Tessin: Zwischen Glamour, Gourmetküche und Alpenidyll

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Während in abgelegenen Tälern nur wilde Bäche und Winde in den Bäumen rauschen, knattern am Lago Maggiore Sportwagen und Motorroller durch enge Altstadtgassen. Daniel Schälli liebt beides: das Treiben am Lago und die Ruhe der Valli.

Als passionierter Radfahrer genießt der Schweizer jede freie Minute auf Touren in Seitentäler. Als Hotelier, der in seiner Karriere verschiedene Hotels in Ascona und Locarno führte, aber lebt er von den zahlungskräftigen Urlaubern.

Vor allem während der «Moon & Stars»-Konzerte im Juli und des Filmfestivals auf der Piazza Grande im August verwandeln sich die Luxushotels in Locarno und dem Nachbarort Ascona in Bühnen für Stars und Sternchen. «Während der Events hatte ich schon Hollywood-Stars wie Meg Ryan und Oscar-Preisträgerin Hillary Swank oder den italienischen Sänger Eros Ramazzotti zu Gast», berichtet Schälli. 

Im Sommer herrscht Hochbetrieb. Voll besetzte Ausflugsdampfer bahnen vor Locarno und Ascona hupend durch lahme Tretboote und schnelle Motorjachten ihren Weg in die Nachbarorte oder zum botanischen Garten auf den Brissago-Inseln. Und selbst die ansonsten so ruhig daliegenden Tälern hoch über dem Lago Maggiore sind zu dieser Zeit mancherorts belebt. 

Instagram-Star «Ponte dei Salti»

So stauen sich im Verzasca-Tal Autos, Motorräder und Busse - der Grund ist die berühmte «Ponte dei Salti» aus dem 17. Jahrhundert: Kühn schwingt sich die Steinbrücke über die türkisfarbene Verzasca, deren starke Strömung sich durch Granitfelsen gefressen hat. Wunderbar anzusehen, zweifelsohne.

Doch Schälli bevorzugt für seine Touren das ruhigere Valle Maggia. Auf dem Radweg strampelt er bis Bignasco und dann hoch ins enge Val Bavona, wo San Carlo am Talschluss mehr als 1.000 Meter hoch liegt. «Die Anstrengung lohnt sich, da die Natur einfach traumhaft ist», schwärmt Schälli. Tatsächlich kommt man sich auf dem Weg zum 108 Meter hinunterstürzenden Wasserfall bei Foroglio zuweilen vor wie im Dschungel.

In Peccia passiert man die Bildhauerschule, wo jedes Jahr fünf Künstler aus der ganzen Welt sechsmonatige Stipendien erhalten. Den «Artists in Residence» können Besucher im wahrsten Sinne über die Schulter schauen. Viele arbeiten dort mit Peccia-Marmor und Vallemaggia-Granit.

Steine, die der Tessiner Stararchitekt Mario Botta auch für seine Kirche in Mogno verwendet hat. Rund um das gestreifte Gotteshaus in Mogno und in vielen anderen Orten in den Tälern werden auch immer mehr verfallende Rustici - traditionelle Häuser im Tessin - für zivilisationsgeplagte Großstädter saniert.

Vom sterbenden Dorf zum Hotel

In Corippo im Tal der Verzasca entstand zudem das erste «Albergo diffuso» (aufgeteiltes Hotel) des Kantons. Restaurant und Rezeption befinden sich im Haupthaus, die Zimmer in verschiedenen, sanierten Häusern. Verbunden sind sie nicht durch Hotelflure, sondern Gassen.

So kehrt Leben in verlassene Dörfer zurück, in denen bitterarme Familien noch bis Mitte des 20. Jahrhunderts ihre 8- bis 12-jährigen Söhne für ein paar Münzen als «lebende Besen» an Kaminfeger in Norditalien verkauften.

An die wie Sklaven gehaltenen «Spazzacamini», die Kaminfegerkinder, erinnert das Schornsteinfegermuseum im italienischen Santa Maria Maggiore rund 30 Kilometer westlich von Locarno. Erst durch den 1882 eröffneten Gotthard-Eisenbahntunnel und den folgenden Tourismus kamen die Tessiner zu Wohlstand.

Mercato del Gusto-Festival in Ascona 

Das Bodenständige und das Mondäne verschmelzen nirgendwo so schön wie beim jüngsten Gourmet-Festival des Tessin. Der Mercato del Gusto wird an jedem ersten Juni-Sonntag von einer Gruppe ausgerichtet, zu der neben dem Hotel «Castello del Sole» in Ascona auch zwei Landwirtschaftsbetriebe gehören: Die Cantina alla Maggia baut im fruchtbaren Flussdelta der Maggia Wein, das Gut Terreni alla Maggia vor allem Risotto-Reis an.

Zum Mercato bieten kleine Produzenten vieles, was das Tessin für Genießer so einladend macht: Wein, Käse, Honig, Marmeladen, Pilze, Pasta, Risotto, Fisch- und Wild-Spezialitäten. Highlights aber sind die Stände der Starköche, die Gastgeber Mattias Roock einlädt.

Der Deutsche ist selbst Sternekoch, seine «Locanda Barbarossa» im «Castello del Sole» gehört zu den besten Restaurants der Südschweiz. In seinem Parademenü Sapori del nostro orto (Aromen aus unserem Garten) verwendet Roock in jedem Gang Zutaten aus seinem riesigen Obst-, Gemüse- und Kräutergarten, den er mit vielen exotischen Spezies gleich neben der Küche angelegt hat. 

Feine Küche für wenig Geld

Sternemenüs sind nicht für jedermann erschwinglich. Der Eintritt zum Mercato del Gusto dagegen ist frei und jede Probierportion mit sieben Franken für Schweizer Verhältnisse spottbillig. Die dort aufgebotenen Stars werden vom Restaurantführer Guide Michelin regelmäßig mit Sternen ausgezeichnet. «Es ist doch schön, wenn jeder es sich leisten kann, einmal Gerichte dieser Köche zu probieren», meint Roock. 

Neben dem Zweisternekoch Marco Campanella aus dem «La Brezza» im «Hotel Eden Roc» in Ascona kam auch schon Dreisternekoch Andreas Caminada. Für ein Selfie mit dem Schweizer Koch-Superstar standen viele Besucher aufgeregt Schlange - sogar einige aus den abgelegenen Tälern, die sich eigentlich durch nichts aus der Ruhe bringen lassen. (dpa)


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