Wie Corona uns verändert hat: Ein Leben unter Vorbehalt

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In einem Film wäre es einfacher. Da würde man einfach einen Zeitsprung machen. Erste Szene: 27. Januar 2020, Blick auf ein positives Testergebnis. Das Coronavirus ist in Deutschland angekommen. Beruhigende Worte des Gesundheitsministers sind zu hören, man sei gut vorbereitet. Schnitt. Nächste Szene, vielleicht ein Jahr später: Deutschland ist noch Deutschland, aber auf links gedreht. Das Land hat sich perfekt an die Pandemie angepasst. Masken werden so selbstverständlich getragen wie Socken, wer krank ist, drückt auf sein Smartphone und wird im Homeoffice per Drohne mit Einkäufen beliefert. Willkommen in der neuen Corona-Welt!

Nun, es hat Gründe, warum Blockbuster anders funktionieren als die Realität. Sie brauchen klare Verhältnisse - und in denen leben wir nicht. Vor einem halben Jahr, am 27. Januar, wurde die erste Corona-Infektion in Deutschland bestätigt, bei einem Mitarbeiter des Autozulieferers Webasto in Bayern. Die Hoffnung, es könnte dabei bleiben, zerschlägt sich, als Fälle in Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg auftreten - und das Virus seine ganze Macht entfaltet. Es verändert das Leben für jede und jeden im Land. Seitdem sind die Verhältnisse im Großen und Ganzen ziemlich unklar. Es ist ein Leben unter Vorbehalt.

Grob gesagt: Wir tun mittlerweile wieder vieles von dem, was wir vorher schon getan haben - nur nicht so richtig. Die Kinder gehen wieder in die Kita, sitzen aber beim kleinsten Schnupfen flugs wieder zu Hause. Wir grüßen uns nett beim Bäcker und merken erst dann, dass das Lächeln hinter der Maske niemand sieht. Wir reisen sogar wieder nach Mallorca - aber der «Ballermann» ist dicht.

«In der klinischen Psychologie nennt man die Phase, in der wir gerade sind, Latenzphase. Wir haben die Krise hinter uns, viele haben sie gut gemeistert, einige nicht so ganz», sagt der Psychologe Simon Hahnzog. «Die aktuelle Phase ist dagegen wenig greifbar.»

Verändert hat sich das Miteinander. Grundsätzliche soziale Normen sind abgeschafft oder müssen sich neu finden. In Gesichtern lesen? Schwierig mit Maske. Kontakt, Nähe, Abstand? Seit Corona plötzlich zentrale Vokabeln. «Wir hatten in unserer Gesellschaft eine Hierarchie: Hallo sagen, Händeschütteln, Umarmen, Bussi geben», sagt Hahnzog. «Auf einmal ist das alles raus und das verunsichert viele Leute total. Man weiß nicht mehr, ob das Gegenüber das will oder nicht.» Was daraus werde, sei offen. Er könne sich vorstellen, dass persönlicher Kontakt in der Wertschätzung steigen werde - sollte die Pandemie einst vorbei sein.

Verändert hat sich das Arbeitsverhalten - Stichwort Homeoffice. Verändert hat sich aber auch der Urlaub. Die Instagram-Timelines, in denen zuvor Strände auf Ko Samui in Thailand oder kitschige Blicke auf den «Rainbow Mountain» in Peru den Ton angaben, sind nun voll mit urdeutschen Alpen-Panoramen und Krabbenbrötchen an der Nordsee. Der Soziologe Hartmut Rosa hat dafür das Wort von der radikal verkürzten «Weltreichweite» gefunden. Sie gilt räumlich - sprich: Man kommt kaum noch weit weg. Sie gilt aber auch zeitlich. Wer kann momentan ernsthaft sicher planen, was er in einem Monat tun wird oder nicht?

Verändert hat sich die Freizeit. In den Parks wundert man sich, wie viele Menschen noch Inlineskates besitzen und gewillt sind, diese anzuschnallen. Forscher Ulrich Reinhardt von der BAT-Stiftung für Zukunftsfragen, der sich mit dem Freizeitverhalten der Deutschen beschäftigt, glaubt: Viele haben ihre alten Hobbys wiederentdeckt. «Auf einmal werden die alten Musikinstrumente rausgeholt, es wird wieder angefangen zu schreinern.» Das sei nostalgisch, positiv besetzt. Als Corona alles lahmlegte, sei zudem plötzlich die Zeit dafür da gewesen. Und: Es gebe Sicherheit. Weil man es kennt.

Unplanbarkeit und Unsicherheit sind die Koordinaten, an denen sich nun fast alles ausrichtet. Vielleicht auch deshalb scheinen Werte wie Familie, Heimat und eine gewisse Unlust an waghalsigen Experimenten im Zeitgeist zu liegen, dafür muss man gar nicht die Parteipolitik bemühen. Die Ausläufer der sogenannten Spaßgesellschaft haben es gerade schwer: der hemmungslose Konsum, das Rauschhafte, das Unverbindliche. Das gilt auch für Beziehungen, Liebe, Sex. Lockeres Dating mit Leuten, die man in einer App aufgegabelt hat - wie soll das in einer Pandemie funktionieren?

Die Frage ist, was davon bleiben wird. 1918 wütete die Spanische Grippe - und die folgenden «Goldenen Zwanziger» werden heute als äußerst rauschhaft erinnert.

Werden all die Kreuzfahrten, Thailand-Trips und Partys nachgeholt? Oder bleibt das Gefühl, dass es das vielleicht alles gar nicht in diesem Umfang braucht? Braucht es all die Bürotürme, obwohl Homeoffice in vielen Jobs ganz passabel klappt? Und was macht das mit den Städten? Wenn man die Arbeit auch vom Land aus machen kann - da, wo die Mieten niedriger sind und die Luft besser ist.

«Es ist eine Übergangsphase. Und in der steckt - betrachtet aus der klinischen Psychologie - das meiste Risikopotenzial für die langfristigen Auswirkungen», sagt Psychologe Hahnzog. Keiner sei schon wieder voll da, wieder sicher. «Kleine Rückschläge können daher aktuell extreme Frustration auslösen», sagt er. «Wie wir über die nächsten zwei, drei Monate kommen, wird sehr entscheidend sein.» (dpa)


 

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