Charleroi: Safari durch die «hässlichste Stadt der Welt»

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Die «deprimierendste Straße Belgiens» wird ihrem Namen gerecht: Müll stapelt sich vor einem Wohnhaus, Schlingpflanzen wuchern über den Mauern einer verfallenen Werkstatt, Stuck bröselt von schwarz gewordenen Fassaden. Junge Männer rasen mit röhrenden Motoren in Richtung der Schornsteine und Abraumhalden am Horizont. Jeder zweite Laden steht leer, Fenster sind verbarrikadiert. 

Die einzigen Farbtupfer in der Rue de Mons stammen von der Werbetafel «Sparen ist langweilig» und dem Schriftzug «J’existe» (ich existiere), den ein Künstler an eine Wand gesprüht hat.

«Charleroi ist nicht schön, aber wir Künstler versuchen zu vermitteln, dass es sympathisch ist», sagt Nicolas Buissart. Der 48-Jährige veranstaltet Exkursionen durch den Stadtdschungel. 

Am Anfang steht der Prunk, etwa das prächtige Rathaus mit seinem gut 70 Meter hohen Glockenturm, der zum Weltkulturerbe gehört, und die beeindruckende «Universität der Arbeit» - Relikte der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, als Charleroi es dank Bergbau, Glas- und Stahlindustrie zu großem Wohlstand brachte. «Schwarzes Land» hieß die Region damals wegen der schwarzen Kohle und des schwarzen Himmels. 

Wohlstand und Fall

Auch die Backstein- und Klinkerfassaden der Wohnhäuser zeigen Spuren des einstigen Wohlstands mit vielen Details aus Art déco und Modernismus: bunte Mosaike, hölzerne Balkone, schmiedeeiserne Gitter, kunstvoll verzierte Fensterrahmen. Doch wo einst Luxusboutiquen und Delis zum Shoppen einluden, hängt heute an zahlreichen Häusern ein Schild «Zu verkaufen». 

Die Krise begann in den 1970er-Jahren: Industriebetriebe schlossen ihre Tore, Kohleminen stellten den Betrieb ein, Einkaufszentren im Umland beförderten den schleichenden Tod des Stadtzentrums. «Übrig blieben nur jene Bewohner, die sich nichts anderes leisten konnten. Tausende sind weggezogen», sagt Buissart, bevor er zu seinem Lieblingsthema kommt: dem Verfall, den Lost Places, den abseitigen Orten der Stadt. 

«Die Idee zu meinen Touren entstand vor 18 Jahren, als die Leser einer niederländischen Zeitung Charleroi zur hässlichsten Stadt der Welt kürten», erzählt er. Medien in ganz Europa griffen das Schlagwort auf. Was als journalistische Zuspitzung begann, blieb als Image kleben.

«Als wir uns eine Stadtsafari in die deprimierendste Straße Belgiens und zu alten Industrieanlagen ausdachten, war das nur als Witz, als Performance im Rahmen des Kunststudiums gedacht», sagt der Guide. «Aber dann rannten die Leute uns die Türen ein.»

Heute ist der Stadtkenner das ganze Jahr über ausgelastet: «Urbexen», die Erkundung von verlassenen Häusern und Industrieanlagen, liegt im Trend. Und davon gibt es viele: Buissart führt in ein leerstehendes Schwimmbad mit prächtigem Wandmosaik und in ein 1863 gegründetes Stahlwerk, dessen Hallen heute als Kunstraum und Eventlocation dienen. 

Im Gänsemarsch durch Brachen

Der Erzählfluss des Guides ist kaum zu bremsen: Atemlos springt er in der Geschichte hin und her, wechselt zwischen Englisch, Französisch und Niederländisch, spielt mit Klischees und entwirft dabei nach und nach ein Tableau der Zusammenhänge, die aus Charleroi die heutige Stadt in der Dauerkrise gemacht haben. «Ich lebe in der Stadt der Loser – und ich bin sogar der König der Loser», sagt er und lacht. 

Still wird Nicolas erst, als er einen Pfad zu einem überwucherten Gelände zwischen alten Wassertürmen, verrosteten Kesseln und sumpfigen Tümpeln einschlägt. Flüsternd schleicht die Gruppe im Gänsemarsch durch die Wildnis, die nach der Aufgabe dieser Industrieanlage entstanden ist. Schließlich stehen alle im Halbdunkel einer rund 30 Meter hohen Halle, in der riesige Kessel vor sich hin rosten – eine Kathedrale der Industriearchitektur und Lost Place par excellence.

Das «Charleroi Adventure» von Nicolas Buissart ist nur eines von vielen Projekten, die der Stadt eine neue Identität geben könnten. Geschichtsinteressierte besuchen das Weltkulturerbe Bois du Cazier, ein Relikt des Kohlebergbaus. Comic-Fans wandeln auf den Spuren berühmter Figuren wie Lucky Luke oder Marsupilami, die in Charleroi erdacht wurden. Kunstliebhaber strömen ins Museum für Fotografie mit seiner Sammlung von 100.000 Fotos.

«Viele Initiativen gehen auch auf das Engagement der Bürger zurück – die Region selbst ist zu arm für ehrgeizige Projekte», sagt Micheline Dufert. Die Rentnerin hat gemeinsam mit ihrem Mann Francis Pourcel die «Boucle Noire» ins Leben gerufen, einen 23 Kilometer langen Rundwanderweg durch das Industrierevier und über die «Terrils», die einstigen Abraumhalden, die wie Zipfel aus der Landschaft ragen.

«Wir sind unter diesen Hügeln aufgewachsen. Damals waren sie schwarz, heute sind sie grün», sagt Dufert. Auf der Route, die dieses Jahr ihr zehnjähriges Jubiläum feiert, kann man die neu entstandenen Biotope erkunden. Die Wanderung wird zu einem Wechselbad der Geräusche, Gerüche und Ausblicke: auf der einen Seite lärmende Fabriken, auf der anderen stille Natur. Hier düsterer Verfall, dort bunte Streetart im Großformat.

Dazwischen geht es immer wieder auf einen der steilen Hügel, die von jungen Birken und Eichen, von Brombeeren und Efeuteppichen bedeckt sind. Kratzt man am Boden, tritt schwarze Schlacke hervor. Hat man einen der Terrils erklommen, erlebt man die Brüche in der wallonischen Industrielandschaft besonders eindrücklich. Zufrieden lässt Micheline Dufert ihren Blick schweifen. 

«Anders als damals, als das düstere Industrierevier alle abschreckte, kommen die Leute heute zum Joggen, Radfahren und Spazieren mit Kinderwagen. Keiner hat mehr Angst vor dem "schwarzen Land". Und das ist genau das, was wir erreichen wollten.» (dpa)


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