Reeperbahn-Spagat: Zwischen geiler Meile und Touri-Kulisse

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«Meine Gäste lieben den Kiez, lieben das Rotlicht, das Verruchte», sagt Ricarda Belmar. Die 34-Jährige bietet auf St. Pauli Ferienapartments an - dort, wo früher mit Sex Geld verdient wurde: in ehemaligen Bordellen und Rotlichtbars. Ihrem Papa, einem in der Szene vernetzten Bodybuilder, sei das erste Bordell angeboten worden, als sie 18 war, erzählt sie. Gemeinsam hätten sie es zum Hostel ausgebaut. 

«Dann wurde mir der erste Swingerclub angeboten.» Damals sei sie noch im Studium gewesen. «Das war eine ganz kleine Ein-Zimmer-Bude, in der ich dann meine erste eigene Ferienwohnung eingerichtet habe.» Heute hat sie zehn davon auf dem Kiez und steht damit für den Wandel auf St. Pauli. Und für viele geht dem Hamburger Viertel nicht nur das Rotlicht verloren. 

Sexarbeiterinnen kritisieren Schaulustige

Aus dem Eckzimmer eines der Apartments von Belmar kann man in die Herbertstraße schauen. Zwei professionelle Sexarbeiterinnen, 20 und 30 Jahre alt, sitzen in der berühmten Bordellgasse mittags noch ziemlich einsam in einem der Schaufenster. Ihre Namen wollen sie nicht nennen, beklagen aber, dass das Rotlicht immer mehr zurückgedrängt werde - zugunsten von Döner-Läden und Kiosken mit billigem Alkohol für Touristen. 

Seit acht Jahren arbeite sie in der Herbertstraße, sagt die Ältere. «Manchmal denkst Du, das ist hier nur noch ein Museum.» In der engen Gasse - die an ihren Enden mit Eisentoren gegen neugierige Blicke abgeschirmt ist - wartet sie mit ihrer Kollegin auf Freier. Doch immer häufiger kämen Touristen nur zum Gucken - auch Frauen, was früher tabu gewesen sei. 

«Tagsüber ist das besonders schlimm: Da kommen sie sogar mit Kindern hier rein.» Das sei respektlos und gegenüber den Kindern verantwortungslos, findet die 30-Jährige und stellt fast trotzig klar: «Das ist ja immer noch ein Puff hier.»

Touristen suchen das Rotlicht von St. Pauli

Auch Michel Ruge, ehemaliger Türsteher, Kampfsportler, Autor und als Sohn eines Bordellbesitzers auf St. Pauli aufgewachsen, fühlt sich auf dem Kiez nicht mehr so recht zuhause. «Es gibt noch die authentischen Plätze, in die dann aber die Touristenhorden einfallen», sagt der 56-Jährige, der nicht weit von der Herbertstraße entfernt in einem der wenigen noch stehenden historischen Sahlhäuser wohnt. 

«Dadurch werden diese Plätze entzaubert - das ist wie eine Entweihung», sagt Ruge, der mit eigenen Projekten und Veranstaltungen das alte St. Pauli oder das, was er dafür hält, hochzuhalten versucht. «Es war ja nicht nur Rotlicht und Ganoven. Es gab dieses warmherzige Miteinander.» Hierher seien Menschen gekommen, die in der bürgerlichen Welt nirgendwo sonst Platz gefunden hätten. «Deshalb war St. Pauli immer schon progressiv und kreativ.»

Jetzt gebe es vor allem Billig-Tourismus, sagt Ruge. Besonders nerven ihn die Touristengruppen, die von Tourguides geführt überall durchs Viertel ziehen. «Diese ganzen Führungen sind nichts anderes als Butterfahrten: Leute, die sich schminken, eine Perücke aufsetzen, ein Kleid anziehen und dann den Touristenmassen irgendwas erzählen, was sie auswendig gelernt haben über St. Pauli.» Das habe nichts mit dem Kiez zu tun. «Es ist Leichenfledderei, weil die Geschichten von damals falsch erzählt werden.» 

Las-Vegas-Feeling in den «goldenen Zeiten»

Einer, der einen Teil dieser zwar schillernden, aber auch unrühmlichen Geschichte mitgeschrieben hat, ist Carsten Marek. Bis Mitte der Nullerjahre beherrschte er mit der Zuhältergruppe «Hamburger Jungs» das Rotlicht auf der südlichen Seite der Reeperbahn. Rund 140 Prostituierten sollen für sie angeschafft haben. 

Gut zwei Jahrzehnte zuvor sei er als junger Kampfsportler ins «Milieu» gekommen, sagt der 65-Jährige. «Als ich auf den Kiez kam, gab es hier noch 1.000 Luden und 10.000 Huren.» Heute seien es noch etwa 450 Prostituierte. «Früher lief in jedem zweiten Laden etwas. Heute sind 90 Prozent davon weg.» 

Er habe «die goldenen Zeiten» noch miterlebt, «in denen hier noch jeder so ziemlich machen konnte, was er wollte», sagt Marek und wird nostalgisch: «Denk nur an die Leuchtreklame: Wenn Du in den 80er Jahren die Reeperbahn von oben runtergefahren bist, dachtest Du doch, Du bist in Las Vegas.» 

Heute sei alles viel stärker reglementiert. Auch das habe das Rotlicht verändert. «Es wird in den Medien immer noch viel über die alten Zeiten und die sündigste Meile der Welt berichtet, so dass viele Touristen kommen. Aber das ist auch eine große Augenwischerei.»

Ex-Rotlichtgröße kommt als Chef der «Ritze» zurück 

Für Marek endeten die «goldenen Zeiten» im Rotlicht von St. Pauli vor 20 Jahren: Damals ging die Polizei nach gewaltsamen Auseinandersetzungen zwischen rivalisierenden Bordellbesitzern in Razzien gegen die «Marek-Bande» vor. 2006 dann der Prozess. Heute spricht er von seinem «Sommermärchen»: 13 Monate U-Haft, während Deutschland die Fußball-WM feierte. 

Der Vorwurf der Bildung einer kriminellen Vereinigung konnte am Ende nicht bewiesen werden. Wegen Menschenhandels, sexueller Ausbeutung und Förderung der Prostitution gab es aber eine Bewährungsstrafe. Vom Kiez zog Marek sich daraufhin zurück. 

Doch vor zehn Jahren kam er zurück auf die Reeperbahn, als ihm angeboten wurde, die berühmte Kiezkneipe «Zur Ritze» zu übernehmen - erst den legendären Boxkeller, dann schließlich die gesamte Kneipe mit ihrem bekannten Entrée zwischen den auf die Fassade gemalten gespreizten Frauenbeinen. 

«Es war schon sehr krass, wie sich das hier auf dem Kiez in diesen paar Jahren verändert hat», erinnert sich Marek, während er auf den roten Polstern in seiner Bar sitzt - vor den vielen Fotos an der Wand, die Prominente aus Milieu, Showbiz und Boxsport zeigen. «Die "Ritze" ist für mich jetzt so etwas wie eine Zeitkapsel – hier ist es schön.» Früher habe das für den ganzen Kiez gegolten. Damals seien Gewerbetreibende und Bewohner des Viertels auch noch «wie aus einem Guss» gewesen.

Kulturverein will St. Pauli-DNA wiederfinden 

«Das Miteinander und der Dialog, den es hier früher viel mehr gab und der ein Teil dieser St. Pauli-DNA war, ist ein Stück weit verloren gegangen und wir müssen sehen, dass wir ihn wiederfinden», sagt Julia Staron, Quartiersmanagerin des BID - des Business Improvement Districts Reeperbahn, einem Zusammenschluss von Immobilienbesitzern und Gewerbetreibenden.

Dazu müssten Bewohner und Betreiber wieder zusammenfinden. «St. Pauli ist ein Mischviertel – ein Amüsier- und ein Wohnviertel. Da liegen die Konflikte natürlich auf der Hand.» Es gebe Gastronomen, denen der Friede im Viertel offensichtlich egal sei. «Das nervt mich und ich finde es respektlos», sagt sie. 

Auf der anderen Seite gebe es Anwohner, die sich für kleines Geld Eigentum in einem Sanierungsgebiet angeschafft hätten «und nun meinen, sie bekommen Pöseldorfer Zustände. Und plötzlich müssen im Amüsierviertel Fenster und Türen geschlossen werden, weil die Beschwerden nicht aufhören.» Auch das nerve sie - ebenso die Gästeführungen, wenn sie die Fußwege verstopften.

St. Pauli unterliege aber seit Jahrhunderten einem Wandel, «weil das Amüsiergewerbe nun mal Trends unterliegt», sagt Staron, die auch Vorsitzende des Vereins Lebendiges Kulturerbe St. Pauli ist. Besonders an dem Viertel sei für sie das, was sie «die St.-Pauli-Haltung» nenne. «Die Akzeptanz der Vielfalt im Leben. Und ich rede jetzt nicht von vielfältigen Angeboten im Amüsierbetrieb, sondern von der Vielfalt der Lebensentwürfe. Das lebt auf St. Pauli noch und das halte ich für sehr bewahrenswert.»

Insel von «radikaler Akzeptanz der Lebensentwürfe»?

Seinen Ursprung hat diese Haltung ihrer Ansicht nach in der Geschichte des Viertels, das früher zwischen den Städten Hamburg und Altona lag «und wo sich schon früh Dinge abspielten, die es innerhalb der Stadtmauern nicht geben durfte». Das habe die Mentalität der Bewohner geprägt: «Als "Non-established" gegen das Establishment zu sein, ist eben ein Stück weit auch DNA des Viertels.»

In Zeiten, in denen rechte und rechtsextremistische Haltungen stärker würden, empfinde sie St. Pauli wie eine Insel, wo jemand «mit bunter Perücke und Pailletten-Bademantel bei Budni einkaufen gehen» könne. «Es würde hier nicht nur niemanden stören, sondern wäre für viele nicht mal der Rede wert.» Fast könne man von einer radikalen Akzeptanz der Lebensentwürfe sprechen. «Da ist St. Pauli tatsächlich ein Stück weit einmalig.»

Im nächsten Jahr will man auf St. Pauli «400 Jahre Reeperbahn» feiern. Bis dahin will der Kulturerbe-Verein ein Leitbild entwickeln, wie man künftig mit dem Viertel in der Stadt und die darin lebenden Menschen miteinander umgehen wollen. Das wolle man erforschen und starte dieser Tage deshalb eine Umfrage, sagt Staron. «Alle sagen, wir müssen auf St. Pauli etwas schützen oder bewahren. Wir wollen jetzt erst einmal wissen, worum es dabei eigentlich geht.» (dpa)


 

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