Schildkrötensuppe zur Eröffnung: Berliner Fernsehturm wird 50

| Tourismus Tourismus

Echte Schildkrötensuppe für 3,30 Mark (Ost), Kaffee französisch im Glas für 4,90 oder sowjetischer Wodka - etwas Besonderes mit dem Hauch von weiter Welt sollte den Besuchern des neuen Ost-Berliner Tele-Cafés in 207 Metern Höhe geboten werden. Auf der Speisekarte zur Eröffnung des Fernsehturms vor 50 Jahren (3. Oktober 1969) wünscht das Jugendkollektiv des Cafés «seinen verehrten Gästen einen angenehmen Aufenthalt». Ostdeutsche standen im Zentrum der DDR-Hauptstadt Schlange, Touristen ebenso. Der Clou: Das Café in der charakteristischen Kugel des über 360 Meter hohen Turms bis zur Antennenspitze bewegte sich in der Regel in einer Stunde einmal um sich selbst.

Das ist auch heute noch so - anders ist aber, dass Besucher mehr als eine Runde drehen dürfen. Und das einstige Tele-Cafè heißt jetzt Restaurant Sphere. Ohne Delle nach dem Mauerfall sei aus dem DDR-Vorzeigeprojekt ein gesamtdeutsches Wahrzeichen geworden, sagt der junge Leiter des Besucher-Service, Stephan Vogel. «Ist eine Ehre, in einem so geschichtsträchtigen Objekt zu arbeiten», bekennt der 31-Jährige. Von hier aus habe man damals über die Mauer nach West-Berlin schauen können, weiß Vogel, der diese Zeit nicht miterlebt hat.

Ost oder West spielt keine Rolle mehr

Etwa 60 Millionen Besucher kamen seit der Eröffnung. Der Fernsehturm gilt als das höchste Bauwerk Deutschlands. Derzeit kämen pro Jahr etwa 1,6 Millionen Interessierte, so der gelernte Tourismus-Kaufmann. Sie speisen in luftiger Höhe, trinken Kaffee oder entdecken eine Etage tiefer im Panoramadeck pur die deutsche Hauptstadt von oben. Ost oder West spiele keine Rolle mehr, sagt Vogel. Er erzählt aber, dass schon mal die Frage gestellt wurde, ob ein Teil der Fenster früher undurchsichtig gewesen sei - wegen der West-Sicht.

Es ist wohl ein Zufall der Geschichte, dass der Jahrestag der Deutschen Einheit und das Fernsehturm-Jubiläum zusammenfallen. Der «Telespargel» - so die ostdeutsche Wortschöpfung laut Zentral- und Landesbibliothek - wurde nach knapp vier Jahren Bauzeit nahe dem Alexanderplatz am 3. Oktober wenige Tage vor dem 20. Jahrestag der DDR (7. Oktober) eröffnet. «Der Fernsehturm sollte auch die Leistungsfähigkeit der DDR zeigen», sagt Pressesprecher Dietmar Jeserich.

Anfangs sollte der Sendeturm für das DDR-Fernsehen am Stadtrand in den Müggelbergen gebaut worden - bis die DDR-Oberen feststellten, dass er dann in der Einflugschneise des Flughafens Schönefeld stehen würde. Den neuen Standort soll dann SED- und DDR-Staatschef Walter Ulbricht persönlich festgelegt haben. Der passte dann auch bestens zur sozialistischen Neugestaltung des Alexanderplatzes gleich nebenan. Dort wurde wenige Tage vor dem Fernsehturm die spektakuläre Weltzeituhr mit einem Modell des Sonnensystems der Öffentlichkeit übergeben (30. September 1969).

Das Werk des DDR-Formgestalters Erich John steht ebenfalls unter Denkmalschutz und ist bis heute ein beliebter Treff. John erinnert sich, es sei fast unmöglich gewesen, sich auf ein solches Projekt einzulassen. Kugellager hätten aus dem Westen beschafft werden müssen, als Antrieb sei ein Trabant-Getriebe umgebaut worden. Seine Uhr sei ein Gegenkonzept zur nicht offenen Gesellschaft gewesen, so John.

Sputnik-Kugel als Blickfang

Auch beim Fernsehturm ging es ums Material. Der Stahl sei aus Schweden eingekauft worden, auch Techniker aus dem Land seien nach Ost-Berlin gekommen, sagt Sprecher Jeserich. Um das innenliegende Metallgerüst wuchs dann laut Fernsehturm-Website der äußere Betonschaft. Die Kugel habe an sowjetische Sputnik-Satelliten erinnern sollen. Deren Segmente seien per Kran hinaufgehievt worden.

Laut DDR-Museum wurden 8000 Kubikmeter Beton verbaut. Und der Bau sei mit 132 Millionen DDR-Mark mehr als viermal teurer geworden als ursprünglich geplant. Die SED-Parteizeitung «Neues Deutschland» schrieb damals, an dem «Wunderwerk der Technik» hätten mehr als 300 Betriebe mitgearbeitet.

Doch eine Sache machte den DDR-Oberen zu schaffen. Durch eine Reflexion sei auf der Kugel ein Kreuz zu erkennen gewesen, plaudert der Sprecher. Es sei versucht worden, andere Materialien einzusetzen, das Ganze zu streichen - das Kreuz sei geblieben. Über die «Rache des Papstes» sei viel gespöttelt worden.

Der Fernsehturm gehört heute der Deutschen Funkturm GmbH, einer Telekom-Tochter. Eine extra Gastronomiegesellschaft ist für die Besucher zuständig. Der schlanke Turm ist verewigt auf T-Shirts, Tassen und Gläsern sowie als Backform oder Babyrassel zu haben.

Auch die prägende Kugelform findet sich überall - im Glas der Treppenbegrenzung im Eingangsbereich, im Fußboden, in Deckenelementen und Lampen. «Der Turm ist denkmalgeschützt, jede Renovierung muss abgestimmt werden», sagt Sprecher Jeserich. «Von den Glaselementen sind noch einige Originale da.» Der 69-Jährige schwärmt immer wieder vom Ausblick über die Stadt. «Da können Sie jeden Dackel erkennen - und die Entwicklung der Stadt verfolgen.»

„Heute ist alles zugebaut“

In zwei Aufzügen, die in einer Sekunde sechs Meter schaffen, rauschen die Besucher nach oben. Dort ist im Restaurant Sybille Janke Restaurantleiterin, 1996 hat sie hier als Azubi angefangen. Sie sagt, damals habe man die Leerstellen nach dem Mauerfall noch erkannt. «Heute ist alles zugebaut. Aber viele wollen auch die Geschichte Berlins sehen.»

Janke ist auf die Technik angewiesen. Wegen des begrenzten Platzes werde das Essen unten in einer Küche vorbereitet und dann per Aufzug gebracht. Öfter wird auch eine kulinarische Zeitreise angeboten, bei der die beliebte Soljanka nicht fehlen dürfe.

Auch die Getränke müssten früh vor den Besuchern in die Höhe geschafft werden, so die 42-Jährige. Gäste an 40 festgeschraubten Tischen werden bedient, während in dem sich drehenden Restaurant immer neue Aussichten vorbeiziehen. Die Berlinerin Janke weiß ihren «besonderen Arbeitsplatz» zu schätzen. Abends sei sie hier die Letzte. «Da ist es dann ruhig und ich gucke gern mal raus.»


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Der Bundeswettbewerb Nachhaltige Tourismusdestinationen geht in die vierte Runde. Ab sofort können sich Tourismusorganisationen aus Orten, Regionen und Städten in ganz Deutschland bewerben, die an einer nachhaltigen und zukunftsfähigen Destinationsentwicklung arbeiten.

Hilton hat seinen Trends Report 2027 veröffentlicht. Die Untersuchung beschreibt, wie sich das Reiseverhalten deutscher Urlauber im kommenden Jahr verändern könnte. Im Mittelpunkt stehen Flexibilität, Erholung, persönliche Entwicklung und Vertrauen.

Dass München für Deutschland ins Rennen um Olympische und Paralympische Spiele geht, hat im Freistaat eine Welle der Euphorie ausgelöst. Auch das Gastgewerbe begrüßte die Entscheidung als starkes Signal für die Landeshauptstadt und den Freistaat.

Die Deutschen planen für diesen Herbst weniger Urlaubsreisen als vor einem Jahr. Das zeigen die aktuellen Ergebnisse des Urlaubsplanungsindex des Deutschen Instituts für Tourismusforschung in Kooperation mit dem Deutschen Tourismusverband.

Royal Caribbean Group hat eine Vereinbarung über eine 50-prozentige Beteiligung an Sandals und Beaches Resorts unterzeichnet. Der Abschluss der rund drei Milliarden US-Dollar teuren Transaktion wird für Anfang 2027 erwartet.

Das im Mai eröffnete temporäre Erlebnis-Dorf des Erdbeer-Unternehmens Karls in Wernigerode im Harz soll 2027 in die Verlängerung gehen. Zunächst wird es aber nach den Herbstferien Anfang November schließen.

Lonely Planet zählt Dessau zu seinen Reisezielen für 2027. Autor Anthony Ham stellt das Bauhaus und dessen Einfluss auf die Alltagsarchitektur in den Mittelpunkt.

Die Aktien mehrerer Reiseplattformen haben nach dem Start von Metas KI-Assistent Muse nachgegeben. Analysten befassen sich mit möglichen Folgen für das Geschäft mit Reisebuchungen.

Eine aktuelle Studie der Deutschen Zentrale für Tourismus bestätigt die Bedeutung der Vereinigten Staaten als wichtigsten Überseemarkt für den deutschen Tourismus. Trotz gestiegener Kostensensibilität bleiben die Ankünfte stabil auf dem Niveau des Vorjahres.

Die Ferienparkkette Center Parcs prüft die Errichtung eines großen Ferienparks im Lausitzer Seenland. Das Projekt auf Brandenburger Seite solle zwischen Sedlitzer See und Partwitzer See auf rund 90 Hektar Fläche 500 bis 700 Ferienhäuser umfassen.