EHL-Group-COO: "Es ist an der Zeit, in die Digitalisierung zu investieren"

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E-Mail, Whatsapp, Facebook. Instagram, Tiktok, YouTube. Smartphone, PC, Tablet: Die heutigen Studierenden scrollen, klicken und swipen sich durch Informationen schneller als je zuvor, verarbeiten und teilen sie. Die Lernweisen verändern sich rasant. Der Bildungssektor muss mit dieser digitalen Bildungsrevolution Schritt halten – so Maxime Medina, COO der Ecole hôtelière de Lausanne EHL. Und zeigt auf, wie Lausanne hier den Takt angeben will. Tageskarte hat ihn zum Gespräch getroffen. Digital, versteht sich.

Herr Medina – sitzen Sie zuhause oder am Pult im Büro?

Wieso fragen Sie? Spielt das heutzutage noch eine Rolle?

Nun, Arbeiten und Lernen haben doch etwas Soziales und lebt vom Austausch. Oder ist seit Covid-19 nun alles anders?

Covid-19 hat in der Tat eine aussergewöhnliche Situation geschaffen, die Digitalisierung zu beschleunigen und neue Lernumgebungen zu kreieren, die viel besser zu den heutigen Studierenden passten. Jedes Unternehmen, das die Digitalisierung nicht aufgreift, riskiert, in Rückstand zu geraten. Gerade im Bildungssektor wartet eine Menge Start-ups darauf, das Steuer zu übernehmen.

Hinkt denn der Bildungssektor in Sachen digitaler Transformation hinterher?

Jede Branche wird aktuell aufgerüttelt. Die Bildung ist da keine Ausnahme, auch wenn die Beweggründe vielleicht andere sind. Hier geht es nicht um Kosteneinsparungen oder Effizienz, sondern darum, die Erwartungen und neuen Lernbedürfnisse der heutigen Studierenden zu erfüllen. Dies sind die primären Treiber für Bildungsanbieter.

Das heisst, die Schulen und Lehrkräfte sind gut beraten, den Studierenden mehr Gehör zu schenken?

Als Pädagogen wissen wir, dass Lernen dann am besten funktioniert, wenn es die sozialen Interaktionen der Studierenden widerspiegelt. Wenn das normale Leben auf digitalen Interaktionen aufbaut, werden die Studierenden wahrscheinlich gut auf eine entsprechend ausgestaltete Lernumgebung reagieren. Dies führt nicht nur zu einem höheren Engagement der Studierenden, sondern auch zu einem besseren Verständnis komplexer Ideen.

Die Disruption ist also da. Simple Frage: Sind Sie an der EHL bereit dafür? Sind andere, vergleichbare Einrichtungen bereit?

Wenn etablierte Schulen, Colleges und Universitäten diesen Bedarf der Studierenden nicht abdecken können, gibt es viele Unternehmen, die nur darauf warten, in diese Lücke zu springen. Der Bildungssektor ist generell im Umbruch, und im Moment sind es Technologieunternehmen, nicht Pädagogen, die den Weg weisen. Für die traditionellen Bildungsanbieter ist ihr pädagogisches Erbe durchaus eines der grössten Hindernisse für die digitale Transformation. Aber es kann und muss auch ihre grösste Stärke für die digitale Bildung sein. Die EHL hat Studierende seit über hundert Jahren auf innovative und zeitgemässe Weise unterrichtet.  Waren wir doch zum Beispiel eine der ersten Hochschulen, die Lernende in den 1990-er Jahren mit einem Laptop ausgestattet hatte. Nichtsdestrotz ist eine umfassende Transformation keine leichte Herausforderung. Bei uns an der EHL beginnen wir aber definitiv nicht bei Null.

Was bedeutet denn gute digitale Transformation in der Bildung?

Lassen Sie es mich bildhaft sagen: Das Beste aus der alten Bildungsweltkombiniert mit dem Besten aus der neuen Welt, das ergibt ein starkes Duo. Immer müssen die pädagogischen Bedürfnisse und der Fokus auf die Lernergebnisse oberste Priorität haben. Deshalb ist es so wichtig, dass traditionelle Bildungsanbieter wie die EHL die digitale Transformation der Bildungsbranche anführen.

Und was ist mit den Start-ups, die Sie vorher erwähnt haben?

Natürlich werden die Bildungsinstitutionen dabei Hilfe von Technologie-Startups und Disruptoren benötigen, die sie mit fantastischen, neuen Ideen unterstützen, wie man ansprechende Inhalte erstellt und interaktive Unterrichtsformate erschafft. Aber die Schlüsselprinzipien des Lehrens und Lernens, die für erfolgreiche Ergebnisse so wichtig sind, liegen bei den Bildungsinstitutionen selbst. Es ist höchste Zeit, nun eine Revolution der digitalen Transformation zu schaffen, die von der Bildung angetrieben und von der Technologie unterstützt wird – und nicht umgekehrt.

Und wie soll das in der Praxis von statten gehen?

Es wäre falsch, sich der Illusionen hinzugeben, die digitale Transformation sei einfach. Und es ist ein Irrglauben, dass digitale Bildung durch kleine Änderungen und das Herumbasteln mit neuen Tools in Online-Umgebungen erreicht werden kann. Was auch immer wir ändern, muss die Qualität verbessern. Viele, die ihre Fühler nach der digitalen Transformation ausstrecken, stellen einfach ein paar Vorlesungsvideos online. Dabei übersehen sie: Es gibt einen grossen Unterschied zwischen Fernunterricht und einer wirklich digitalen Bildungsumgebung.

Was ist denn guter Fernunterricht in Ihren Augen?

Fernunterricht ist in der Regel eine Erweiterung des traditionellen Präsenzunterrichts, wobei wichtige Videos und Ressourcen online zur Verfügung gestellt werden, um die Flexibilität zu erhöhen.

Und digitale Bildung – wie ist diese charakterisiert?

Die digitale Bildung setzt voraus, dass die Bildungsanbieter ihre Inhalte und die Art und Weise, wie die Studierenden mit ihnen interagieren, komplett überdenken. An der EHL sehen wir den Unterschied. Unser langjähriger MBA in Hospitality, der zu 80 Prozent online stattfindet, ist bei Studierenden, die einen flexibleren Lernansatz suchen, sehr beliebt. Dies war nur ein erster Schritt in Richtung den weitaus grösseren Veränderungen, die wir jetzt realisieren. Dieses Jahr musste unser Bachelor in Hospitality schnell und unerwartet umgestellt werden, um während der Covid-19-Pandemie ein Fernstudium zu ermöglichen. Jetzt sind unsere Ambitionen noch grösser, da wir ein wirklich integriertes digitales Bildungsangebot anstreben.

Wie wollen Sie dies bewerkstelligen?

Indem wir ganz gezielt Gamification und Virtual Reality (VR) einsetzen, um die Motivation und das Engagement der Studierenden in einer digitalen Umgebung zu fördern. Die Verlagerung hin zu diesen interaktiven Formaten begann an der EHL bereits vor Covid-19. Nun investiert die Schule verstärkt in diese Bereiche, gerade wegen des positiven Feedbacks von Studierenden und Dozierenden.

Haben Sie ein Beispiel?

Nehmen Sie unseren Housekeeping-Virtual-Reality-Kurs, den wir in Zusammenarbeit mit dem Beau Rivage Palace in Lausanne entwickelt haben. Dieser ermöglicht den Studierenden, die besten und schlechtesten Beispiele im Hotel-Housekeeping aus erster Hand zu erleben. Via immersive virtuelle Realität werden die Studierenden Teil der Welt, die sie sehen. Und in dieser virtuellen Welt interagieren sie dann miteinander – eine aufregende Möglichkeit.  

Überspitzt gefragt: Können künftige Generationen nur noch über Spielen zum Lernen motiviert werden?

Nun: Es gibt viel Kritik an den Millennials und ihrer kurzen Aufmerksamkeitsspanne. Die Erfahrung zeigt, dass an diesem Stereotyp durchaus etwas Wahres dran ist, insbesondere in einer reinen Online-Umgebung. Zugleich zeigt diese Generation aber zahlreiche andere Stärken, welche die Fähigkeiten früherer Generationen massiv übertreffen. Anstatt diesen Trend zu ignorieren und gegen die Bildschirme anzukämpfen, wollen wir die Formate nutzen, die unsere Studierenden bereits als anregend empfinden.

Und die reale Begegnung auf dem Campus und im Klassenzimmer bleibt auf der Strecke?

Keine Sorge – mit Sicherheit nicht. Vielmehr sind hier Ausgewogenheit und Augenmass gefragt. Denn bei der digitalen Bildung geht es nicht darum, alles online zu ersetzen, sondern digitale Umgebungen zu nutzen, um das Lernen zu verbessern und zu ergänzen. An der EHL glauben wir stark an die Wichtigkeit von sozialen Interaktionen im realen Leben. Und dieses persönliche Element darf in der Schnelllebigkeit des Internets auf keinen Fall verloren gehen. In Zukunft werden jedoch bessere Tools zur Verfügung stehen, die informelle Interaktionen ermöglichen und den spontanen Informationsaustausch und die kollaborative Ideenfindung fördern.

Dann bleibt also doch das Hauptgewicht auf dem Live-Moment?

Bis jetzt haben wir jedenfalls noch nichts gesehen, was den Austausch in der realen Welt bei einem Kaffee, einem Abendessen oder beim Sport übertreffen kann. Unsere Hochschuleinrichtungen sind so konzipiert, dass sie soziales Lernen ermöglichen. Unsere Studierenden profitieren in diesen informellen Umgebungen, die ihr formales Studium ergänzen, enorm voneinander. Sie lernen auch die Vorteile von Innovationen kennen, indem sie den ständigen Wandel auf unseren EHL-Campus miterleben, wo wir zahlreiche neue Technologien testen und neue Ideen erproben. Viele davon werden später zum Standard, von der Schlüsselkartenzahlung im Café über die Optimierung der Klassenzimmeraufteilung bis hin zur Stundenplanung, die auf der Grundlage von mit Schlüsselkarten verknüpften Mobilitätsdaten der Studierenden erfolgt.

Das nennt sich dann Lernen am Beispiel in der Praxis.

Genau. Dies ist ein indirekter Vorteil des Lebens an der EHL – und es ist einer, den wir beibehalten wollen. Die Studierenden sollen Innovation als normal ansehen, da sich ihre Welt ständig weiterentwickelt und verbessert. Dies entspricht den Kernwerten der EHL und ihrer Verpflichtung zur Pionierarbeit im Bereich von Leadership.

Was kostet denn die digitale Transformation? Das wird ja nicht ohne Investitionen gehen.

Richtig. Investitionen in die digitale Bildung sind von unschätzbarem Wert, wenn sie richtig gemacht werden. Es lässt sich aber nicht leugnen, dass dies zu Beginn kostspielig ist – sowohl in finanzieller Hinsicht wie auch hinsichtlich Zeit und personellem Aufwand. Deshalb: Die am schnellsten realisierbaren Erträge sind die wichtigsten – also Verbesserungen der Bildungsqualität und der Zufriedenheit bei den Studierenden.

Und welchen Fahrplan geben Sie sich hierfür an der EHL?

Die EHL steht noch am Anfang ihrer digitalen Transformationsreise. Doch hat sie bereits viele Vorteile auf Nummer Sicher: ein starkes Engagement der Studierenden, inspirierte und motivierte Lehrkräfte und einfachere, rationalisierte Prozesse. Wir streben durchaus auch nach mehr betrieblicher Effizienz und damit finanziellen Einsparungen. Aber: Investitionen in die digitale Ausbildung sind ein wichtiger Schritt für die Branche – nicht wegen der finanziellen Gewinne, sondern wegen des Bildungsgewinns, den sie bringen. An der EHL wollen wir motivierte, neugierige und unternehmerisch denkende Studierende hervorbringen, die sich später im Berufsleben erfolgreich behaupten. Schliesslich kommt noch der Sharing-Gedanke dazu: Ihre Erfahrungen teilt die EHL mit anderen Bildungseinrichtungen auf der ganzen Welt – denn wir wollen dem ganzen Bildungssektor helfen, die Chancen der digitalen Bildung zum Wohle der Studierenden zu nutzen.

Herr Medina, vielen Dank für das Gespräch.


 

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