Florenz ohne Touristen: Abkehr vom Highspeed-Sightseeing?

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Für ein Selbstporträt mit Florenz gab es seit Generationen keine bessere Gelegenheit. Unbedrängt steht man an der Brüstung der Piazzale Michelangelo und schaut lange hinunter auf den Dom, die Kirchtürme und die prächtigen Bürgerhäuser am Ufer des Arno, die golden von der Abendsonne angestrahlt werden.

Vor der Pandemie drängten sich hier allabendlich die Massen. Genauso wie auf der Piazza della Signoria vor dem Palazzo Vecchio, wo nun Radler zwischen den wenigen Paaren und Familien hindurch kurven.

Im vergangenen Sommer konnte man «die Kunstschätze genießen, wie es nur zu Zeiten unserer Großeltern möglich war», sagt Eike Schmidt, 53, der Direktor der weltberühmten Uffizien. «Es kommt regelmäßig vor, dass man selbst im Saal von Michelangelo für fünf Minuten ganz allein ist - gänzlich undenkbar in den letzten Jahrzehnten.»

Die langen Schlangen sind verschwunden

Als der Tourismus in Florenz in den späten 1960er Jahren stark anstieg, übersprang die Besucherzahl in den Uffizien zum ersten Mal die Millionenmarke. Von 2014 bis 2019 schwoll der Ansturm noch einmal um ein Drittel an, auf zweieinhalb Millionen Besucher jährlich. An manchen Tagen schoben sich 12 000 Besucher durch die Säle. Vor den Toren wartete man Stunden in der Schlange. Alles vorbei.

Der Museumskomplex war im Winter 77 Tage geschlossen, so lange wie nie seit dem Zweiten Weltkrieg. Am 21. Januar öffneten die Uffizien wieder ihre Tore, nur um zwei Wochen später erneut zu schließen.

Dabei hat Eike Schmidt seine Hausaufgaben zeitig erledigt. Am 9. März 2020, dem ersten Tag des Lockdowns, begannen der Direktor und seine Mitarbeiter, die Zeit danach vorzubereiten. Zuerst hörten sie sich in Südostasien um, wo es einen großen Wissensvorsprung im Umgang mit Pandemien wie Sars gab. Dann stellten sie Desinfektionsmittel an Eingängen, Treppen und Aufzügen auf und installierten Thermoscanner, um die Körpertemperatur der Gäste zu ermitteln. Natürlich herrscht rigorose Maskenpflicht. «Und wir haben die Anzahl der gleichzeitig eingelassenen Gäste drastisch reduziert», berichtet Schmidt.

Maximal 450 Besucher gleichzeitig dürfen durch die vielen Gemäldesäle streifen, sobald die Uffizien wieder öffnen. Die meisten sind Italiener. Viele Florentiner schauen sich die weltberühmten Museen ihrer Stadt zum zweiten Mal in ihrem Leben an - nach dem Pflichtbesuch in der Schulzeit.

Die Krise als Chance für die Kultur

Die Pandemie hat Italiens stolze Kulturszene brutal getroffen. Vor allem kleinere Museen leiden, die meisten zählten im vergangenen Jahr 85 bis 90 Prozent weniger Gäste. «Es gibt aber einzelne, hoch interessante Ausnahmen», sagt Schmidt. Zum Beispiel das Museum in Anghiari, das 2019 in Kooperation mit den Uffizien eine Kopie von Leonardo da Vincis verschollenem Gemälde der Schlacht von Anghiari ausstellte. Es konnte 2020 einen Besucherrekord aufstellen: doppelt so viele Gäste wie in einem normalen Sommer.

«Das führt uns auch zu einer neuen Strategie, dass wir Kunstwerke aufs Land bringen werden und damit kleine Museen aktivieren», sagt Schmidt. «Das ist eine Strategie, die weit über Corona hinaus reicht.» «Uffizi diffusi» lautet das Motto: verstreute Uffizien.

Kunstwerke aus dem Depot werden an 60 bis 100 Orten ausgestellt, viele kehren an ihre ursprünglichen Standorte zurück, in Kirchen oder Villen. So sollen die Bewohner der Dörfer und Städte eine neue Verbindung zur Kunst ihrer Vorfahren aufbauen. Partnerstädte werden zum Beispiel Livorno, der Kurort Montecatini Terme oder das Pinocchio-Städtchen Pescia sein. Die Uffizien werden die Ausstellungen über ihre Marketingkanäle bewerben.

Der Wander- und Gastrotourismus in der Toskana soll auf diese Weise um die kulturelle Dimension erweitert werden. Die Vorteile der Strategie liegen auf der Hand: mehr Touristen für weniger bekannte Orte, Entlastung fürs überlaufene Florenz.

Eike Schmidt sieht die Zwangspause als Chance, über Fehlentwicklungen im Massen-Kulturtourismus nachzudenken: verstopfte Innenstädte, nächtliche Feiern mit Gegröle auf den Straßen, Müll am Morgen.

Weg vom abgehetzten Highspeed-Sightseeing

Kaum jemand lebe noch in der Altstadt, sagt Andrea Renai, 44, der nahe des Palazzo Vecchio eine Pension betreibt. Fast alle Wohnungen werden an Touristen vermietet, Handwerker könnten die Miete nicht mehr bezahlen. «In der Altstadt gibt es nur noch Leder- und Souvenirläden», klagt Renai. «Für Florentiner ist das uninteressant.»

Bisher kamen Menschen aus aller Welt einmal in ihrem Leben nach Florenz, um den Dom und die Uffizien zu sehen. Kreuzfahrt-Touristen wurden von den Häfen heran gekarrt. Manche Museen waren überfüllt. Andere - eigentlich ebenso bedeutend - wurden links liegen gelassen. Nun sollen sich die Gäste besser verteilen und häufiger kommen. Deshalb startet die Mehrheit der großen Ausstellungen mittlerweile im Winter.

«Wenn jemand Florenz und die Medici wirklich verstehen möchte, ist das wichtigste Museum San Marco», sagt Schmidt. Denn dort wirkten die reichen Kaufleute im 15. Jahrhundert zuerst als Mäzene. Trotzdem ist San Marco heute eines der am wenigsten besuchten Museen der Stadt.

Eine Führung dort sei viel besser, als sich nur fetischisierte Werke wie den David oder die Venus von Botticelli anzuschauen, sagt Schmidt und fügt hinzu: «Es muss ja auch nicht jeder Mensch beim ersten Florenzbesuch unbedingt in den Uffizien gewesen sein.»


 

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