Kneipensterben ist schlecht für die Demokratie

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Der Dresdner Politologe Oliviero Angeli empfindet das Kneipensterben in Deutschland als schlechtes Zeichen für die Demokratie. «Kneipen sind Infrastruktur gegen Polarisierung. Dort begegnen sich Menschen, die sonst wenig miteinander zu tun haben, und sprechen über konkrete Alltagsprobleme: den fehlenden Radweg, das Freibad, das schließt, oder die Frage, was im Ort gerade passiert», erklärte der Forscher in einem Interview, das auf der Website des Mercator Forums Migration und Demokratie (MIDEM) veröffentlicht wurde. Angeli ist Koordinator des Forums, das an der Technischen Universität Dresden angesiedelt ist.

«Entscheidend ist nicht das Bier, sondern die Begegnung.»

Nach den Worten von Angeli sprechen Menschen beim Besuch in der Kneipe auch über geteilte Lebensrealität. Das könne ideologisches Lagerdenken abschwächen. «Schließen Kneipen, gehen diese Räume verloren. Menschen weichen auf soziale Medien aus, in denen eher zugespitzte und ideologisierte Großkonflikte dominieren. Lagerdenken kann hier besser gedeihen.» Mit dem Nachbarn mal ein Bier trinken zu gehen, könne helfen. «Entscheidend ist nicht das Bier, sondern die Begegnung. Wir lernen unsere Nachbarinnen und Nachbarn kennen. Nicht als abstrakte politische Individuen, sondern als Menschen mit Geschichten, Sorgen und Erfahrungen.»

Meinungsverschiedenheiten sind gesund für die Demokratie

Angeli zufolge sind Meinungsverschiedenheiten gesund für eine Demokratie. «Wir müssen über zentrale politische Themen streiten können. Das unterscheidet Demokratien von nichtdemokratischen Systemen: Dort gelten Meinungsunterschiede oft als Problem, das unterdrückt werden muss.» Gefährlich werde es dann, wenn sich «Meinungsgegner als Feinde betrachten und Kompromisse als Verrat gelten». «Wenn wir den politischen Gegner nicht mehr als gleichberechtigt wahrnehmen, dann wird aus politischer Gegnerschaft Ausgrenzung. Im Extremfall kann daraus Gewalt entstehen.»

«Wer zuhört, kann die eigenen Vorurteile korrigieren.»

Oliviero Angeli hält in der Auseinandersetzung auch einen Perspektivwechsel für ratsam. Oft werde der politische Gegner falsch eingeschätzt. «Wer zuhört, kann die eigenen Vorurteile korrigieren. Am besten gelingt das durch persönliche Geschichten. Wenn Menschen nicht über Themen streiten, sondern erzählen, wie sie zu ihren Ansichten gekommen sind, verstehen wir ihre politischen Haltungen besser.»

Der Forscher sieht nicht so sehr das Problem, dass die Gesellschaft in Deutschland in Meinungslager zerfällt, sondern sich emotional Gräben vertiefen. Die Wissenschaft nennt das «affektive Polarisierung» - Gruppen stehen einander stark ablehnend gegenüber. In Deutschland und anderen EU-Ländern steige zwar die affektive Polarisierung, aber sei aber noch lange nicht so drastisch wie in den USA, so der Politologe: «Unser Mehrparteiensystem schützt uns vor einer Polarisierung wie im Zweiparteienstaat USA.» (dpa)


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