Aufregung in aller Munde – wenn Namen von Gerichten infrage gestellt werden

| Zahlen & Fakten Zahlen & Fakten

Wenig bringt das Internet dermaßen in Wallung wie angeblicher «Woke-Wahnsinn», der liebgewonnene Speisen trifft. Mit «Woke» werden Leute bezeichnet, die für sich ein «erwachtes» Bewusstsein in Sachen Gerechtigkeit, Klimaschutz, diskriminierende Sprache oder auch Rassismus in Anspruch nehmen.

Das zeigte mal wieder die Aufregung um ein künftig vegetarisches Restaurant bei VW in Wolfsburg. Im Zuge des sogenannten Currywurst-Gate, in das sich auch Altkanzler Gerhard Schröder einmischte, als er gegen vegetarische Kost für «Arbeiter» protestierte (#RettetDieCurrywurst), tauchte auch grundsätzliche Kritik am Begriff «Curry» auf. Ist das vielfach verwendete Wort eine Verkürzung asiatischer Küche? Ist der Begriff gar rassistisch?

Beim Thema Ernährung hört der Spaß bekanntlich seit längerem auf. Längst verläuft ein Riss durch die Gesellschaft, der öfter für hitzige Debatten rund ums Essen sorgt. Es geht dann etwa um Klimaschutz und Fleischkonsum oder rassistische Schokobezeichnungen.

Zuletzt schwappte mit Verzögerung eine kleine Curry-Debatte nach Deutschland. Zusammengefasst: Die kalifornische Food-Bloggerin Chaheti Bansal wird kritisiert, weil sie schon vor Monaten thematisiert hatte, dass im Westen alles Mögliche «Curry» genannt werde, obwohl doch etwa in Indien die regionalen Spezialitäten alle 100 Kilometer wechselten und die Bezeichnung Curry wohl auf Kolonialherren-Bequemlichkeit zurückgehe.

Schnell steht bei Debatten dieser Art auch die Behauptung im Raum, dass Aktivisten alles verbieten wollten und dass zu leichtfertig mit dem Rassismusvorwurf umgegangen werde.

Rassismus im Zusammenhang mit Essen kannte man in Deutschland bislang in erster Linie von den altbekannten Schokoküssen und ihrem früher gängigen Namen sowie von einer Schnitzel-Art und gleichnamigen Soßen.

Wir erinnern uns: 2020 kündigten Marken wie Knorr, Homann und Bautz'ner an, ihre sogenannten Z-Saucen umzubenennen, etwa in «Paprikasauce Ungarische Art».

Der Zentralrat der Deutschen Sinti und Roma begrüßte diesen Schritt. Der Begriff «Zigeuner» sei eine alte Sammelbezeichnung für Volksgruppen, «eine von Klischees überlagerte Fremdbezeichnung der Mehrheitsgesellschaft, die von den meisten Angehörigen der Minderheit als diskriminierend abgelehnt wird». Er sei immer negativ besetzt und mit Ausgrenzung verbunden gewesen. Mit Wohlwollen könnte man zwar den bewundernden Schlager «Zigeunerjunge» von 1967 anbringen, doch sehen den viele auch als Romantisierung und Verkitschung von oben herab.

Während das Wiener Schnitzel tatsächlich aus Wien stammt und Pekingenten eine echte chinesische Herkunftsgeschichte haben, geht es beim Hinterfragen anderer Gerichte und ihrer Namen in erster Linie um den Aspekt, dass es unreflektierte Fremdbezeichnungen seien.

Immer mehr Gerichte und Produkte scheinen dabei in den Fokus zu geraten und werden problematisiert. Und viele Leute fühlen sich dann bedroht oder gar ihrer Jugenderinnerungen beraubt.

So wird zum Beispiel auch der Name «Pizza Hawaii» für einen gebackenen Teigfladen mit gekochtem Schinken und Ananas angezweifelt. Der Name sei mit einer «Geschichte des Kolonialismus und der Aneignung verbunden», hieß es etwa bei der Gruppe PoC/Migrantifa. Der Name solle einen exotischen Touch verleihen, habe aber nichts mit hawaiianischer Küche oder Kultur zu tun. Die Inseln Hawai'i seien kriegerisch von den USA annektiert worden. Die Bevölkerung sei von weißen Siedlern mit dem Ananas-Anbau ausgebeutet worden. «Pizza Hawaii» sei nicht explizit rassistisch, zeige aber «viele koloniale Stereotype» auf. Man sage also vielleicht besser «Pizza mit Ananas».

Apropos Pizza: Die klassische Pizza mit Tomate, Mozzarella und Basilikum ist nach der früheren italienischen Königin Margarethe benannt. Sie lebte von 1851 bis 1926 und war antiparlamentarisch eingestellt. Sie galt als Unterstützerin des späteren Diktators Benito Mussolini. Ist «Pizza Margherita» also eine Faschistenspeise?

Vielen kommen solche Debatten absurd und besserwisserisch vor. Der Gesundheits- und Ernährungspsychologie Cristoph Klotter sagte der «Welt»: «Es gibt leider manchmal die Tendenz, dass sozial besser gestellte sich regelrecht über andere Menschen erheben.»

Das neue Bewusstsein trifft auch manche Markennamen: Pepsico machte vergangenes Jahr mit seiner Marke «Aunt Jemima» (Tante Jemima) Schluss. Jahrzehntelang wurde mit dem Logo einer rundlichen schwarzen Frau mit Kopftuch für Frühstückspfannkuchen und Sirup geworben.

Auch aus «Uncle Ben's Reis» wird bald «Ben's Original». Das Bild des schwarzen «Onkels», der für den Reis warb, soll verschwinden. Wie «Tante Jemima» gilt «Onkel Ben» als herabwürdigendes Sklavenklischee. «Wir haben die Ungerechtigkeiten, die mit dem Namen und dem Gesicht der Marke verbunden wurden, verstanden und beschlossen, dies zu ändern», sagt eine Sprecherin von Mars Food in Deutschland. Nach der Entscheidung, die globale Marke zu erneuern, habe man sichergehen wollen, alles richtig zu machen. Es gebe deshalb unterschiedliche Zeitpläne in den Ländern. In Deutschland sei es aber bald soweit. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Illegale Tricks zur Umgehung des Mindestlohns haben Beschäftigte, Sozialkassen und den Fiskus nach Berechnungen des Deutschen Gewerkschaftsbunds binnen zehn Jahren bis zu 64 Milliarden Euro gekostet.

Krankheit kommt meist überraschend - und immer dann, wenn man sie nicht brauchen kann. Damit die Kollegen in dem Fall übernehmen können, hilft es, wenn eine Übergabe stattfindet. Aber kann der Chef einfordern, dass man die vom Krankenbett aus macht?

Die bayerischen Beherbergungsbetriebe haben im ersten Halbjahr mehr Gäste empfangen. Allerdings können nicht alle Bereiche des Tourismus profitieren - Gasthöfe und Pensionen leiden. Regional geht es vor allem für Mittelfranken nach oben.

Angesichts jahrelanger Konjunkturflaute ist die Übernahmequote von Lehrlingen nach der Ausbildung in Betrieben gesunken. Eine besonders schlechte Quote weist etwa die Landwirtschaft auf.

Unter den jüngeren Rentnerinnen und Rentnern in Deutschland steigt der Anteil der Erwerbstätigen. Besonders Selbstständige sind oft viele Stunden pro Woche aktiv.

In den USA nehmen Fälle der Magen-Darm-Erkrankung Cyclosporiasis kein Ende. Bereits Hunderte Krankenhausaufenthalte hat der Parasit verursacht. Im Verdacht steht ein unscheinbares Lebensmittel.

Die Zahl der Brauereien in Deutschland ist im Jahr 2025 auf 1.415 gesunken - ein Rückgang um 3,6 Prozent. Fast alle Bundesländer sind betroffen, Ausnahmen bilden Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt.

Das OLG Hamburg hat eine Entscheidung zu anonymen Bewertungen rechtskräftig werden lassen. Arbeitgeber können unter bestimmten Voraussetzungen die Löschung einer Bewertung verlangen, wenn ein geschäftlicher Kontakt nicht überprüfbar ist.

Ab dem 27. September 2026 gelten strengere Regeln für Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen. Der große Tageskarte-Check zeigt, welche Formulierungen, Werbemittel und Kommunikationskanäle Hotels und Restaurants jetzt überprüfen sollten – von der Website bis zur Speisekarte. Tipps von der Tageskarte-Redaktion.

Ab dem 27. September 2026 gelten strengere Regeln gegen Greenwashing. Die neue EmpCo-Richtlinie verpflichtet Hotels, Restaurants und andere touristische Betriebe dazu, Umwelt- und Nachhaltigkeitsaussagen konkret zu belegen – von der Website bis zur Speisekarte.