Espresso für 70 Cent: Italienisches Ehepaar hält seit 2002 am Preis fest

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So geht das seit vielen Jahren schon. Um 3.30 Uhr, mitten in der Nacht, klingelt in der Wohnung von Rosina Furiati und Orlando Paldino der Wecker. Anderthalb Stunden später macht das Ehepaar aus der Kleinstadt Cossato im Piemont seinen Betrieb auf, das «Fante di Cuori» eine Etage tiefer - eine dieser Kaffeebars mit Familienfotos überall, von denen es in Italien noch um die 150.000 gibt. Dann zieht Paldino die erste Tasse Espresso aus der Maschine. Der Preis: 70 Cent. Auch das: unverändert. Aller Inflation zum Trotz. 

Das letzte Mal, dass die beiden älteren Leute - sie 73, er 77 Jahre alt - an der Preisschraube gedreht haben, war zum Jahreswechsel 2001/2002, bei der Einführung des Euro. Und zwar nach unten: Bis dahin kostete der Espresso im «Fante di Cuori» («Herzbube») 1.500 Lire, also umgerechnet 77,5 Cent. Die meisten anderen hätten wohl auf 80 Cent aufgerundet. Furiati und Paldino gingen runter auf 70. So sind sie eben, immer schon gewesen. Und so ist das seither geblieben.

Preise wie in Deutschland? «Völlig verrückt»

Für deutsche Kaffeetrinker wäre solch ein Preis natürlich ein Traum. In Großstädten wie Berlin, Hamburg oder München muss aktuell im Schnitt für einen Espresso um die 2,60 Euro gezahlt werden, in manchen Coffeeshops sogar deutlich mehr. Und dann stehen seit einiger Zeit auch noch diese Bezahlautomaten auf dem Tresen, bei denen man bei der Bestellung 10, 20 oder 30 Prozent Trinkgeld geben soll. Die Chefin hier - ganz in Schwarz, aber schulterfrei und knallrote Fingernägel - hält das für «völlig verrückt».

Nun muss man dazu sagen, dass die Kaffeepreise in Italien grundsätzlich niedriger sind als in Deutschland. Jeder, der dort einmal im Urlaub war, weiß das. Das liegt ein wenig daran, dass in Italien der Staat keine Kaffeesteuer verlangt (Mehrwertsteuer aber sehr wohl), vor allem aber daran, dass die Tasse Kaffee immer noch so etwas wie ein nationales Kulturgut ist. Mehr als sieben Milliarden Euro geben die Italiener im Jahr für Espresso oder Cappuccino aus.

«Schallmauer» von einem Euro längst durchbrochen

Die kleine Tasse Espresso - oder vielmehr die «tazzina di caffè» - trinkt man hier von früh bis spät, meist im Stehen. Zum Ritual gehört, vorab zu bezahlen, auf einen freien Platz an der Bar zu warten und dann den Beleg hinüberzureichen. Dann plaudert man ein wenig, aber länger als ein paar Minuten bleibt man nicht. Wer sitzen will - so wie in Deutschland -, zahlt extra. Auf diese Weise können deutlich mehr Bestellungen abgewickelt werden. Und ohne nörgeln zu wollen: Schneller sind die Barista hier auch. 

Trotzdem sind die Preise auch in Italien deutlich gestiegen. Bis viele Jahre nach Einführung der europäischen Einheitswährung galt: Mehr als ein Euro darf der Espresso nicht kosten. Inzwischen steht man nach einer Untersuchung des Zentrums für Konsumforschung (Crc) landesweit bei 1,29 Euro - 25 Prozent mehr als noch vor fünf Jahren. Wie bei so vielen Dingen muss man im Norden Italiens mehr bezahlen als im Süden. Am teuersten ist es mit durchschnittlich 1,51 Euro in Südtirols Hauptstadt Bozen. In Touristenstädten wie Venedig werden mancherorts für eine einzige Tasse sogar zehn Euro fällig.

Betreiber sehen in 70 Cent «politischen Preis»

Deshalb hat es das Ehepaar Furiati/Paldino mit der Tasse für 70 Cent zu einiger Bekanntheit geschafft. «La Stampa» - eine der wichtigsten nationalen Zeitungen - bejubelte die beiden als Paradebeispiel dafür, wie gelebte Solidarität heutzutage aussehen kann. 

Die beiden selbst reden ebenfalls von einem «politischen Preis». Ob sie links oder rechts wählen, verraten sie nicht. Aber Furiati sagt: «Der Kaffee jeden Tag ist für uns das Symbol schlechthin. Auch wenn sonst alles teurer wird: Wir finden, dass sich die Tasse Espresso jeder leisten können muss.»

So war das früher schon, als hier in Cossato noch viele Fabrikarbeiter lebten, die in der Textilindustrie beschäftigt waren und sehr früh aufstehen mussten. Inzwischen sind die meisten Fabriken verschwunden, und die meisten Gäste kommen zwischen sieben und neun, so wie anderswo auch. 

Alte Ideale nicht aufgeben

Aber das Ehepaar will von den Idealen, mit denen es seine Bar 1995 eröffnete, nichts aufgeben. «Solange wir hier sind, wird sich hier nichts ändern», sagt er. Möglich sei das aber nur, weil man ohne weitere Angestellte auskomme und keine hohe Miete zahlen müsse. Zudem sind die anderen Preise im «Fante di Cuori» durchaus normal: Das Bier kostet drei Euro, der Bitterlikör 3,50 Euro. 

Seit einiger Zeit suchen die beiden nach einer Nachfolge. Man wird ja nicht jünger. Bislang haben sie sich nur Absagen eingehandelt. Auch die Kinder und Enkel haben kein Interesse. Aber ein paar Jahre wollen Rosina Furiati und Orlando Paldino noch durchhalten: von morgens um fünf Uhr in der Früh bis abends um 19.30 Uhr, mit gerade einmal zwölf Tagen Urlaub im August. Und am Preis von 70 Cent wollen sie auch nichts ändern, jetzt schon gar nicht.

Zumal im «Fante di Cuori» die Gäste beim Trinkgeld ohnehin großzügig sind, auch ohne diese neuen Maschinen mit den Prozentzeichen. Man legt dort an der Bar etwas mehr hin, oft einen Euro, und verzichtet darauf, sich das Kleingeld zurückgeben zu lassen. So wie man das eben so macht, in Italien. (Mit dpa)


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