Neue Nachtzüge fahren durch Europa

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Ende des 19. Jahrhunderts fuhr erstmals der bis heute weltberühmte Nachtzug «Orient-Express» des belgischen Unternehmers George Nagelmackers. Mit gepolsterten Sofas und Dekorationselementen war der vom belgischen König geförderte Luxuszug ein Novum. Eine Fahrt in der gemütlichen Schlafkabine quer durch Europa etwa von Paris ins heutige Istanbul war etwas Besonderes - und nur für Reiche erschwinglich.

Später waren Reisen durch Europa mit der Bahn auch beim Bürgertum etabliert. Auch andere Bahngesellschaften nutzten nun den Namen «Orient-Express» - wobei die Züge nicht die Luxusausstattung wie einst der Zug Nagelmackers hatten. Nach Angaben eines Sprechers der Österreichischen Bundesbahnen (ÖBB) fuhren noch bis zum Jahr 2009 Züge unter dem Namen «Orient-Express».

Neue Verbindungen sollen dem Reisen in Nachtzügen nun wieder Auftrieb verleihen. Ab dem 13. Dezember sollen solche Züge auf den Strecken Wien-München-Paris und Zürich-Köln-Amsterdam fahren, wie die Deutsche Bahn zum Auftakt einer gemeinsamen Nachtzug-Offensive europäischer Bahnunternehmen mitteilte. Das Angebot solle in den kommenden Jahren auf weitere Strecken erweitert werden. «Mit dem Nightjet bieten wir eine klimafreundliche Alternative zum Kurzstreckenflug innerhalb Europas», sagte Andreas Matthä vom ÖBB-Vorstand zum neuen Angebot.

Mit Blick auf die Klimakrise könnten mehr Nachtzüge tatsächlich eine gute Entwicklung sein: Der Kohlendioxid-Ausstoß beim Zugfahren ist geringer als der beim Fliegen. Nachtzüge können so manchen Flug ersetzen - doch zuletzt gab es über Jahre immer weniger solche Verbindungen. «Wenn die Deutsche Bahn den Nachtzug abschafft, dann fliegt der Mensch», sagt Joachim Holstein.

Der ehemalige Nachtzugbegleiter bei der Deutschen Bahn und Nachtzugaktivist weiß um die Entwicklung bei den europäischen Nachtzügen am Ende des 20. Jahrhunderts. «Fantastische Strecken» habe es mal gegeben, beispielsweise von Hamburg über Innsbruck und den Brenner nach Verona und Venedig oder über die Schweizer Alpen und Cinque Terre nach Livorno. Es seien viel öfter Züge gefahren und man habe sich längere Strecken aussuchen können.

Holstein erzählt, er sei als Schaffner viel in Nachtzügen unterwegs gewesen und habe sie auch privat genutzt. «Nachtzüge sind ausgesprochen kommunikativ. Was da auf den Gängen an Gesprächen stattgefunden hat», sagt er. Auch der Speisewagen sei ein beliebter Treffpunkt. Im Nachtzug erlebe man Europa - nicht nur im Zug selbst: Auch die Luft, die bei geöffneten Türen hereinströme, verändere sich im Verlauf der Strecke.

Martin Randelhoff von der Technischen Universität Dortmund sammelte für seinen Online-Blog «Zukunft Mobilität» frühere Nachtzugstrecken. Nach einem Reiseguide europäischer Züge der Jahre 1996 und 1997 habe es damals rund 100 länderübergreifende Nachtzugverbindungen in Europa gegeben, so Randelhoff. Zudem habe es rund 100 Nachtzüge gegeben, die innerhalb von Landesgrenzen verkehrten.

Billigflieger und Fernbusse der Bahn seien zur Konkurrenz geworden, heißt es von einem Sprecher des Verkehrsbündnisses Allianz pro Schiene. Die Nachfrage nach Fahrten im Schlaf- oder Liegewagen sei zurückgegangen. Auch Hochgeschwindigkeitszüge hätten dazu geführt, dass Nachtzüge gestrichen wurden. Einer davon war der Nachtzug zwischen Amsterdam und Paris: Nach der Einführung des französischen Hochgeschwindigkeitszug Thalys wurde er eingestellt, wie im Blog von Randelhoff zu lesen ist.

Schnelligkeit allein sei aber nicht immer die Lösung, gibt Bastian Kettner vom Verkehrsclub Deutschland zu bedenken. «Wenn ich in der Nacht irgendwo ankomme und dann keinen Anschluss habe, dann bringt mir die Verbindung auch nicht besonders viel.» Wichtig sei, überall rasch einen Anschluss zu bekommen - um etwa von Lissabon bis nach Moskau oder von Stockholm bis nach Neapel gelangen zu können.

Nicht nur die Verbindungen brauchen ein ganzheitliches System. Gebe es keine Kooperationen, sei es nötig, jeweils extra Tickets für die einzelnen Bahngesellschaften zu kaufen, sagt Kettner. Im Falle einer Verspätung werde es dann schwierig, für die durchgehende Reise durch mehrere Länder die Fahrgastrechte geltend zu machen.

Marion Jungbluth von der Verbraucherzentrale Bundesverband glaubt, dass es Interesse an einem guten Nachtzug-Angebot gibt. Die Leiterin des Teams Mobilität und Reisen sieht einen großen Bedarf dafür, solche Verbindungen aus Sicht der Verbraucherinnen und Verbraucher und mit Blick auf den Klimaschutz neu zu konzipieren.


 

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