Interview: „Nach der Krise gibt es ein neues Gemeinschaftsgefühl“

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Das Coronavirus breitet sich derzeit weltweit explosionsartig aus. Mit am stärksten zu spüren bekommt das der Tourismussektor. Michael Oberhofer, Inhaber der Hotel-Marketing-Agentur brandnamic Südtirol, spricht im Interview über die aktuelle Lage in der Destination und blickt in die Zukunft

Was bedeutet die weltweite Verbreitung des Coronavirus für uns – persönlich und für unsere Wirtschaft? Abgerechnet wird eigentlich immer erst zum Schluss, und ob es zum Jahresende bereits möglich sein wird, Bilanz zu ziehen, ist noch ungewiss. Schon jetzt steht aber fest: Der Start ins neue Jahrzehnt verlief ganz anders als geplant. Denn egal, ob ein Manager mit seinem Businessplan, ein Konzern mit seiner Unternehmensstrategie, oder wir alle im Kleinen mit unseren Vorsätzen und Plänen — jeder, der versuchte, etwas vorauszusagen, musste umdenken.

Dass ein Virus binnen kürzester Zeit und vor allem nahezu unangekündigt die ganze Welt in Schach halten könnte, wäre noch im Januar unvorstellbar gewesen. Man hätte ein solches Szenario als hanebüchenen Unsinn oder als Einstieg eines Hollywood-Drehbuchs für einen Blockbuster abgetan. Was in der Fiktion für hohe Besucherzahlen im Kino gesorgt hätte, ist jetzt allerdings – besorgniserregende – Realität.

Das Coronavirus breitet sich derzeit weltweit explosionsartig aus, und noch gibt es weder Medikamente noch Impfstoffe gegen die Bedrohungen, die von ihm ausgehen. Die wirtschaftlichen Auswirkungen des Virus, das vor allem für die ältere Bevölkerungsschicht lebensgefährlich sein kann, sind noch nicht abzuschätzen, gehen aber in die Milliarden.

Mit am stärksten zu spüren bekommt das der Tourismussektor. Die Stornierungsflut lässt sich nicht bremsen – auch nicht in der beliebten Urlaubsdestination Südtirol, wo die Agentur Brandnamic beheimatet und marktführend im Bereich Hotel- und Destinationsmarketing ist.

Hoch über Brixen — in der kleinen Ortschaft Pairdorf — liegt der imposante Firmensitz der Agentur, ein architektonisches Juwel mitten im Grünen. Normalerweise halten sich auf dem über 2 000 Quadratmeter großen Brandnamic-Campus 130 Mitarbeiter auf. Mit seinem offenen Treppenaufgang samt Wasserbecken, großräumigem Restaurantbereich, Fitnessraum, Sitzecken mit Bildbänden zum Schmökern, Play Room und Bibliothek erinnert die Agentur an einen international operierenden Konzern. An diesem Wintertag ist der Himmel über Südtirol stahlblau, der strahlende Sonnenschein kann aber nicht verhindern, dass der sonst so lebendige Campus in seiner Leere etwas gespenstisch wirkt. Michalel Oberhofer, 39, einer der drei Inhaber und Geschäftsführer von Brandnamic, sitzt allein vor der großen Glasfront in seinem Büro. Zum Interview sind wir — wegen der Corona-Krise — via Skype verabredet.

Herr Oberhofer, wie geht es Ihnen?

„Den Umständen entsprechend gut. Normalerweise pulsiert der Campus hier vor Leben und Kreativität, das ist immer eine wunderschöne Stimmung. Jetzt gleicht er eher einer Geisterstadt.“

Wie kommt das?

„Wir haben hier eine komplette Ausgangssperre. Weltweit stornieren Airlines wegen mangelnder Nachfrage oder Flugverbot nationale und internationale Flugverbindungen. Die USA verhängen einen Einreisestopp, ganze Länder stellen ihre gesamte Bevölkerung unter Quarantäne. Wir verlassen also unser Haus nicht mehr und auch von außen kommen keine Besucher mehr ins Land.“

Italien war das erste europäische Land, das seinen 60 Millionen Staatsbürgern, gleich wie in China — dem Ursprungsland des Virus —  untersagte, die eigenen vier Wände zu verlassen. Wie kann man sich das vorstellen?

„Geschäfte, Bars, Restaurants sind geschlossen. Nur Supermärkte und Apotheken bleiben geöffnet. Wer sein Haus verlässt, braucht einen Passierschein des Innenministeriums. Den gibt’s online. Darauf muss man aber einen triftigen Grund für das Verlassen des Hauses angegeben. Als „triftig“ versteht die römische Regierung: Arbeit, Supermarkt-Einkäufe oder medizinische Notfälle. Wer einen Hund hat, darf Gassi gehen; jedoch mit einem Sicherheitsabstand von einem Meter zu seinen Mitbürgern. Alles andere ist verboten. Verstöße werden mit einer Geldstrafe geahndet, eventuell hat man strafrechtliche Konsequenzen zu fürchten.“

Die Folge: leergefegte Straßen und ein Leben, das stillsteht. Für Südtirol – das mit seiner spektakulären Landschaft und mehr als 300 Sonnentagen im Jahr als Mekka für Touristen gilt – und seine rund 500.000 Einwohner wirtschaftlich dramatisch. Denn egal, ob es die abenteuerliche Dolomiten-Bergtour, der Blick auf die dramatischen Bergspitzen in einem der vielen Outdoor-Infinity-Poolanlagen der höchsten Hotelkategorien oder spätherbstliche Weinverkostungen inmitten der Weinberge am Kalterer See sind — Millionen Urlauber aus aller Welt strömen jährlich in das Alpendomizil – jedenfalls bisher.

Ist der Tourismus Südtirols wichtigster Wirtschaftszweig, und seit wann?

„Früher kamen der kosmopolitische Geldadel und die gut betuchte Hautevolee zu uns. Seine Mineralquellen machten Südtirol zur Kurdestination und zum Hotspot der Wellness. Allein 2018 haben uns mehr als 7,5 Millionen Gäste besucht. Insgesamt machten das mehr als 33 Millionen Übernachtungen im Jahr aus.“

Heißt: nicht nur für Beherbergungsbetriebe, sondern auch für indirekt beteiligte Unternehmen ein Plus am Jahresende. Das Coronavirus hat auch hier bei Brandnamic seine Spuren hinterlassen. Inwiefern?

„Wir haben vor zwei Wochen damit begonnen, unsere Mitarbeiter ins Homeoffice zu schicken. Das funktioniert sehr gut. Wir haben bereits Erfahrung mit Homeoffice, da einige unserer Angestellten schon länger von zu Hause arbeiten. Das müssen nun landauf, landab viele Betriebe tun. Was bisher kaum möglich schien, schafft ein Virus innerhalb von wenigen Wochen.“

Donnerstag, der 5. März 2020. Das deutsche Robert-Koch-Institut erklärt Südtirol zum Risikogebiet, das Auswärtige Amt warnt vor Reisen dorthin. Ab sofort herrscht absoluter Ausnahmezustand im sonst so florierenden Südtirol. Gäste aus aller Welt packten plötzlich die Koffer und reisten ab. Wie war zu jenem Zeitpunkt die Stimmung in den Südtiroler Hotels?

„Hotels wurden von einer Stornierungswelle erfasst, die einem Tsunami gleichkam. Die Hotelbesitzer wurden plötzlich mit einer Pandemie konfrontiert, die jeden noch so treuen Stammgast abreisen ließ. Ein Albtraum für einen Hotelier. Jahrzehntelang hat man hart gearbeitet, um kleine Gastbetriebe zu Hotelressorts auszubauen, die dem internationalen Wettbewerb standhalten sollten. Dann kam etwas, womit niemand gerechnet hatte. Ein Schock!“

Mittwoch, der 11. März 2020. Italiens Ministerpräsident Giuseppe Conte wendet sich in einer abendlichen Videobotschaft an die Bevölkerung. Das Land wird abgeriegelt. Welche Konsequenzen hatte Contes Entscheidung?

„Wir mussten alle in Zwangsquarantäne. Wohl die allerletzte Maßnahme gegen die rasante Ausbreitung des Virus. Auch Südtirol musste handeln. Alles wurde geschlossen. Hotels, Skigebiete, Restaurants und Sporthallen.“

Es liegt nahe, dass die Hoteliers nun Existenzängste plagen. Gibt es in Ihrer Marketingagentur überhaupt noch etwas tun?

„Wir sind eine Marketingagentur für Hotels und Destinationen. Man könnte nun glauben, dass wir, da die meisten unserer Kunden vorübergehend den Betrieb einstellen mussten, nichts mehr zu tun haben. Das ist jedoch nicht der Fall. Wir arbeiten mindestens gleich viel wie vorher. Unsere Kunden wenden sich mit zahlreichen Fragen an uns, etwa, wie sie mit den Stornierungsbedingungen umgehen sollen. Oder welche Maßnahmen sie ergreifen können, um nach der Krise möglichst schnell wieder auf die Beine zu kommen. Dabei helfen wir ihnen, beraten sie, stehen ihnen zur Seite. Insofern sind wir auch ein bisschen Seelsorger. Im Vordergrund steht jetzt aber erst einmal das Wohl der Menschen. Den Rest, die wirtschaftlichen Aspekte, werden wir nach der Krise lösen. Der kontinuierliche Austausch zwischen Hoteliers und Agentur ist allerdings weiterhin wichtig. Aufklärung ist jetzt das A und O in der Beratung. Genau deshalb ist die Marketingagentur gefragter denn je.“

Wie funktionierten solche komplexen Aufgaben aber im Homeoffice?

„Homeoffice ist jetzt einfach Realität geworden und zudem eine Arbeitsform, die von Mitarbeitern, nicht nur bei uns, sondern weltweit, vermehrt gefordert wird, von den Arbeitgebern aber oft nicht so gern gesehen wird, schließlich ist es auch eine Vertrauenssache. Doch wir Arbeitgeber haben gelernt, Vertrauen zu schenken und das Projekt Homeoffice funktioniert. Von zu Hause aus betreuen Mitarbeiter etwa Social-Media-Kanäle, bereiten Posts vor, arbeiten an Budget-Umschichtungen, kreieren Hotel-Kampagnen und planen Vermarktungsstrategien…“

Aber wie kann man sich die Kommunikation zwischen Vorgesetzten und Mitarbeitern vorstellen?

„Unsere Teamleiter sind ständig mit den Mitarbeitern in Kontakt. Für die Kommunikation nutzen wir das hauseigene Intranet, E-Mails, Telefon, für Videokonferenzen Google-Meet und für schnelle Nachrichten WhatsApp. Wir sind uns aber dessen bewusst, dass die Produktivität im Homeoffice eventuell auch sinken kann. Dennoch: Sowohl die Mitarbeiter als auch die Kunden sind uns für diesen Schritt dankbar.“

Nationale Zwangsquarantäne könnte für manche aber auch „endlich Urlaub“ bedeuten. Warum sehen Ihre Mitarbeiter das nicht als „Erlösung“?

„Wissen Sie, wenn man wochenlang sein Zuhause aufräumt, weiß man sich irgendwann nicht mehr zu beschäftigen. Arbeiten hilft immer, Arbeit lenkt ab, schafft Zufriedenheit, daher sind wir froh, dass wir genug zu tun haben. Sollte die Arbeit in den nächsten Wochen wider Erwarten weniger werden, müssen wir schauen, was wir tun.“

Viele Gasthäuser und Beherbergungsunterkünfte mussten ihre Mitarbeiter — wegen der erzwungenen Schließung — bereits entlassen. Wie sieht es bei Ihnen langfristig aus?

„Für eine Hilfskraft an der Bar oder im Hotelservice kommt Homeoffice schlicht nicht infrage, da sind wir im Vorteil. Ob wir alle Mitarbeiter halten können, wenn sich diese Situation länger hinzieht, ist eine Prognose, die ich im Moment nicht treffen kann. Ich bin aber sehr zuversichtlich. Erstens haben wir derzeit Arbeit für Wochen, zweitens gibt es auch die Möglichkeit, Überstunden abzubauen oder in Urlaub zu gehen. Und zunächst hat sowieso die Virusbekämpfung oberste Priorität.“

Seit Tagen steigen in Italien die Zahlen der infizierten und verstorbenen Personen exponentiell. Was halten Sie von Giuseppe Contes Entscheidung, das gesamte Land unter Quarantäne zu stellen?

„Wichtig ist jetzt, dass wir alle gemeinsam danach trachten, das Virus einzudämmen. Italien macht es vor, die Italiener bleiben zu Hause, Europa zieht nun langsam nach. Das Problem betrifft uns alle. Die ganze Welt. Wir müssen Zeit gewinnen, bis es Impfstoffe und Arzneien gibt. Danach können wir an den Wiederaufbau der lädierten Wirtschaft denken. Gemeinsam ist das machbar. Gemeinsam ist alles machbar.

Es liegt in der Natur des Unternehmers, Zahlen zu analysieren, Bilanzen zu vergleichen, Strategien auszuarbeiten, um gewinnbringende Investitionen zu tätigen … nur so kann ein Betrieb expandieren. Soll der Unternehmer immer nach den Sternen greifen?

„Die Viruskrise hat genau deshalb auch eine gute Seite. Nach dem ganzen Streben danach, weiter, größer, schneller zu sein, hält die Gesellschaft nun inne, legt eine Verschnaufpause ein, besinnt sich auf die wichtigen Dinge. Das ist eigentlich wunderbar, wie es in jedem Schrecken das Wunderbare gibt, wenn man es zu sehen versteht. Meine Zuversicht ist, dass wir nach dieser Krise alle wieder zufriedener sind, verbundener miteinander, dass sie unser Gemeinschaftsgefühl wieder weckt.“

Vielleicht ist also erst dann der richtige Zeitpunkt gekommen, um Bilanz zu ziehe: Wenn genügend Unterstützungsmaßnahmen getroffen wurden, um die Auswirkungen des Coronavirus abzufedern. Wenn Skifahrer die Südtiroler Skihänge wieder befahren, in den urigen Hütten der Zauber wiedereinkehrt und die Wellness-Hoteloasen neu florieren. Wenn Touristen die Symbiose aus mediterranem Klima und Tiroler Kulinarik, Tradition und südländischem Temperament wieder leben; aber mit einem neuen Bewusstsein, einer wiedergewonnenen Solidarität miteinander und dem Wissen, dass unser Glück – auch jenes, in einem boomenden, aber vor allem reich gesegneten Bergidyll zu leben – nicht selbstverständlich ist; fragiler, als wir dachten und deshalb auch wertvoller, als wir es wussten.


 

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