Ambitiös: Schweiz baut Pavillon mit kleinstem ökologischem Fussabdruck

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Die nächste Weltausstellung findet ab 13. April 2025 in Osaka unter dem Motto «Designing Future Society for Our Lives» statt. Und einmal mehr will die Schweiz mit ihrem Pavillon für Aufsehen sorgen. Der Anspruch ist klar: Es soll ein möglichst leichter, umweltverträglicher Auftritt mit der geringsten CO2-Bilanz aller Schweizer Pavillons werden. Iwan Funk, Co-CEO bei Bellprat Partner und Teil des internationalen, interdisziplinären Projektteams, im Gespräch mit tageskarte.io über die grossen Ambitionen an der Expo 2025 in Osaka.

Herr Funk, sind Sie nervös?

Iwan Funk: Nein – ich schlafe gut. Noch (lacht). Die Expo in Osaka naht in grossen Schritten und entsprechend steigt die Spannung.

Sie sind einer der Partner des Studios für Szenografie und Design und verantworten den Schweizer Pavillon an der Expo 2025 in Osaka. Was reizt Sie persönlich an diesem Unterfangen?

Iwan Funk: Die Weltausstellungen sind für uns Designer:innen eine Art Weltmeisterschaft, und die internationalen Pavillons stehen bezüglich Aufmerksamkeit ja im Wettbewerb miteinander. Das ist einerseits ein grosser Ansporn und macht mich auch stolz, dass wir da zum wiederholten Mal dabei sein können. Andererseits spüre ich aber auch eine Verantwortung und Druck, den «offiziellen» Schweizer Auftritt auf dieser Weltbühne möglichst attraktiv zu inszenieren und den Erfolg des Schweizer Pavillons an der letzten Expo 2020 in Dubai zu wiederholen, den wir ebenfalls verantwortet haben.

Stichwort Expo 2020 Dubai: Wie unterscheiden sich diese beiden Expos?

Iwan Funk: Expos haben sich im Laufe der Zeit immer wieder entwickelt. So auch zwischen Dubai und Osaka. Das Thema Nachhaltigkeit ist zum Beispiel nochmals wichtiger geworden. Auch wenn es hier immer noch viel Raum für Verbesserungen gibt. Und Dubai und Osaka sind auch sonst vom Set-up komplett anders, klar. Da gibt es die kulturellen Unterschiede, dann wird die Expo Osaka kleiner sein, als die Expo Dubai und in Japan wird der Anteil der lokalen Besucher höher liegen. Was aber für uns gleich bleibt, ist, dass wir ein richtiges Erlebnis für die Besucher:innen kreieren wollen. In Dubai mit einem echten Nebelmeer und in Osaka mit magischen Seifenblasen.

Wie gehen Sie denn das komplexe Thema der Nachhaltigkeit an?

Iwan Funk: Was wir uns bewusst sein müssen: Weltausstellungen sind per se aus ökologischer Sicht nicht nachhaltig. Ökonomisch und sozial ist wiederum eine andere Geschichte – in diesen Dimensionen sind durchaus auch positive Effekte zu erwarten. Beim Schweizer Pavillon ist die Frage nach dem ökologischen Fussabdruck ein integraler Bestandteil des Konzepts. Wir planen den leichtesten Pavillon, den die Schweiz an einer Expo je präsentiert hat.

Wie müssen wir uns das konkret vorstellen?

Iwan Funk: Das widerspiegelt sich unter anderem in der Architektur mit den sogenannten «Spheres of Innovation» und auch in der Ausstellung, in welcher die Leichtigkeit mit allen Sinnen erlebt werden kann. Die Hülle der «Spheres» besteht aus einer Folie, die von einer Leichtbaukonstruktion getragen wird. Sie ist sehr leicht, nur ungefähr 400 Kilogramm, was nicht mehr als einem Prozent herkömmlicher Gebäudehüllen entspricht. Theoretisch sollten wir die Hülle mit zwei bis drei Lastenfahrrädern transportieren können. Zudem ist diese Folie auch rezyklierbar und wird nach der Expo zu eigens entworfenen Möbeln verarbeitet. Das ist eine konkrete Form von Upcycling, die ebenfalls zum Konzept gehört.

Und was passiert mit dem Schweizer Pavillon nach der eigentlichen Expo? Sind hier auch nachhaltige Langfristlösungen in Sicht?

Iwan Funk: Tatsächlich. Es gibt bereits dato Interessenten für den Kauf des Pavillons, um ihn nach der Expo an einem anderen Ort und in einem anderen Kontext wieder aufzubauen. Wenn das nicht funktioniert, werden die Materialien des Pavillons wo immer möglich wieder verwendet. Ein Beispiel ist die vorher genannte recycelbare Folie der «Spheres«. Da wir aber den leichtesten Pavillon entwickeln möchten, sollte gar nicht erst so viel Material verwendet werden. Unser Team arbeitet hier mit dem Kyoto Institute of Technology zusammen, um innovative Lösungen für das «second life» zu finden. Der Architekt Manuel Herz hat diesen Kontakt hergestellt, und wir hatten schon mehrere gemeinsame Workshops. Die Architektur-Studierenden haben unter anderem die Aufgabe, aus den verschiedenen bestehenden Bausteinen des Pavillons etwas Neues zu kreieren. Ein bisschen wie mit Lego. Dieser Austausch ist für alle, gerade auch wegen den kulturellen Unterschieden, sehr spannend und bereichernd.

Können Sie schon etwas über das Konzept und die Gestaltung verraten?

Iwan Funk: Der Pavillon wird die Besucher:innen auf eine magische Reise mitnehmen. In vier verschiedenen, miteinander verbundenen Sphären tauchen sie in die Welt der Schweizer Innovationen ein. Wir wollen nicht nur die bekannten Klischees der Schweiz präsentieren, sondern auch überraschende oder weniger bekannte Botschaften platzieren. Beispielsweise, dass die Schweiz zu den innovativsten Ländern auf dem Globus gehört.

Also keine Klischees. Kein Heidi?

Iwan Funk: Doch, doch – aber mit einem Augenzwinkern. Unsere nationale Ikone Heidi, die sich ja in Japan höchster Beliebtheit erfreut, darf nicht fehlen und kommt selbstverständlich vor – aber anders als dies zu erwarten wäre. Mehr möchte ich dazu noch nicht verraten. Es wird spektakulär.

Welche Rolle spielt die Digitalisierung in Ihrem Konzept?

Iwan Funk: Ehrlich gesagt, eine so kleine wie nur möglich. Ein bisschen Künstliche Intelligenz kommt im Pavillon schon auch vor. Aber wir wollen sinnliche und emotionale Erfahrungen schaffen. Digitale Medien oder Technik sind für uns nur Mittel zum Zweck. Und die Besucher:innen müssen vor Ort mit allen Sinnen den Pavillon erleben, um diese Erfahrungen handfest zu machen. Der Besuch der Website reicht dazu definitiv nicht aus.  

Sprich: Es geht in erster Linie um Emotionen?

Iwan Funk: Genau. Diese Frage treibt uns seit Beginn um und prägt die Konzeption der Ausstellung. Das Rezept heisst: Wir brauchen eine gute Geschichte und magische Welten zum Eintauchen, Sinnlichkeit, Überraschung und Möglichkeiten für die Besucher:innen mitzugestalten und sich einzubringen. Ein Beispiel: In einer Sphäre werden die Besucher:innen an ihre Kindheit erinnert, und das kitzelt mit Sicherheit die eine oder andere Emotion heraus.

In Dubai war es der Nebel, den die Schweiz in die Wüste brachte. Was dürfen wir in Osaka erwarten? Oder anders gefragt: Gibt es ein Element, auf das Sie besonders stolz sind?

Iwan Funk: Aus szenografischer Sicht finde ich alles spannend, was neu ist. Um das zu schaffen, entwickeln wir an Expos immer etwas Prototypisches. Für Osaka sind es riesige, interaktive und magische Seifenblasen. Beim Test haben alle gestaunt und wir haben gespürt, dass diese Inszenierung funktionieren wird.

Welche Zielgruppen wollen Sie primär ansprechen?

Iwan Funk: Das Publikum an einer Expo ist erfahrungsgemäss sehr heterogen – vom Schulkind bis zu den Grosseltern. Der Pavillon soll ein Erlebnis für die ganze Familie sein. Zudem wollen wir Entscheidungsträger aus Wirtschaft, Wissenschaft und Politik erreichen und die Schweiz als innovativen und verlässlichen Partner in deren Köpfen verankern. Schliesslich sollte der Pavillon auch noch unseren Kund:innen, unserem Büro und unseren Familien und Freunden gefallen (lacht).

Wie wichtig sind für Sie Kooperationen mit Partnern aus Wirtschaft und Wissenschaft?

Iwan Funk: Diese Partnerschaften sind zentral. Denn sie geben unseren Botschaften zur innovativen Schweiz die notwendige Glaubwürdigkeit und Legitimation – quasi als «proof of concept». In der dritten «Sphere» bieten wir dazu genügend Raum, gerade auch was das Thema Digitalisierung und digitale Transformation angeht. So erhalten die Story und der Inhalt Tiefe. Zugleich – das ist kein Geheimnis – helfen sie auch bei der Finanzierung.

Bellprat ist nicht das erste Mal an einer Expo dabei – was verbindet ihr Atelier mit Weltausstellungen?

Iwan Funk: Das stimmt. Wir haben eine lange Expo-Reise schon hinter uns. Schon 1986 hatte Bellprat an der Expo in Vancouver am Schweizer Pavillon mitgearbeitet. Seither war das Team fast an jeder World Expo und auch an der Landesausstellung Expo.02 engagiert. Stark involviert waren wir an der Expo 2020 Dubai für den Schweizer und Polnischen Pavillon. Jetzt in Osaka verantworten wir wieder zwei Länderpavillons. Da ist bei uns im Team also einiges an Erfahrung zusammen. Zum Glück. Ohne unser interdisziplinäres Team mit ganz unterschiedlichen Kompetenzen wären solch komplexe Projekte nicht möglich.

Was zeichnet für Sie gute Szenografie aus?

Vielleicht hat man unseren Ansatz in diesem Gespräch schon ein bisschen gespürt: Für uns muss gute Szenografie ein Erlebnis schaffen. Ein richtiges Erlebnis. So kann sie Emotionen auslösen, Botschaften vermitteln und eine Handlung evozieren. Gute Szenografie hat das Potential für eine biografische Notiz – also eine Erinnerung, die nicht vergessen geht.

Was ist Ihre Vision für die Zukunft von Expo Pavillons allgemein?

Iwan Funk: Drei Begriffe drängen sich hier auf: «Nachhaltigkeit», «Partizipation» und «KI». Letztlich halte ich mich jedoch an Dr. Robert J. Waldinger. Er ist Professor für Psychiatrie und Direktor der Harvard Study of Adult Development. In dieser Langzeitstudie untersuchen Forscher:innen nun schon seit über 85 Jahren, was Menschen im Leben wirklich glücklich macht. Und er sagt: «Investieren Sie in Erlebnisse. Nicht nur Ihr Geld, auch Ihre Zeit. Erlebnisse kann einem niemand mehr wegnehmen. Ausserdem sind sie stets einmalig.» Expo Pavillons können und sollen Erlebnisse generieren. Das möchte ich als Szenograf er-schaffen, aber dann auch selbst als Besucher er-leben.


Die kommende Weltausstellung in Osaka findet ab 13. April 2025 unter dem Motto «Designing Future Society for Our Lives» auf der Insel Yumeshima statt. Der Schweizer Pavillon wird vom internationalen Team Bellprat Partner, Nüssli, Manuel Herz Architekten sowie in Begleitung der Landschaftsarchitektin Robin Winogrond aus Zürich, dem Studio AA-Morf aus Tokio und dem Kyoto Institute of Technology unter dem Mandat von Präsenz Schweiz realisiert. Mehr zur Expo 2025: www.expo2025.or.jp/en/ 

Die Zürcher Agentur Bellprat Partner AG kreiert seit 1981 weltweit Räume, die Geschichten erzählen. Das interdisziplinäre Design-Team ist rund um den Globus für Auftraggeber mit Ausstellungen, Markenwelten, Inszenierungen für touristische Destinationen und Expo-Pavillons unterwegs: www.bellprat.ch 


 

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