Reisebüros und Veranstalter: Erholung nach dem Corona-Krisenjahr lässt auf sich warten

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Schnäppchen-Lust statt Corona-Frust? Mit Frühbucher-Rabatten werben Reiseveranstalter nach dem Krisenjahr 2020 um Kunden. Doch diese zögern bislang noch mit Buchungen für die schönsten Wochen des Jahres - zu groß ist die Ungewissheit. Die Menschen verzichten nicht deshalb aufs Reisen, weil sie nicht wollen, «sondern weil sie nicht können», sagt der Branchenexperte Martin Lohmann. «Die Nachfrage ist potenziell da.» Bisher deutet sich an, dass zunächst vor allem Ziele in Deutschland und den Nachbarländern gefragt sind, die mit dem Auto, per Bus oder Bahn erreicht werden können. Mancherorts könnte es sogar eng werden.

«Bei erdgebundenen Reisen stellen wir für den Sommer eine hohe Nachfrage fest. Es ist möglich, dass nicht jeder sein Wunschhotel bekommt, wenn er später bucht», berichtet Ingo Burmester, Zentraleuropa-Chef von DER Touristik. Branchenprimus Tui weist darauf hin, dass «nicht das ganze Volumen, das sonst ins Ausland gegangen wäre, hier in Deutschland aufgenommen werden kann». Im Vorkrisen-Jahr 2019 führten nach Angaben des Reiseverbandes DRV fast 74 Prozent der Urlaubsreisen ins Ausland (DRV Daten und Fakten Reisemarkt 2019 als PDF).

Das Problem: «Stetige Änderungen der Einreisemodalitäten und Reisewarnungen sorgen noch für eine Buchungszurückhaltung», stellt FTI-Group-Geschäftsführer Ralph Schiller fest. Immerhin: «Seit die Nachricht bekannt ist, dass es noch in diesem Winter einen Impfstoff gegen das Coronavirus geben soll, sind die Buchungsanfragen deutlich gestiegen. Das zeigt uns, dass die Menschen unbedingt wieder reisen wollen.» Auch Andreas Rüttgers, Leiter Flugtouristik bei Schauinsland-Reisen, sagt: «Die Buchungen erfolgen deutlich kurzfristiger.» Überproportional oft entschieden sich Kunden für Urlaubsanlagen in direkter Strand- und Meerlage.

Um die Reiselust der Bundesbürger anzuschieben, locken Veranstalter mit günstigen Frühbucher-Rabatten, der Möglichkeit kostenloser Stornierungen und Umbuchungen sowie Hygienekonzepten für Anreise und Unterkunft. Denn das Corona-Krisenjahr hat tiefe Löcher in die Bilanzen gerissen, die gestopft werden müssen.

Nach DRV-Berechnungen summieren sich die Umsatzausfälle der deutschen Reiseveranstalter und Reisebüros bis Ende dieses Jahres auf 28 Milliarden Euro - ein in dieser Größenordnung einmaliger Einbruch von rund 80 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Branchenprimus Tui und der drittgrößte Veranstalter FTI brauchten Hilfen des staatlichen Wirtschaftsstabilisierungsfonds. Beim Tui-Konzern summiert sich die Unterstützung - private Kapitalspritzen der Eigentümer eingeschlossen - inzwischen auf knapp 5 Milliarden Euro. Vorstandschef Fritz Joussen hofft, dass das Geschäft ab dem Sommer wieder stärker läuft: «Die Leute sagen einfach: Wir haben es satt, wir wollen in den Urlaub.»

Letztlich hängt eine Erholung der Branche von Faktoren ab, die sie nicht beeinflussen kann. Die Politik sei gefordert, sensibel mit Reisewarnungen und Reisehinweisen umzugehen, mahnt der Präsident des Reiseverbandes DRV, Norbert Fiebig. «Ein Zick-Zack-Kurs, wie im laufenden Jahr gesehen, verunsichert nicht nur die Urlaubswilligen, sondern auch die Unternehmen und erstickt die vorhandene Reiselust im Keim.» Auch Tui wünscht sich schlüssigere Hinweise - möglichst regionaler, präziserer Art, nicht gleich pauschal für ganze Länder.

Selbst falls das Geschäft nach einem Ende der Beschränkungen anzieht, wird es nach Fiebigs Einschätzung noch ein oder zwei Jahre dauern, bis das Niveau der Vorkrisenzeit erreicht wird. Einen besonderen Vorteil hat aus seiner Sicht die Pauschalreise, «da sie den Urlaubern zusätzliche Sicherheiten gerade in eher unsicheren Zeiten bietet». Auch Reisebüros würden wegen des gestiegenen Beratungsbedarfs der Kunden in Corona-Zeiten profitieren. Vieles läuft aber auch digital.

Für 2021 sind Reisebüros und Veranstalter verhalten optimistisch: «50 bis 60 Prozent der Umsätze des Rekordjahres 2019 sind hoffentlich drin», sagt Fiebig. Voraussetzung seien die Verfügbarkeit eines Impfstoffes und eine risikobasierte Teststrategie der Regierung.

Allerdings dürften kaum alle Veranstalter und Büros den Schock überleben. Sollten die Beschränkungen bis zum Frühjahr bleiben, «wird in manchen Fällen die staatliche Unterstützung nicht ausreichen, weil die laufenden Kosten ohne Geschäft auf die Dauer zu hoch sind», befürchtet der Tourismusexperte Torsten Kirstges. Der Professor an der Jade-Hochschule in Wilhelmshaven schätzt, dass etwa zehn Prozent der rund 11 000 Reisebüros und etwa 50 bis 100 Veranstalter in Deutschland gefährdet sein könnten.

Nach Erkenntnissen der Forschungsgemeinschaft Urlaub und Reisen (FUR) ist die Reiselust der Menschen in Deutschland seit Jahren weitgehend konstant. Daran habe sich auch in der Pandemie nichts Grundsätzliches geändert, erklärt Lohmann, Leiter des Instituts für Tourismusforschung in Nordeuropa (NIT) und wissenschaftlicher Berater der FUR. «Die Produkte der Reisebranche brauchen keine Revolution.»

Das gilt nach Einschätzung von Kirstges auch für Kreuzfahrten, die ein wichtiger Wachstumstreiber waren, aber bei Umweltschützern in der Kritik stehen. «Kreuzfahrten werden wieder boomen.» Grundsätzlich hält der Experte das Geschäftsmodell nicht für bedroht. Den Geschäftsbetrieb des Veranstalters FTI Cruises hat FTI jedoch zum 31. Oktober eingestellt. Tui erwartet dagegen, «dass wir nächstes Jahr das Geschäft wieder anfahren und die Flotten komplett im Umlauf haben können».

Und wenn die ersehnte Erholung kommt? «Dann muss das Geschäft schnell wieder hochgefahren werden», sagt Kirstges. «Der Verlust von qualifizierten Mitarbeitern - sei es, weil sie entlassen wurden, oder, weil sie sich einen neuen Job gesucht haben - könnte die Branche dann ein Stück weit belasten.» (dpa)


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