Urgroßvater war auf dem Oktoberfest», sagte Daniela Heide. Ihr Vater Georg Heide nannte den Schritt traurig, aber notwendig. Letzter Auslöser sei die Corona-Krise gewesen.

«Zwei Monate haben wir schon vorab diskutiert, wie das ablaufen wird, wie die Zukunft 2021 aussehen wird», sagt Georg Heide. Dabei seien die Bedenken immer größer geworden. Durch die Wiesnabsage fehlten Einnahmen, sie machten sonst mehr als 60 Prozent des Jahresumsatzes aus.
 

Zudem werde es bei der Wiesn 2021 für den Fall einer Pandemie voraussichtlich keinen ausreichenden Versicherungsschutz geben. Das sei zu riskant. «Ich kann mir nicht vorstellen, dass das Oktoberfest künftig so sein wird, wie es die letzten Jahre war», sagt Heide und nannte die Abstandsregelungen. «Das wäre auf der Wiesn nicht möglich.» Auch die Infektion eines Mitarbeiters und als Folge eine mehrtägige Zeltschließung wäre schwierig. «Nach so vielen Jahren ist es nicht einfach, sowas zu entscheiden», sagt Georg Heide. «Die Wiesn war unser Leben, wir haben dort viele schöne Dinge erlebt und sind dankbar dafür.»

Der Wiesnchef und Wirtschaftsreferent Clemens Baumgärtner (CSU), Wirtekollegen wie auch die Brauerei bedauerten den Schritt. «Heide war immer Qualität», sagte Baumgärtner. Die Sprecherin von Hacker-Pschorr, Birgit Zacher sagte: «Wir müssen das erst einmal sacken lassen. Wir bedauern das sehr.» Es sei weit mehr gewesen als ein geschäftliches Verhältnis.

«Es ist schade, wenn man so renommierte Kollegen verliert, die eine Institution auf der Wiesn sind», sagte Wirtesprecher Peter Inselkammer. Er räumte mit Blick auf Corona ein: «Es ist eine schwierige Situation.» Zwar gebe es finanzielle Schwierigkeiten in der Gastronomie, für das Oktoberfest im nächsten Jahr sei er aber «sehr zuversichtlich». «Das ist noch ein gutes Jahr hin.»

Die Festhalle «Bräurosl» ist benannt nach der Tochter des früheren Brauereibesitzers, die der Legende nach ihre abendliche Maß Bier hoch zu Ross auf dem Hof der Brauerei trank und dabei die Braugesellen beeindruckt haben soll. Das Motiv der Brauereitochter ziert auch den Eingang der Festhalle, die für die nächste Wiesn erneuert wurde. Auf die Wirtefamilie würden damit Kosten für Ausstattung zukommen. Auch deshalb sei der Zeitpunkt zum Ausstieg jetzt richtig, sagte Daniela Heide - die wie die berühmte Bräurosl zur Wiesnzeit gern zumindest aufs Pony stieg, wenngleich ohne Maß. «Die schönste Kindheitserinnerung war das Ponyreiten, wo ich stundenlang auf diesen Pferden sitzen konnte.»

Mehrfach gaben Wirte ihr Wiesnzelt ab - unfreiwillig: 1984 musste die Wirtelegende Richard Süßmeier im Armbrustschützenzelt während des Betriebs den Zapfhahn zudrehen, weil er Schwarzarbeiter beschäftigte. Sein Nachfolger Helmut Huber hatte auf dem Nockherberg freizügige Schabernacktbälle zugelassen. Und Sepp Krätz, Wirt des früheren Hippodroms, stolperte über ein Steuerhinterziehungsverfahren.

Dass Wirte ein lukratives Zelt von sich aus aufgeben, kommt hingegen selten vor. Zuletzt hatte sich Anfang der 2000er Jahre die Familie Kreitmair aus Altersgründen nicht mehr für das damalige Winzerer Fähndl, heute Paulaner Festzelt, beworben.

Urgroßvater Georg Heide hatte die Bräurosl 1936 übernommen. Seit den 1980er Jahren war das Zelt Schauplatz des legendären «Gay Sunday». Die Gäste, die zu dem schwulen Event aus ganz Europa anreisen, waren gerne gesehen: Sie seien angenehm und gäben großzügig Trinkgeld, sagte Georg Heide einmal. Auch die Oberbürgermeister Christian Ude und später Dieter Reiter (beide SPD) dirigierten dort schon die Kapelle für ein Ständchen. Die «Bräurosl» sei unter der Familie Heide sehr weltoffen gewesen, sagte Baumgärtner. «Das ist etwas, was ich auf der Wiesn gerne erhalten sehen würde.»

Ob die Tradition des Schwulen-Sonntags beim nächsten Wirt erhalten bleibt, war offen. Dass es einen Nachfolger geben wird, gilt aber als sicher. Nie blieb ein Wiesnzelt ohne Wirt. «Es wird sicher Bewerbungen geben», sagt Zacher. Es sei aber zu früh, darüber zu sprechen. Daniela Heide will sich nun mit Ehemann Pascal auf den Stammbetrieb konzentrieren, die Gaststätte in Planegg, die
umstrukturiert wird. «Wir wollen ein Wirtshaus und Biergarten für junge Familien sein.» (dpa)


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