«Kein historischer Tag»: Der BER eröffnet - und kaum jemand fliegt

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Endlich Durchstarten nach dem Baufiasko: Mitten in der Corona-Krise hat der Hauptstadtflughafen BER eröffnet. Mehrere tausend Fluggäste checkten am Wochenende reibungslos am neuen Willy-Brandt-Flughafen ein oder landeten dort. In den langen Gängen hatten sie viel Platz: Wegen der Seuche wird viel weniger geflogen als üblich.

«Endlich können wir unseren Flughafen in Betrieb nehmen. Endlich», sagte Flughafenchef Engelbert Lütke Daldrup bei der Eröffnung am Samstag. Nur einige Dutzend Gäste waren dabei, wegen Corona, aber auch wegen der Geschichte des Projekts mit zahlreichen Managementfehlern und Baumängeln. Der BER ging mit neun Jahren Verspätung ans Netz.

Auch die Eröffnung lief nicht wie geplant: Die beiden ersten Flugzeuge konnten nicht gleichzeitig auf den beiden Landebahnen aufsetzen. Wegen schlechter Sicht entschied der Tower, dass sie nacheinander landen, erst Easyjet, wenige Minuten später die Lufthansa.

«Dieser Flughafen ist auch ein Stück weit Wiedervereinigung und Nachwendegeschichte», sagte Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller (SPD). Der Luftverkehr Berlins und Brandenburgs wird am Standort des früheren DDR-Flughafens Schönefeld konzentriert.

In den nächsten Tagen ziehen sämtliche Airlines von Tegel zum BER, der Berliner Innenstadtflughafen schließt am Sonntag. Flughafenchef Lütke Daldrup betonte dennoch, dies sei «kein historischer Tag».

64 Passagiere einer Easyjet-Maschine nach London waren die ersten, die am Sonntag im BER eincheckten. Am Samstagabend waren bereits einige Flugzeuge mit Urlaubern dort gelandet. Insgesamt standen am Sonntag 23 Starts und Landungen auf dem Flugplan für das neue Terminal.

Die Eröffnung fällt in die schwerste Krise der Luftfahrt seit dem Zweiten Weltkrieg, wie es in der Branche heißt. Fluggesellschaften ringen um ihre Existenz und die Flughafengesellschaft Berlin-Brandenburg macht große Verluste. Sie rechnet frühestens Mitte der 2020er Jahre mit Gewinn.

«Wir werden alle miteinander einen harten Winter haben», kündigte Lütke Daldrup an. Nach dem vollständigen Umzug rechne man am BER am kommenden Sonntag mit gut 15 000 Fluggästen statt der üblichen 80 000. Lange meinten Kritiker, der neue Berliner Flughafen sei zu klein geraten. Jetzt wird die Jahreskapazität von 41 Millionen Fluggästen bei Weitem nicht ausgereizt. Etwa ein Viertel werden es in diesem Jahr sein.

Bundesverkehrsminister Andreas Scheuer (CSU) forderte nach 14 Jahren Bauzeit mit zahlreichen Pannen: «Die Zeit der Jokes über den BER muss jetzt zu Ende sein.» Er sicherte zu, alles dafür zu tun, dass der Flughafen ein internationales Drehkreuz werde. Forderungen nach mehr Verkehrsrechten für Langstreckenflieger in Berlin blieben bisher aber folgenlos.

«Wir brauchen die Augenhöhe mit den Flughäfen Frankfurt am Main und München», sagte Brandenburgs Ministerpräsident Dietmar Woidke (SPD). In Berlin ist der Marktanteil der Billigflieger höher als an den beiden größeren Flughäfen. Die Berliner Tourismus-Branche erwartet, dass am BER die Billigflieger Passagiere zu den Langstreckenmaschinen der Netzwerk-Carrier bringen und den Flughafen so zum Drehkreuz machen.

Sechs Milliarden Euro hat der Bau bislang verschlungen, drei Mal so viel wie geplant. Nicht nur deshalb ist der Flughafen umstritten. Hunderte Klimaschützer und Gegner des Flughafenprojekts zogen am Samstag zum BER. Aufgerufen hatten unter anderem Fridays for Future Berlin, Extinction Rebellion und die Jugend des Bundes für Umwelt und Naturschutz Deutschland (BUND). Angesichts der Erderwärmung sei die Eröffnung eines Riesenflughafens unverantwortlich, kritisierte Extinction Rebellion.

Aktivisten der Gruppe versuchten, den Start einer Maschine am Terminal 5 in Schönefeld zu verhindern. Mitglieder der Gruppe «Am Boden bleiben» blockierten über Stunden Treppen im Terminal 1. Andere Klimaaktivisten kletterten auf das Dach eines Eingangsgebäudes und seilten sich von dort ab.

Auch Hunderte Berliner Taxifahrer demonstrierten, denn es gibt aus ihrer Sicht zu wenige Konzessionen, Fahrgäste am BER aufzunehmen. Bürgerinitiativen bezeichneten den BER zum Start als Sinnbild für eine Politik, die an der Vernunft und der Achtung der Betroffenen vorbei gehe. «Mit enorm viel Steuergeld wird das klimaschädlichste Verkehrsmittel hoch subventioniert und die Anwohner werden im Stich gelassen.»

Berlin, Brandenburg und der Bund hatten sich 1996 entschieden, den Flughafen am Rande der Hauptstadt auszubauen. Die Wahl des Standorts löste im dicht besiedelten Umland Proteste und jahrelangen Streit um die Flugrouten aus.

Die Schließung Tegels soll Hunderttausende von Fluglärm entlasten und Platz schaffen für einen Forschungs- und Gewerbestandort. Zur Sicherheit bleibt der Flughafen im Westen der Stadt aber noch ein halbes Jahr betriebsbereit. Der Flughafen Tempelhof ist schon seit 2008 geschlossen. Das Gelände ist als Park für die Bürger geöffnet.

Das Terminal des früheren Zentralflughafens der DDR in Schönefeld bleibt vorerst als Terminal 5 des BER erhalten. Vom alten Flughafen übernimmt der BER auch eine Start- und Landebahn. Die neue zweite Bahn geht am 4. November in Betrieb, dann gilt an dem Standort erstmals ein Nachtflugverbot. Bereits seit vergangener Woche ist das Regierungsterminal auf dem BER-Gelände in Betrieb. (dpa)

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