Algorithmus statt Kochmütze: Die Automatisierung der Lieferdienste

| Gastronomie Gastronomie

Es zischt, rührt und brutzelt – doch hinter dem Herd steht kein Koch, sondern ein Roboter. Im Frankfurter Stadtteil Gallus hat das vietnamesische Restaurant Vipho eine Küche eröffnet, in der Automatisierung und Kulinarik Hand in Hand gehen. Der Betrieb gehört Thu Dinh und ihrem Mann Hung Quach, die im Frankfurter Nordend seit 14 Jahren ihr Restaurant führen. Während dort weiterhin Gäste klassisch im Restaurant bedient werden, haben sie im Dezember 2025 eine zweite Produktionsstätte aufgebaut – eine Küche ausschließlich für Lieferdienste.

Der Ablauf ist klar definiert: Der Roboter greift auf vorbereitete Zutaten zu und führt den Kochprozess automatisch aus. Menschen bleiben dennoch Teil des Systems. Köche schneiden Gemüse, bereiten Soßen vor und kontrollieren am Ende die Qualität. «Der Faktor Mensch entscheidet, was reinkommt und was rauskommt», sagt Mitbetreiberin Thu Dinh. Die sich wiederholenden Prozesse könne man aber der Technologie überlassen.

Was hier entstanden ist, ist eine sogenannte Dark Kitchen oder Ghost Kitchen – eine Küche ohne Gastraum, ohne Service, ohne Laufkundschaft. Produziert wird ausschließlich für Lieferdienste. Mit dem Einsatz eines Kochroboters geht das Konzept noch einen Schritt weiter: Die Küche wird zur teilautomatisierten Produktionslinie.

Antwort auf Druck und Veränderungen

Die Entscheidung für diese automatisierte Produktion sei kein reines Technikprojekt gewesen, sagen die Betreiber. Vielmehr habe sich der Betrieb an veränderte Rahmenbedingungen angepasst. Im laufenden Restaurantbetrieb sei es zunehmend schwierig geworden, Gäste vor Ort zu bedienen und gleichzeitig Lieferbestellungen abzuarbeiten. Schon vor Jahren habe man das Potenzial des Liefergeschäfts erkannt – verstärkt durch die Corona-Pandemie.

Hinzu komme der Fachkräftemangel in der Gastronomie. In der Küche herrschten häufig Stress, Hitze und Zeitdruck – besonders zu Stoßzeiten. «Wir stehen da mit zwei Händen am Herd, dann kommen zehn Bestellungen gleichzeitig», beschreibt Thu Dinh die Situation. Genau das schrecke viele potenzielle Arbeitskräfte ab. Der Roboter soll deshalb entlasten, nicht ersetzen. «Wir möchten eine angenehmere Arbeitsatmosphäre schaffen», sagt Thu Dinh. So entstand die Idee einer externen Küche für Lieferungen, automatisiert durch einen Kochroboter.

Technologie aus Hamburg

Die eingesetzte Technologie stammt vom Hamburger Unternehmen Goodbytz, das sich auf automatisierte Küchenlösungen spezialisiert hat. Nach Angaben des Unternehmens beliefert es Gastronomie, Einzelhandel sowie Kliniken und Universitäten mit den Systemen. In der Entwicklungsphase seien Prototypen getestet worden, um die Anforderungen des Praxisbetriebs zu erfüllen. Erste Konzepte erprobte Goodbytz in Hamburg mit voll automatisierten Lieferküchen ohne Gastraum, die nach Unternehmensangaben zeitweise zu den bestbewerteten Restaurants auf Lieferplattformen zählten. Ziel sei es gewesen, den Roboter optimal an die Bedürfnisse der Kundinnen und Kunden anzupassen.

Effizienzgewinne durch Automatisierung

Der Einsatz von Robotik in der Gastronomie kann sich aus Sicht von Branchenexperten in mehrfacher Hinsicht rechnen. Ein Sprecher von F&B Heroes, einem Entwickler robotergestützter Gastronomiekonzepte und Partner von Vipho und Goodbytz, verweist vor allem auf sinkende Flächen- und Infrastrukturkosten. Automatisierte Systeme kämen mit lediglich 10 bis 20 Quadratmetern aus, benötigten keine klassische Abluftanlage und deutlich weniger Küchengeräte.

In anderen Industrien sei die Trennung von Produktion und Verkauf längst etabliert – in der Gastronomie hingegen bislang kaum, sagt F&B-Heroes-Gründer Tim Plasse in einem Unternehmensvideo. Robotik könne hier helfen, Effizienzpotenziale besser auszuschöpfen, sowohl im Restaurantbetrieb als auch im Liefergeschäft.

Ergänzung statt Ersatz

Trotz der technologischen Möglichkeiten zeigt sich die Branche beim Einsatz von Robotern in der Küche zurückhaltend. Der Bundesverband der Systemgastronomie sieht zwar Vorteile wie effizientere Abläufe und eine Entlastung des Personals, weist aber auch auf Grenzen hin: hohe Investitionskosten, technische Risiken und eingeschränkte Flexibilität. «Die persönliche Gastfreundschaft bleibt das Herz der Branche», schreibt der Verband auf Anfrage. Roboter könnten unterstützen, aber nicht ersetzen.

Auch bei Vipho versteht man das Konzept als Ergänzung. Der automatisierte Betrieb sorge für gleichbleibende Qualität und erleichtere die Abwicklung im Liefergeschäft. Der klassische Restaurantbetrieb bleibe jedoch essenziell. «Essen gehen bleibt ein Erlebnis», sagt Thu Dinh.

«Dark Kitchen» als Modell

Auch ohne Robotik sind «Dark Kitchen» in Deutschland bislang ein Nischenphänomen. Ihr Anteil am Gesamtmarkt ist gering, auch wenn Lieferplattformen ein wachsendes Interesse beobachten. Nach Angaben von Lieferando handelt es sich um eine «noch junge Entwicklung», die bislang die Ausnahme darstellt. Der Anteil liege im niedrigen einstelligen Prozentbereich der rund 48.000 Restaurants auf der Plattform. Auch der Lieferdienst Wolt sieht solche Konzepte nicht als Ersatz, sondern als Ergänzung zum klassischen Restaurantgeschäft. Technologische Innovationen könnten zusätzlich Prozesse effizienter gestalten sowie Qualität und Konsistenz verbessern.


Zurück

Vielleicht auch interessant

Vor mehr als 200 Jahren rief König Wilhelm I. von Württemberg nach Missernten und Hunger das Cannstatter Volksfest ins Leben. Schon damals strömten die Menschen zum Wasen - und das wird sich auch in diesem Jahr nicht ändern.

Sechs Münchner Brauereien bieten auf dem Oktoberfest ihr eigenes Festbier an – jedes nach geheimem Spezialrezept gebraut und mit individuellem Geschmack. Und: Das Wiesnbier hat es in sich.

Wolt startet in Berlin ein eigenes Catering-Angebot für Firmenkunden und geplante Veranstaltungen. Im Laufe des Jahres 2027 soll Wolt Catering schrittweise auf weitere deutsche Städte ausgeweitet werden.

Die US-amerikanische Bäckereimarke Cinnabon baut ein Franchisesystem in Deutschland auf. Der erste Standort der CB Germany GmbH soll im Oktober 2026 im Limbecker Platz in Essen eröffnen. Weitere Standorte sind bereits vorgesehen.

Die Wiesn naht - und auch die Rettungskräfte sind vorbereitet. Die Sanitätsstation auf dem Festgelände wappnet sich für den Rund-um-die-Uhr-Betrieb. Dabei gibt es in diesem Jahr einige Neuerungen.

Tim Striegel ist der "Aufsteiger des Jahres 2026" von Der Feinschmecker. Der 25-jährige Koch aus dem Restaurant "Das Philippin" in Rutesheim bei Stuttgart setzte sich bei der Leserwahl gegen sechs weitere junge Talente durch.

Deutschland belegt bei den Rahmenbedingungen für Restaurantgründungen im Vergleich von 20 EU-Märkten Rang sieben. Der Restaurant Launch Report des Metro Marktplatzes weist für Deutschland 99,9 Punkte bei Wettbewerb und Immobilien und 36,9 Punkte bei Gründung und Personal aus.

Im Leipziger Hauptbahnhof eröffnet am 16. September Robyn’s mit einer automatisierten Küche. Nach der Bestellung am Terminal übernimmt ein Robotiksystem zentrale Schritte der Zubereitung und kocht die Gerichte vor Ort.

Big Squadra eröffnet ihren dritten Standort in Berlin im historischen Kranzler Eck am Kurfürstendamm. Im November startet das neue Lokal unter dem Namen Circolo Popolare in der bekannten Rotunde des Gebäudes aus den 1950er-Jahren.

Vom 19. September bis 4. Oktober 2026 findet in München das Oktoberfest statt. Auswertungen von Amadeus Travel Intelligence dokumentieren dabei signifikante Verschiebungen bei den internationalen Herkunftsmärkten und dem Buchungsverhalten der Flugreisenden.