Aus der Gerüchteküche: Flurfunk ist nicht immer harmlos

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«Hast du schon gehört? Die Chinesen wollen den Laden hier übernehmen!» - «Kennst du den Müller aus der Buchhaltung? Der ist verheiratet, hat zwei kleine Kinder und hat sich bei der Weihnachtsfeier die neue Teamleiterin geangelt!» So oder so ähnlich beginnen bei der Arbeit unzählige Geschichten aus der Gerüchteküche. Das ist zwar ganz unterhaltsam. Aber munter mitmischen ist nicht immer harmlos.

Denn das Wenigste davon entspricht eins zu eins der Wahrheit - schließlich funktioniert der Flurfunk ähnlich wie Stille Post: Lücken werden logisch ergänzt, wie Coach Gabriele Bringer vom Berufsverband Deutscher Psychologinnen und Psychologen erklärt. «Die Information wird bei jeder Weitergabe um eine Nuance verändert, so entfernt sich der Flurfunk von der Wahrheit, aber es wird nicht bewusst gelogen.»

Vielleicht übernehmen nicht die Chinesen den Laden, sondern die Führungsetage wird um einen Mitarbeiter mit asiatischen Wurzeln ergänzt. Der Müller und die neue Teamleiterin haben sich beim Glas Wein in der Ecke vielleicht nur angeregt über die Durchschlafprobleme von ihrem Nachwuchs ausgetauscht.

Flurfunk verbindet - kann aber auch ausgrenzen

Und so bahnen sich die Geschichten aus der Gerüchteküche ihren Weg durch das Unternehmen. Um es positiv zu sehen: Zunächst einmal ist der Flurfunk ein Beweis, dass Menschen soziale Wesen sind und Interesse aneinander haben, wie Bringer erklärt. Und er ist oft schneller als der Dienstweg. Außerdem ist Flurfunk laut Coach und Autor Bernd Wittschier verbindend: «Es ist einfach schön, mit Kollegen über jemanden zu reden. Das schafft Gemeinsamkeiten auch mit Leuten, mit denen man sonst nichts gemeinsam hat.»

Das Problem: Die Informationen werden in der Regel nicht hinterfragt. Es sei verrückt, was Menschen übereinander glauben, sagt Bringer. Sie erzählt von einem Fall aus der Praxis: Sie beriet eine Teamleitung, der ein schwieriges Gespräch mit einer Mitarbeiterin bevorstand. Es hieß, sie habe in einer Tabledance-Bar oben ohne getanzt. Die Frau wurde im Unternehmen schon komisch angeguckt, es wurden zweideutige Andeutungen gemacht. Nach dem Gespräch stellte sich heraus, dass sie lediglich auf einem Sommerfest einmal an einer Zeltstange getanzt hatte - angezogen.

Im weitesten Sinne um Dienstliches gehe es im Flurfunk oft, wenn Dinge im Unternehmen unklar sind, sagt Wittschier. Er nennt das Beispiel einer anstehenden Fusion. «Wenn man nicht weiß, wo es hingeht, schürt das Ängste: Was passiert mit mir als Arbeitnehmer?» Geschichten entstehen und machen die Runde. Das kann zu Demotivation und Frustration führen und sogar Kündigungen nach sich ziehen - ein weiteres Beispiel dafür, dass Flurfunk nicht immer harmlos ist.

Wo viel geklatscht wird, läuft etwas schief

Eine klare Grenze zwischen harmlosen Geschichten und Tratsch, der das Arbeitsklima gefährdet, ist aber nicht leicht zu ziehen. Laut Wittschier sei Klatsch und Tratsch grundsätzlich meist ein Zeichen dafür, dass etwas schiefläuft. Schließlich gebe es Grund für Spekulationen. Oder die Mitarbeiter trauen sich nicht, etwas offen auszusprechen.

Dass das Arbeitsklima vergiftet ist, merke man aber auch an etwas anderem: «Die verbale Kommunikation bekommt einen konfrontativen Stil», sagt Wittschier. Damit meint er Aussagen etwa über Kollegen oder Vorgesetzte wie «Sollen die doch sehen, wie sie klarkommen». Oder es heißt über bestimmte Aufgaben schlicht und ergreifend: «Das mache ich nicht. Kann die ja alleine machen.»

Zeichen für ein vergiftetes Arbeitsklima sei aber auch, sich komplett wegzuducken. «Man will mit der anderen Seite gar nicht mehr kommunizieren», erklärt Wittschier. Das könne in der täglichen Arbeit Grund für verheerende Fehler sein. Wenn es so weit gekommen ist, rät der Coach zum offenen Gespräch. «Auch wenn man es nicht glaubt: Oft lassen sich auch noch so verfahrene Situationen kitten.»

Wer nicht mittratscht, ist kein Spielverderber

So weit muss es aber gar nicht kommen. Am besten ist es, sich am Flurfunk möglichst nicht zu beteiligen, meint Coach und Etikette-Expertin Elisabeth Bonneau. Aber nicht mitmachen - das ist ein bisschen knifflig.

Bonneau rät, den Flurfunk nicht mit Ablehnung wie «Da mache ich nicht mit!» zu blockieren und den Kollegen nicht mit Belehrungen wie «Was ihr macht, ist Mist!» vor den Kopf zu stoßen. Stattdessen könne man sich die Geschichten anhören, mit einem freundlichen «ach, interessant» quittieren und das Gehörte für sich behalten.

«Das ist höflich, zeigt aber auch, dass es nicht das eigene Ding ist», erklärt Bonneau. Wer auf die Tratsch-Eröffnungs-Frage «Hast du schon gehört?» tatsächlich die Möglichkeit bekommt zu antworten, könne freundlich aber bestimmt entgegnen: «Nein, aber das ist mir auch ganz lieb.»

Andere Regeln gelten für Vorgesetzte: «Als Chef sollte man auf jeden Fall der Spielverderber sein und Klatsch und Tratsch unterbinden», betont Bonneau. Wenn jemand trotzdem erzählt, kann die Vorgesetzte fragen: «Was stellen Sie sich jetzt vor, was ich mit dieser Information mache?» Oder auch: «Würden Sie der Person das auch ins Gesicht sagen?» So unterhaltsam und nett der Flurfunk auch sein mag - es hilft, einmal innezuhalten und sich zu fragen: Würde ich wollen, dass so etwas über mich herumgeht? (dpa)


 

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