Weniger Touristen in Berlin: Was Stadtführer berichten

| Tourismus Tourismus

Leon Gordobil wartet am Hackeschen Markt, bis alle da sind. Ein paar Touristen stehen schon bereit und schauen sich verdutzt um. Dann zählt er kurz durch: Sieben Menschen haben sich für die Stadtführung durch Berlin angemeldet, zwei ältere Frauen kommen noch spontan dazu. Mehr werden es nicht.

Dass die Gruppen kleiner werden, ist Teil einer Entwicklung. «Zehn bis 15 Prozent weniger Auslastung hatten wir 2025 im Vergleich zum Vorjahr», sagt Lars Beineke, Geschäftsführer des Stadtführungsanbieters Original Berlin Walks. Für das Unternehmen arbeiten etwa 80 freiberufliche Gästeführer. Ein Grund für den Rückgang sei die geopolitische Lage. Einige Universitäten in den USA hätten beispielsweise Programme gestrichen und schickten keine Studierenden mehr nach Berlin. «Das merken wir sofort.»

Weniger Teilnehmer

Stadtführer Gordobil (37) arbeitet hauptberuflich als Guide und seit knapp einem Jahr für Original Berlin Walks. Im Durchschnitt, sagt er, nehmen an einer deutschsprachigen Führung etwa zehn Menschen teil, bei englischsprachigen Touren meist 15 bis 20. Doch auf so viel Zulauf verlassen kann er sich nicht. «Ich hatte auch schon Tage, wo keine Tour stattgefunden hat oder nur zwei Gäste da waren.»

Trotzdem hält das Unternehmen an seinem täglichen Angebot fest. Die Touren sollen immer stattfinden - selbst dann, wenn nur ein einziger Gast kommt oder das Wetter schlecht ist. Das Angebot zu kürzen, sei keine Option, sagt Geschäftsführer Beineke. «Dann fallen wir im Ranking auf den Buchungsplattformen. Und keiner schaut auf Seite drei.»

Auch die Berliner Tourismusgesellschaft Visit Berlin beobachtet den Rückgang. Eine Sprecherin teilt mit, dass sich die Entwicklung bei Stadtführungen an der allgemeinen touristischen Nachfrage orientiere. Laut einer Marktforschung ist die Nachfrage gegenüber dem Vorjahr um knapp acht Prozent gesunken. In die Erhebung fließen die Daten von 13 Sightseeing-Anbietern ein, darunter neben Stadtführungen auch Stadtrundfahrten, Bootsfahrten und Fahrradanbieter. Der Anbieter Original Berlin Walks gehört ebenfalls dazu.

Spezialisierte Angebote sind beliebt

Gleichzeitig verändert sich, was Besucher buchen. Gefragt sind nach Beobachtung von Visit Berlin vor allem spezialisierte Angebote, etwa Touren zu Street-Art, Food, Architektur oder einzelnen Kiezen. 

Diesen Trend beobachtet auch der Anbieter Eat the World, der kulinarische Stadtführungen durch Kieze anbietet. Das Interesse an solchen Touren sei weiterhin hoch, teilt das Unternehmen auf Nachfrage mit. Die Teilnehmer kämen sowohl aus der Stadt selbst als auch von außerhalb. «Generell sehen wir den Trend hin zu erlebnisorientierten Angeboten direkt vor der eigenen Haustür», teilte Eat the World mit.

Kein Interesse aus Berlin

Zurück zum Hackeschen Markt: Dort beginnt Stadtführer Leon Gordobil die Tour. Er stellt zu Beginn immer dieselbe Frage: «Kommt jemand aus Berlin?» Bei der klassischen Stadttour sei die Antwort bislang immer «Nein» gewesen. Anders sei es bei Führungen durch einzelne Kieze, die er auch anbietet: Dort seien überwiegend Berliner dabei.

Unter seinen Teilnehmern ist an diesem Tag auch eine Frau aus Heidelberg. Sie war seit Jahrzehnten nicht mehr in Berlin und verbringt nun einige Tage mit einer Freundin in der Hauptstadt. Eigentlich wollten die beiden zuerst eine kostenlose Stadtführung ausprobieren. «Da ist aber keiner gekommen», erzählt sie. Deshalb hätten sie sich jetzt für eine bezahlte Stadttour entschieden.

Stadtführer kommt nicht

Eine ähnliche Erfahrung gab es auch bei der Recherche zu diesem Text: Zu einer kostenlosen Führung erschien kein Guide. Die Tour fand nicht statt. Der Anbieter wollte sich auf Anfrage dazu nicht äußern, auch nicht, wie oft sowas passiert.

Stadtführer Leon Gordobil verweist nicht nur wegen solcher Situationen auf bezahlte Touren. Dort seien die Guides geprüft, hätten andere Führungen begleitet und Prüfungen abgelegt. Entscheidend sei aber nicht nur das Wissen. «Die Leute wollen ja nicht das Gefühl haben, dass sie einem trockenen Mathelehrer zuhören», sagt er. Eine gute Mischung aus Information und Unterhaltung mache einen guten Tourguide aus. (dpa)


Zurück

Vielleicht auch interessant

Düsseldorf richtet seinen Tourismussektor mit der neuen Strategie „Future of Tourism“ neu aus und setzt verstärkt auf Qualität statt Quantität. Ziel ist es, die durchschnittliche Aufenthaltsdauer der Gäste zu steigern.

Eine neue Auswertung zeigt die beliebtesten Radfernwege Deutschlands für das Jahr 2026. Während der Weserradweg seine Spitzenposition verteidigt, zeigt sich ein deutlicher Trend zu Flussradwegen und Routen im süddeutschen Raum.

Das Urlaubsbarometer 2026 zeigt eine ungebrochene Reiselust in Österreich, wobei Sicherheit und Kosten zu den entscheidenden Faktoren bei der Zielwahl werden. Während Italien und Kroatien als Favoriten gelten, gewinnt Künstliche Intelligenz massiv an Bedeutung.

Die Fluggesellschaft Ryanair hat nach eigenen Angaben angekündigt, ihre Berliner Basis zum 24. Oktober 2026 zu schließen. Betroffen sind sieben stationierte Flugzeuge, die an andere Standorte innerhalb Europas verlagert werden sollen. Gleichzeitig soll das Flugangebot im Winterflugplan um 50 Prozent reduziert werden, wie das Unternehmen mitteilt.

Eine Untersuchung belegt eine hohe Pünktlichkeits-Disziplin deutscher Reisender und zeigt deutliche Unterschiede beim Bedürfnis nach persönlichem Freiraum. Während Senioren die größte Gelassenheit an den Tag legen, fordert die jüngere Generation verstärkt Distanz.

Fit Reisen hat über 7,5 Millionen Google-Bewertungen analysiert, um die besten Stadtparks Europas zu ermitteln. Während Madrid den ersten Platz verteidigt, bleibt Hamburgs Planten un Blomen die bestbewertete Anlage in Deutschland.

In München entsteht mit der „Marina Monaco“ ein temporäres Freizeitareal auf einem ehemaligen Industriegelände. Die Eröffnung ist für Mai geplant, langfristig soll dort ein neues Stadtquartier entstehen.

Am Bodensee spitzt sich ein Streit zwischen deutschen und Schweizer Schifffahrtsunternehmen zu – mit spürbaren Folgen für Fahrgäste. Die Schweizerische Bodensee-Schifffahrt (SBS) fährt in dieser Saison den Konstanzer Hafen nicht an. Hintergrund ist ein Streit über Ticketgelder.

Trotz wirtschaftlicher Schwäche stiegen die Geschäftsreisen in Deutschland deutlich an. Die VDR-Analyse zeigt mehr Reisen, sinkende Kosten und veränderte Strukturen im Markt.

Die Deutsche Zentrale für Tourismus analysiert fortlaufend die Folgen des Iran-Konflikts für den Tourismus nach Deutschland. Berichte zeigen Auswirkungen auf Flugverkehr, Preise und Nachfrage.