Ifo-Geschäftsklima fällt auf den tiefsten Stand seit 2012

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Von Jürgen Sabel, dpa-AFX und Alexander Sturm, dpa

In der deutschen Wirtschaft wächst angesichts der Brandherde im Welthandel der Pessimismus. Vor allem der Zollkonflikt zwischen den USA und China verunsichert die Unternehmen. Das vom Ifo-Institut erhobene Geschäftsklima fiel im August auf den tiefsten Stand seit 2012. Es sank um 1,5 Punkte auf 94,3 Zähler, teilte das Forschungsinstitut am Montag in München mit. Es ist der fünfte Rückgang des wichtigsten deutschen Konjunkturbarometers in Folge. Analysten hatten im Schnitt mit einem geringeren Rückgang gerechnet.

«Die Sorgenfalten der deutschen Wirtschaft werden immer tiefer», sagte Ifo-Präsident Clemens Fuest. «Die Anzeichen für eine Rezession in Deutschland verdichten sich.» Nach einem Plus zu Jahresbeginn war die Wirtschaftsleistung im zweiten Quartal um 0,1 Prozent geschrumpft. Etwas Hoffnung für den Welthandel und damit die exportabhängige deutsche Wirtschaft machten versöhnliche Töne zwischen den USA und China.

«Ein ähnlicher Pessimismus unter den Industriefirmen war zuletzt im Krisenjahr 2009 zu beobachten», erklärte Fuest. In keiner der deutschen Schlüsselbranchen zeigten sich Lichtblicke. Gerade die Industrie leidet unter der schwächelnden Weltwirtschaft. Der Maschinenbau sowie die Chemie- und Pharmabranche haben ihre Prognosen 2019 schon gesenkt. Und den Autoherstellern machen die Dieselkrise, schwache Absätze und hohe Kosten für die E-Mobilität zu schaffen.

Sinkt die Wirtschaftsleistung zwei Quartale in Folge, sprechen Ökonomen von einer «technischen Rezession». Es handelt sich in diesem Fall aber nur um eine sehr milde Rezession. Anders sähe es aus, wenn die Wirtschaft im Gesamtjahr gegenüber dem Vorjahr schrumpft. Damit wird jedoch derzeit nicht gerechnet. Zuletzt war dies 2009 in der globalen Finanzkrise der Fall. Seitdem hat die deutsche Wirtschaft ununterbrochen mit teils kräftigen Wachstumsraten zugelegt.

Als größte Belastung sehen Ökonomen den Handelskrieg zwischen den USA und China. «Der jüngste Schlagabtausch begräbt die Hoffnung auf eine konjunkturelle Erholung im wichtigen deutschen Absatzmarkt China», sagte Commerzbank-Chefvolkswirt Jörg Krämer. Es bestehe die Gefahr, dass der Konflikt zu einem Dauerzustand werde. «Damit fehlen der deutschen Industrie, die seit anderthalb Jahren unter dem nachlassenden Schwung im China-Geschäft leidet, wichtige Impulse.»

Am Wochenende hatte sich der Zollkonflikt zugespitzt. Nachdem Chinas Regierung am Freitag neue Strafzölle auf bestimmte US-Einfuhren ankündigte, holte Trump nur Stunden später zum großen Gegenschlag aus: Die USA wollen demnach sämtliche Strafzölle auf Importe aus China um je fünf Prozentpunkte anheben. Zudem will Trump US-Firmen dazu drängen, ihre Produktion aus China abzuziehen. Unmittelbar nach Trumps Ankündigung reagierte Peking am Samstag abermals und drohte Washington mit Konsequenzen. Die US-Seite wiederum machte am Sonntag deutlich, dass auch eine weitere Anhebung der Strafzölle denkbar sei.

Am Montag folgte die Kehrtwende: US-Präsident Donald Trump hofft wieder auf ein versöhnliches Ende des Konflikts. «Ich glaube, wir werden einen Deal mit China machen», sagte Trump am Montag bei einer Pressekonferenz zum Abschluss des G7-Gipfels im französischen Biarritz. Er werde einem Handelsabkommen mit China aber nur zustimmen, wenn es sich um eine faire Vereinbarung handele, die gut für die Vereinigten Staaten sei. Er glaube, dass das zu erreichen sei. Die Verhandlungen würden sehr bald wieder aufgenommen. Auch China mühte sich, die Wogen zu glätten. Chinas Vizepremier Liu He äußerte den Willen, die Probleme auf ruhige Weise zu lösen.

Doch nicht nur der Handelskrieg sorgt für Unsicherheit, sondern auch der Brexit. Der Bundesverband der Deutschen Industrie (BDI) fürchtet, dass das Wachstum der deutschen Wirtschaft zum Erliegen kommt, sollten die Briten Ende Oktober ohne Abkommen aus der EU aussteigen. «Die Auftragseingänge und die Industrieproduktion gehen zurück, die Unternehmen investieren weniger», sagte BDI-Präsident Dieter Kempf der Deutschen Presse-Agentur. «Wir erwarten in diesem Jahr ein Wachstum von höchstens 0,5 Prozent. Im Falle eines harten Brexit Ende Oktober droht das Wachstum in Richtung Null zu gehen.»

«Der berühmte Silberstreif am Horizont fehlt leider», meinte Chefvolkswirt Thomas Gitzel von der VP Bank. Die Exportabhängigkeit der deutschen Volkswirtschaft werde zum Bumerang. Die Bundesregierung täte gut daran, kräftig in die Infrastruktur zu investieren.

Die Unternehmen schätzen ihre aktuelle Lage und die künftige Entwicklung auf Sicht von sechs Monaten negativer ein, so das Ifo. Die Beurteilung der Lage fiel im August um 2,3 auf 97,3 Punkte. Die Erwartungen sanken um 0,8 Punkte auf 91,3 Punkte. Bei beiden Werten hatten Ökonomen einen weniger klaren Rückgang erwartet.

Das Ifo-Geschäftsklima basiert auf der Befragung von etwa 9000 Unternehmen. Der Indikator gilt als verlässliche Schätzgröße für das künftige Wirtschaftswachstum in der größten Volkswirtschaft Europas.


 

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