„Druck, Ausbeutung, Schmerzen“ - Spaniens Zimmermädchen wehren sich

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Von Emilio Rappold, dpa

Amalia beteuert, dass sie nicht übertreibt. «Wir werden schlechter behandelt als Tiere. Mit uns kann man praktisch alles machen», versichert die 52-Jährige aus Alicante. Mit «wir» meint Amalia die rund 200 000 Zimmermädchen Spaniens, die eine «zunehmend brutale Ausbeutung» seitens der Hotels und anderer Touristenunterkünfte beklagen.

Nun sagen die Zimmermädchen «Basta!» - und steigen auf die Barrikaden. Am nächsten Sonntag wollen die «Camareras de piso» in zahlreichen Städten Spaniens abends auf die Straßen gehen, um auf ihre prekäre Lage aufmerksam zu machen und Verbesserungen zu fordern. Auf den Balearen-Inseln Ibiza und Formentera wollen sie gar mitten in der Hochsaison 48 Stunden lang, das gesamte Wochenende über, die Arbeit niederlegen.

Die Demos und Streiks werden von den Regionalverbänden der 2016 gegründeten Interessenvertretung «Las Kellys» organisiert. «Las Kellys» wird von den Anfangssilben des Spanischen «Las que limpian» (Die, die sauber machen) abgeleitet. «Die Gewerkschaften haben uns kaum geholfen. Wir haben gemerkt, das wir uns selber helfen mussten», erzählt Maria Fresneda (60), die Sprecherin der Gruppe in Alicante.

Wie schlimm ist die Lage der Zimmermädchen in Spanien? Die «Kellys» berichten, dass jede «Camarera» zwischen 20 und 30 Zimmer pro Tag, manchmal auch mehr, schaffen muss. Im Schnitt habe sie pro Zimmer lediglich 15 bis 20 Minuten Zeit. Da die Frauen auch für die Reinigung anderer Bereiche des Hotels zuständig sind, reicht das weder vorne noch hinten. Die Folgen sind unbezahlte Überstunden und ein stressiges Rennen gegen die Uhr, dem oft Toiletten- oder Essenspausen zum Opfer fallen.

«Ganz schlimm ist es, wenn es an einem Tag besonders viele Check-out-Zimmer gibt. Nicht selten brauchst du dann eine oder eineinhalb Stunden für eine einzige Komplettreinigung», sagt Amalias und Marias jüngere Mitstreiterin Vicky (40). Man finde auf den Zimmern Erbrochenes, Sand vom Strand, zerbrochene Flaschen, schmutzige Windeln auf den Betten und «vieles mehr».

Geschätzt 99 Prozent der Putzkräfte sind Frauen. Vertreter des «starken Geschlechts» findet man hier kaum. Dabei müssen Möbel gerückt, Matratzen gehoben und schwere Wäschewagen von Zimmer zu Zimmer geschoben werden. Dazu kommen ständig wiederholte, gleichartige Bewegungen und der Einsatz aggressiver Reinigungsmittel, die Allergien auslösen können.

Die Mehrheit der Zimmermädchen bekommt irgendwann Rücken- und Gelenkprobleme. Amalia erzählt von Eingriffen an der Halswirbelsäule. «Bin für immer und ewig kaputt.» Maria sagt: «Im Sport ist Doping verboten. Bei uns ist es aber Alltag, und allen ist es offenbar egal. Ohne Medikamente gegen Schmerzen, Übermüdung und Depressionen hält man die unmenschliche Arbeit, die wir machen, nicht aus.»

Der Tourismus boomt in Spanien, die Zahl der Besucher kletterte von 68 Millionen 2015 auf knapp 83 Millionen im vorigen Jahr. Mit knapp 90 Milliarden Euro gaben die Besucher 2018 über drei Prozent mehr als im Vorjahr aus, wie das Tourismusministerium mitteilte.

Am überfüllten Postiguet-Strand von Alicante hört man an diesem Tag im August neben Englisch, Spanisch, Italienisch und Französisch auch viel Deutsch. Martin (23) aus Bremen ist mit seinen Kumpels hier. «Also ich glaube nicht, dass es den Putzfrauen im Hotel so schlecht geht. Das ist ja nicht Afrika hier», sagt er. Mehr Anteilnahme zeigt Stefanie (45) aus der Nähe von Frankfurt. «Man achtet ja nicht so auf diese Personen, aber wenn ich erfahren würde, dass sie schlecht behandelt werden, wäre das für mich schon ein Grund, nächstes Mal das Hotel zu wechseln.»

Trinkgeld von den Gästen bekomme man - anders als bis zu den 1990er Jahren - kaum noch, auch ein nettes Wort sei sehr selten geworden, sagen die «Kellys». Viele Gäste beschwerten sich heutzutage vielmehr, wenn das Zimmer nicht schon nach dem Frühstück wieder picobello sei. «Dann wälzen Rezeption und Etagenchefin den Druck auf uns ab», sagt Vicky. Es gebe psychischen Druck, Mobbing, Beschimpfungen und Drohungen.

«Früher mussten wir uns auch abrackern, aber es gab von den Chefs nette Worte, man hat uns auch mal eine Tasse Kaffee rauf gebracht. Aber nach der Arbeitsmarktreform von 2012 ist unsere Lage viel, viel schlimmer geworden», sagt Maria, die bis zu ihrem Ausscheiden 30 Jahre lang in einem großen Hotel am Postiguet-Strand gearbeitet hat.  «Eine Kollegin, die heute anfängt, hält es keine fünf Jahre aus.»

Seit der Reform, die der damalige konservative Regierungschef Mariano Rajoy zur Bekämpfung der Krise beschloss, sind stark befristete Verträge auch für zum Teil wenige Stunden erlaubt. Immer mehr wird zudem auf Personal von Leiharbeitsfirmen zurückgegriffen. Dieses hat einen schlechteren Kündigungsschutz, eine schlechtere Altersvorsorge, weniger Lohn. «Wir bekommen im Schnitt 1000 Euro pro Monat, die Kolleginnen der Fremdfirmen oft weniger als 700», klagt Vicky.

Die wenigen Hoteliers, die zur Problematik Stellung beziehen, räumen ein, dass es hier und da Probleme geben könne. Diese seien aber nicht weit verbreitet und schon gar nicht die Regel. Antonio Catalán hingegen, Gründer und Chef der AC-Hotel-Kette und einer der erfolgreichsten der Branche, fordert die Abschaffung der Arbeitsmarktreform und spricht sich für fest angestelltes Personal mit allen Rechten aus. «Wenn man das Personal opfern muss, um mehr zu verdienen, verdiene ich lieber weniger», sagte er schon mehrfach.

Auf Ibiza bereitet derweil «Kellys»-Chefin Milagros Carreño den ersten Zimmermädchen-Streik auf den Balearen vor. «Bei uns gibt es Camareras, die bis zu 37 Zimmer pro Tag reinigen müssen», erzählt die 54-Jährige. Vor allem die Sommerzeit, für die meisten Menschen Ferien- und Freudenzeit, sei für die Zimmermädchen «die Hölle».

Neben einer verbindlichen Regelung der Arbeitsbelastung fordern die «Kellys» in erster Linie ein Recht auf Vorruhestand, die Anerkennung von mehr Gesundheitsproblemen als Berufskrankheiten und das Ende der Auslagerung an Fremdunternehmen. Die Tourismus-Ministerin der sozialistischen Regierung, Reyes Maroto, stellte jüngst Verbesserungen in Aussicht. Aber von Versprechungen haben die «Kellys» genug. «Wir streiken», sagt Carreño.


 

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