«Das Virus macht keinen Urlaub»: Kretschmann und Strobl raten vom Urlaub im Ausland ab

| Politik Politik

Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) rät den Bürgern wegen der Corona-Pandemie vom Urlaub im Ausland ab. «Ich mache es einfach nicht, weil es zu kompliziert und auch nicht angemessen ist», sagte er der Deutschen Presse-Agentur in Stuttgart. Zwar verbiete es sich nicht, aber: «In solchen Zeiten kann man einfach im Land bleiben und muss nicht in der Welt herumreisen.» Deutschland sei ein ausgesprochen schönes Land mit vielen unentdeckten Regionen.

Normalerweise reist Kretschmann im Sommer nach Griechenland oder nach Schottland, um seine Tochter zu besuchen. Darauf verzichtet er dieses Jahr. Er wolle stattdessen in den Bayerischen Wald fahren, sagte er. Dort werde er wandern, aber auch Zeit mit seinen beiden Enkeln verbringen - etwa auf Spielplätzen oder im Zoo. «Mit den Enkeln gehe ich natürlich nicht wandern. Dazu sind sie noch zu klein.»

Auch Innenminister Thomas Strobl hält derzeit nicht viel von Urlaub im Ausland. Er tue sich schwer damit, einem «ungehinderten Auslandstourismus das Wort zu reden», sagte der CDU-Bundesvize. «Denken wir daran, wie das Virus zu Beginn der Corona-Pandemie vor allem zu uns ins Land kam», mahnte Strobl. «Am besten genießt man derzeit seine freien Tage im eigenen Land mit den vorgesehen Abstands- und Hygienemaßnahmen.» Er verbringe den Familienurlaub seit vielen Jahren in Deutschland.

Andere Politiker aus Baden-Württemberg halten sich mit Urlaubs-Appellen eher zurück. «Grundsätzlich halte ich nichts davon, Bürgerinnen und Bürgern vorzuschreiben, wohin sie reisen sollen», sagte Kultusministerin Susanne Eisenmann, die als CDU-Spitzenkandidatin bei der Landtagswahl 2021 antreten will. «Ich setze auf die Eigenverantwortung jedes Einzelnen.» Wer aber aus einem Risikogebiet zurückkehre und kein negatives Testergebnis habe, müsse sich in Quarantäne begeben. Eisenmann kündigte an, selbst einige Tage an den Bodensee auf die Halbinsel Höri gehen zu wollen - «um abzuspannen, Bücher zu lesen und spazieren zu gehen».

«Ich halte nichts von Vorgaben für Urlaubsziele» sagte Tourismusminister Guido Wolf (CDU) - auch wenn er natürlich für Urlaub in Baden-Württemberg wirbt. Er selbst plane dieses Jahr Wanderurlaub in der Ortenau und Radurlaub im Taubertal.

FDP-Fraktionschef Hans-Ulrich Rülke will mit seiner Familie jeweils eine Woche an den Bodensee und in den Schwarzwald. «Ich freue mich über jeden, der auch Urlaub im Land macht, gebe aber als Liberaler anderen keine ungebetenen Ratschläge», sagte er mit Blick auf Kretschmanns Reise-Appell. «Warum sollte man nicht an Orte reisen, an denen das Infektionsgeschehen vergleichbar ist oder die Lage sogar entspannter ist als bei uns?», sagte auch SPD-Fraktionschef Andreas Stoch. «Reisebeschränkungen wurden ja nicht aus Jux und Tollerei wieder aufgehoben, sondern beruhen auf dem Rat von Experten.» Die Stochs wollten bereits an Pfingsten nach Griechenland und holen den Hellas-Urlaub nun im Sommer nach.

«Auch jetzt in der Sommerurlaubszeit müssen wir alles dafür tun, um eine zweite Welle zu verhindern», sagte CDU-Fraktionschef Wolfgang Reinhart. «Da ist jeder Einzelne gefordert, ob am Badesee, in der Bahn oder am Ballermann.» Er selbst will im Schwarzwald wandern und radfahren statt an den Strand.

«Entscheidend ist für mich: Risikogebiete vermeiden - aus Verantwortung anderen gegenüber und auch um der eigenen Gesundheit willen», sagte Grünen-Fraktionschef Andreas Schwarz. Er will mit seiner Familie vorwiegend in Baden-Württemberg bleiben. «Es gibt so viele wunderschöne Naturparadiese rund um Kirchheim unter Teck und das Biosphärengebiet. Wir radeln, grillen und hängen einfach mal ab.» Ein paar Tage geht es aber auch in die Dolomiten zum Wandern. «Natürlich haben wir immer im Blick, wie sich die Coronafallzahlen dort entwickeln.»

Kretschmann bejahte im dpa-Gespräch, dass die Corona-Krise bislang die schwerste Krise in seiner Amtszeit gewesen ist. «Die Krise war schwieriger als die anderen, weil sie letztlich unpolitisch ist», sagte er. «Alle anderen Krisen, die ich kenne, haben was mit Menschen zu tun, mit ihrem Versagen, mit ihren Fehlern. Aber das ist eine Krise, die von außen kommt. Das macht einen radikalen Unterschied.» Außerdem wisse man immer noch zu wenig über das Virus.

Mit Blick etwa auf überfüllte Badeseen und Plätze warnte Kretschmann eindringlich vor einer zweiten Welle und dem Leichtsinn im Umgang mit der Pandemie. «Das Virus versteht keinen Spaß - auch nicht denen gegenüber, die jetzt wieder Spaß haben wollen.» Es sei menschlich, dass die Disziplin nachlasse, wenn der Druck nachlässt. «Aber diesen Leichtsinn können wir eben teuer bezahlen.»

Nun müsse man sehen, ob die Gesellschaft nach Corona einfach wieder zur Tagesordnung übergeht. «Meine Erfahrung ist: Nichts ist so schnell vergessen wie ein Hochwasser. Alle sind verdreckt, verschlammt, kaputt und man schwört heilige Eide, in Zukunft alles anders zu machen», sagte er. «Und dann ist alles weggeräumt, geputzt, repariert, gestrichen - nach einem Jahr kommt schon wieder der erste Antrag im Baugebiet in der Überschwemmungszone.»

Kretschmann konnte nichts Konkretes benennen, was er heute im Krisenmanagement anders machen würde. «Man muss in der Krise mit dem Wissen, das man hat, handeln», sagte er. «Hinterher ist man immer schlauer.» Kein Verständnis zeigte er für Demonstrationen gegen die Corona-Auflagen, die besonders in Stuttgart zeitweise mehrere tausend Menschen auf die Straße trieben: «Dem Getöse über die Einschränkung der Grundrechte konnte ich nix abgewinnen.» Die temporären Maßnahmen seien getroffen worden, um die Menschen zu schützen. «Man muss da pragmatische Entscheidungen treffen, klug abwägen und keine Grundrechtsdebatten führen. Das habe ich für überspannt gehalten.» Außerdem seien nicht nur Menschen auf die Straße gegangen, die um ihre Existenz fürchten. «Es sind auch solche auf die Straße gegangen, die infiziert sind von diesem ganzen Rechtspopulismus.»

Zurück

Vielleicht auch interessant

Die Tarifgespräche im Gastgewerbe von Rheinland-Pfalz sind ohne Einigung beendet. Der DEHOGA erklärt die Verhandlungen mit der NGG für gescheitert und empfiehlt den Betrieben eine freiwillige Lohnerhöhung von 3,5 Prozent.

Potsdam plant eine Verpackungssteuer gegen Müllberge noch in diesem Jahr. Andere Städte in Brandenburg zweifeln an der Abgabe: zu hoher Aufwand, zu wenig Wirkung.

Das Europäische Parlament hat neue Regeln für Pauschalreisen beschlossen. Während der Deutsche Reiseverband die Sachlage im Vorfeld überwiegend positiv bewertet, sieht die Hotellerie noch offene Fragen bei einzelnen Vorgaben der Richtlinie.

Weniger Bürokratie, längere Öffnungszeiten: Ein neues Gesetz soll Berlins Gastronomie entlasten und den Service für Gäste verbessern. Was sich für Betreiber und Besucher ändern könnte.

Berliner Restaurants, Cafés und Kneipen sollen ihre Gäste in Zukunft länger auch vor der Türe bedienen dürfen. Das steht im Entwurf eines Gaststättengesetzes, den der Senat auf den Weg brachte.

Fernsehen, Spitzenküche - und jetzt auch noch Kommunalpolitik für Alexander Herrmann? Die Wählerinnen und Wähler im oberfränkischen Landkreis Kulmbach haben entschieden.

Das neue Tariftreuegesetz trifft die Hotellerie im Kern: Zimmerkontingente und Tagungen für den Bund hängen künftig an strikten Tarifvorgaben. Der Dehoga warnt trotz Nachbesserungen vor einem enormen Prüfaufwand für die Betriebe.

Unter welchen Namen dürfen Burger und Schnitzel ohne Fleisch in der EU verkauft werden? Nach viel Wirbel gibt es eine Einigung. Komplett glücklich ist der deutsche Minister damit nicht.

Arbeitgeberpräsident Rainer Dulger spricht sich für einen Karenztag bei Krankheit aus. Lohn soll es dann erst ab dem zweiten Krankheitstag geben. Was er sich davon verspricht.

Eine breite Allianz von Wirtschaftsverbänden fordert in einem Brandbrief den Stopp der Potsdamer Verpackungssteuer. Sie warnen vor Preissteigerungen von bis zu 50 Prozent und bezweifeln den ökologischen Nutzen der Abgabe.