Durch die Weinberge des Elblands

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Es ist eine Dame, die bei den «Drei Herren» die Tür öffnet. Sie führt die Gäste in den Garten des Weinguts, wo alter Baumbestand und Skulpturen die Aufmerksamkeit auf sich ziehen, ehe der Blick auf die steilen Weinberge fällt.

Weil die Sonne den Zenit schon überschritten hat, hält Tanja Beck-Leyh es für passend, den Wanderern einen Schluck Sekt anzubieten. «Reine Scheurebe», erklärt sie. «Das ist sehr ungewöhnlich.»

Der Schaumwein hat eine zweijährige Flaschengärung hinter sich und erfreut mit feinen Cassis-Aromen und moderatem Alkoholgehalt. Eine würdige Ouvertüre für eine Tour über den Sächsischen Weinwanderweg, in dessen geografischer Mitte sich Radebeul befindet.

Das Städtchen war lange vor allem als Nobelvorort von Dresden und als Wahlheimat von Karl May bekannt, dessen exzentrische Villa Besuchern im Ortskern offensteht. Mittlerweile aber sind die Winzer dem Autor in puncto Kreativität zur ernsthaften Konkurrenz geworden.

Mit raren Tropfen aus der Nische

Ihre Trauben gedeihen zwischen dem Ostufer der Elbe und den flankierenden Hügelketten auf terrassierten Weinbergen. Diese sind allesamt nach Südwesten ausgerichtet, weshalb sie von einem Maximum an Sonne profitieren. Die angenehmen Rahmenbedingungen kommen auch Besuchern zugute, die Radebeul als Ausgangspunkt zur Erkundung des Weinwanderwegs wählen.

Vorbei an Villen, Trockenmauern und akkurat gepflanzten Rebstöcken, schlängelt sich dieser auf knapp 90 Kilometern von Pirna flussabwärts nach Diesbar-Seußlitz. Unterwegs bitten die Straußwirtschaften kleiner Weingüter zur Verkostung ihrer Erzeugnisse, die außerhalb der Region schwer erhältlich sind.

Eine davon gehört zum Bio-Weingut Hoflößnitz, das auch das Sächsische Weinbaumuseum beherbergt. Hier verrät Jens Scherf, warum sächsischer Wein im Rest des Landes rar ist: «Die Produktionsfläche ist mit 522 Hektar überschaubar. Außerdem trinken wir in Sachsen unseren Wein vorzugsweise selbst.»

Wie Gästeführer Scherf sagt, blickt der Weinanbau im Elbland auf Höhen und Tiefen zurück. Nach den Anfängen im Jahr 1161 erlebte er im 17. Jahrhundert mit über 5.000 Hektar Anbaufläche mengenmäßig seine unangefochtene Blütezeit. In der Zeit der DDR wurde er dann zur unbedeutenden Nische, ehe die Klein- und Kleinstwinzer der Gegenwart eine bemerkenswerte Renaissance einläuteten. Insbesondere der Sekt startet derzeit durch.

Einzigartiges Erlebnisweingut

Allerdings beherbergt das Elbland mit Schloss Wackerbarth auch einen Erzeuger, der sich von den Familienbetrieben abhebt. Mit seinem kapriziösen Schlossgarten, einer modernen Kellerei und einem mondänen Restaurant erinnert das sächsische Staatsweingut eher an ein Weinerlebniszentrum, wie man es vielleicht in Kalifornien vermuten würde. Laut Betriebsleiter Jürgen Aumüller ist das Anwesen einzigartig in Deutschland: «Bei uns ist jeder Tag ein Tag der offenen Tür.»

Doch die vielen Events und 220.000 Besucher pro Jahr sind nicht die einzigen Besonderheiten. Vielmehr habe sich das Haus auch der Pflege der Kulturlandschaft verschrieben: «In unseren Weinbergen hat es keine Flurbereinigung gegeben. Die typischen Trockenmauern sind noch wie vor 400 Jahren.»

Eine weitere Extravaganz ist die Sachsenkeule. Die traditionelle keulenförmige Flasche ist für die Lagerung eher unpraktisch. Doch als Alleinstellungsmerkmal ist so beliebt, dass Wackerbarth auch Schaumweine wie den Pinot Brut darin ausliefert.

Nächstes Ziel ist der Hof der Familie Matyas im Nachbarort Coswig. Das Anwesen kündet schon von weitem von einem Faible für Gartenbaukunst, denn die Reben genießen Gesellschaft von Rosenstöcken und üppig blühendem Oleander.

Mit acht Hektar Anbaufläche ist das Weingut von überschaubarer Größe, was sich laut Weber kaum ändern dürfte, da die verfügbaren Flächen nahezu ausgeschöpft sind. Also setze man auf einen qualitativen Aufschwung. Wie der studierte Önologe erläutert, war der Weinbau in DDR-Zeiten wenig reizvoll, da fast alle Trauben an Wackerbarth geliefert wurden. Durch Ehrgeiz oder Erfindungsreichtum sei das Volksweingut damals nicht aufgefallen.

Preise wie beim Champagner

Das sieht bei ihm persönlich anders aus: «Ich denke, dass wir hier in Sachsen mit den besten Sekt der Welt produzieren können.» Seit es ihm gelungen ist, am Kapitelberg vor den Toren von Meißen eine kleine Steillage zu erwerben, wirkt er in Eigenregie am Erreichen dieses Ziels mit: Für seinen «Grand Terroir Meißner Kapitelberg Blanc de Noirs extra brut» hat Weber bereits diverse Auszeichnungen von Fachpublikationen erhalten. Preislich kann es sein Sekt schon jetzt mit Champagner aufnehmen.

Eine erstaunliche Entwicklung, die mit dem Wissen, dass Meißen als Wiege des sächsischen Weinbaus gilt, etwas weniger überraschend wird. Obwohl die Stadt vor allem für ihr Porzellan berühmt ist, lebt die Freude an guten Tropfen: Auf dem Marktplatz steht ein Weinpavillon, an dem sich Jung und Alt mit einem Gläschen eindecken, das sie auf den umliegenden Bänken genießen.

An reizvollen Alternativen mangelt es nicht. In Dresden etwa legt der nostalgische Personendampfer «Leipzig» zu einer Tour vorbei an den mächtigen Elbschlössern ab, wobei sich Schoppenweine aus der Region als angenehme Begleiter entpuppen. Unterwegs fällt der Blick auch auf den Dresdner Stadtweinberg, den Winzer Lutz Müller bewirtschaftet. Hoch über dem Fluss gelegen, versetzt das Gartenlokal Besucher in eine Atmosphäre, die an lauen Sommerabenden an französische Filme erinnert.

Zurück in Radebeul hält das «Atelier Sanssouci» diese Illusion aufrecht. Das mit einem Michelin-Stern dekorierte Lokal kombiniert klassisch französische Elemente mit neudeutschen Anklängen. Je nach Saison und Witterung bilden entweder der Gartensaal der historischen «Villa Sorgenfrei» oder deren lustgartenähnliche Terrasse einen passenden Rahmen. Versteht sich von selbst, dass die flüssigen Begleiter überwiegend aus dem Elbland stammen.

Links, Tipps, Praktisches:

Reisezeit: Während Dresden ein Ganzjahresziel ist, bietet sich der Sächsische Weinwanderweg vor allem von Mai bis Oktober an. Im Herbst steht die Weinlese an.

Anreise: Dresden ist mit der Deutschen Bahn unter anderem von Frankfurt am Main, Dortmund und Berlin ohne Umstieg erreichbar. Mit dem Auto ist man zum Beispiel ab München fünf Stunden, ab Hamburg knapp sechs und ab Köln rund sieben Stunden unterwegs.

Sächsischer Weinwanderweg: Die Gesamtstrecke zwischen Pirna, Dresden, Radebeul, Coswig, Weinböhla, Niederau, Meißen und Diesbar-Seußlitz ist knapp 90 Kilometer lang, zu Fuß machbar in sechs Tagesetappen mit etwa 15 bis 18 Kilometern bzw. fünf bis sechs Gehstunden pro Tag. Man kann den Weinwanderweg wie beschrieben auch in Kombination aus Wanderung, S-Bahn, Taxi und Dampfschiff bestreiten (weinwandern-sachsen.de).


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