Burger aus dem Labor – Unternehmen mit Appetit auf Fleisch aus gezüchteten Tierzellen

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Burgerhack aus dem Labor, das gewöhnlichem Fleisch sehr ähnlich sieht und sich im Geschmack kaum unterscheidet: Geht es nach Start-ups und Lebensmittelexperten, könnte Fleisch aus gezüchteten Zellen von Tieren schon in wenigen Jahren in den Supermarktregalen liegen. Konzerne, Start-ups und Forscher tüfteln an Fleisch aus dem Labor, für das keine Massentierhaltung in heutiger Form samt ihrer Umweltschäden nötig wäre. Auch wenn die Hürden noch hoch sind: Investoren stecken viel Geld in den Markt, von dem Konzerne wie Merck oder Nestlé profitieren wollen.

Schon 2013 testete eine Restaurant-Kritikerin einen Burger aus dem Labor, dessen Produktion rund 250 000 Euro gekostet haben soll. Seither ist der geschätzte Preis rasant auf 45 Euro gefallen. Ein wettbewerbsfähiger Preis könnte bis 2030 erreicht sein, heißt es in einer Studie im Auftrag der gemeinnützigen Organisation The Good Food Institute. Sie beziffert die Investitionen in kultiviertes Fleisch im vergangenen Jahr auf über 350 Millionen Dollar (etwa 300 Mio Euro).

«In Zukunft könnte der Fleischmarkt dreigeteilt sein», glaubt Thomas Herget, Leiter der Innovation Hubs von Merck in Kalifornien und China. Ein Drittel könnte konventionelles Fleisch aus Schlachtungen sein, ein Drittel pflanzenbasiert und eines aus Bioreaktoren kommen.

Der Pharma- und Chemiekonzern Merck tüftelt seit rund drei Jahren an Technologien, die zur Produktion von kultiviertem Fleisch und Fisch benötigt werden. Die Idee: Statt Schweine oder Hühner in Fabriken für die Schlachtung zu mästen, entnimmt man im ersten Schritt chirurgisch nur eine kleine Gewebeprobe von einem Tier. Danach werden die Zellen im Labor isoliert und kultiviert, bevor sie in großem Stil in Bioreaktoren gezüchtet und umgewandelt werden. Zum Schluss wird die Zellmasse verarbeitet und kann etwa zu Burgerfleisch geformt werden.

Dabei will Merck als Technologie-Anbieter für Start-ups profitieren. Der Dax-Konzern bietet Reagenzien und Geräte für die Zellkultivierung wie Zellkulturmedien. Etwa 70 bis 80 Start-ups aus den USA und Europa arbeiten an Laborfleisch, sagt Herget. Einige beliefert Merck mit Zellkulturmedien, die die Zellen zum Wachsen brauchen. Sie bestehen aus bis zu 100 Stoffen wie Zuckermolekülen, Salzen, Aminosäuren und Spurenelementen. Alle müssen beschafft, analysiert, sterilisiert und optimal zusammengestellt werden. Zellkulturmedien machten derzeit bis zu 80 Prozent der Kosten von kultiviertem Fleisch aus, so Herget.

Für Laborfleisch sprechen Umweltschutz und Tierwohlgedanken: Für Fleisch aus der Petrischale müssen keine Tiere im großen Stil in den Schlachthof. Angesichts einer wachsenden Weltbevölkerung steigt der Fleischkonsum rapide und mit ihm die Abholzung von Wäldern für die Landwirtschaft und die Produktion von Tierfutter.

Laborfleisch habe gemessen an konventionell erzeugtem europäischem Fleisch das Potenzial, die landwirtschaftlichen Treibhausgasemissionen um 78 bis 96 Prozent zu senken, 99 Prozent weniger Flächen und 82 bis 96 Prozent weniger Wasser zu verbrauchen, schätzten Forscher der Universität Amsterdam und Oxford. Andere Studie betonen, dass bei Vergleichsrechnungen der Einsatz von erneuerbaren Energien entscheidend ist.

Merck ist nicht die einzige Firma, die das Geschäft mit Laborfleisch vorantreibt. So hat das unter dem Namen Wiesenhof bekannte Geflügelfleischunternehmen PHW schon 2018 eine Minderheitsbeteiligung am israelischen Start-up Supermeat erworben. Und Nestlé kündigte erst im Juli an, Geschäftschancen mit Laborfleisch auszuloten. Man prüfe mit mehreren Partnern und Start-ups innovative Technologien, um kultiviertes Fleisch oder Zutaten dafür zu produzieren. Noch befindet sich der Schweizer Lebensmittelkonzern in einer Sondierungsphase.

Umweltschützer befürworten die Ansätze. «Prinzipiell ist es zu begrüßen, wenn für Fleisch keine Tiere sterben müssen und Umweltschäden begrenzt werden», sagt Stephanie Töwe, Landwirtschaftsexpertin bei Greenpeace. Es sei aber mehr Transparenz über die Klimabilanz von Laborfleisch nötig sowie den Einsatz von Antibiotika in der sehr sterilen Umgebung. Fleisch aus Tierzellen sei keine ferne Zukunftsmusik mehr, meint Töwe. Aus Greenpeace-Sicht gibt es aber mit Ersatzprodukten auf Pflanzenbasis genug Alternativen. «Generell ist es der einfachste Weg, weniger Fleisch zu essen.»

In der Tat haben Fleischersatzprodukte auf Pflanzenbasis wie vom US-Konzern Beyond Meat einen Markt gefunden. Doch warum dann das aufwendige Züchten von Laborfleisch? Viele Menschen wollten nicht auf Fleischgenuss verzichten und lehnen Produkte auf Basis von Pflanzen ab, sagt Herget. «Kunden fragen nach Bestandteilen von echtem Fleisch wie Aminosäuren und auch dem richtigen Fleischgeschmack.»

Bis kultiviertes Fleisch bei Merck ein größeres Geschäft wird, ist es noch ein weiter Weg. «Wir befinden uns in einer Pilotphase in einem noch kleinen Markt», sagt Herget. Ein gutes Dutzend Merck-Beschäftigte arbeiten im Silicon Valley, Boston und Darmstadt auf dem Feld. Umsatzprognosen für das Geschäft nennt Merck nicht.

Hürden bei Laborfleisch gibt es viele: Sei es die Entnahme und Isolation der Muskelzellen vom Tier, das Züchten von Laborfleisch im großen Stil und das Nachahmen von strukturiertem Fleisch wie Rindersteaks. «Das ist quasi der Heilige Gral des kultivierten Fleischs», sagt Herget. Einfacher sind Zellmasse für Burger-Patties.

Doch selbst, wenn Laborfleisch massentauglich wäre, könnten es Verbraucher in Europa oder den USA heute nicht im Supermarkt kaufen. Während erstes Laborfleisch in Singapur zugelassen wurde, fehlen hier noch die Freigaben von Lebensmittelbehörden. Sie prüfen die Lebensmittelreinheit und nehmen mögliche Gesundheitsgefahren unter die Lupe. «Bis Verbraucher kultiviertes Fleisch an der Ladentheke finden, dürften fünf bis zehn Jahre vergehen», sagt Herget.


 

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