Talk- und Kochshow-Pionier Alfred Biolek verstorben

| Gastronomie Gastronomie

Das Belgische Viertel ist das Genießer-Viertel von Köln, und dort konnte man Alfred Biolek in seinen letzten Jahren immer mal wieder begegnen. Er ging ganz langsam und schob einen Rollator vor sich her. Am Schluss machte er nur noch winzige Schritte und musste von seinem Adoptivsohn Scott Biolek-Ritchie gestützt werden. Sehr schmal und schwankend war er geworden, und doch zweifelte man keinen Augenblick daran, dass er es war. Das Professorengesicht mit der runden Brille war eben doch unverkennbar. Und wenn er dann zum Beispiel in einem Restaurant etwas Gutes vorgesetzt bekam, dann ging noch immer ein Leuchten über sein Gesicht: «Hmmmm! Lecker!»

Nun ist Alfred Biolek, der große Pionier des deutschen Fernsehens, in Köln gestorben. Er schlief am Freitag friedlich ein, wie die Deutsche Presse-Agentur von seinem Adoptivsohn Scott Biolek-Ritchie erfuhr.

Biolek hatte über Jahrzehnte die Erneuerung der deutschen TV-Landschaft vorangetrieben. Zwei Formate hat er wesentlich mitbegründet: die Talkshow und die Kochshow. Aber er hat nicht nur das Fernsehen geprägt, er hat über dieses Medium auch die Gesellschaft beeinflusst. Am Ende seines Lebens konnte er mit großer Genugtuung feststellen, dass die Deutschen ein wenig so geworden waren wie er: dem guten Essen zugetan, offen für alle möglichen kulturellen Einflüsse aus dem Ausland und im Allgemeinen tolerant gegenüber Minderheiten.

«Von den großen Ländern - Frankreich, England, Italien, Spanien - hat sich Deutschland am weitesten geöffnet und verkrustete Strukturen aufgebrochen», sagte er rückblickend der Deutschen Presse-Agentur. Allerdings machte er in seinen letzten Lebensjahren eine Einschränkung: Dass die Rechten wieder aktiv würden, das finde er schlimm, sagte er. Vielleicht könnten die Menschen eben doch nicht aus der Geschichte lernen.

Der Anwaltssohn Biolek wurde 1934 in Freistadt - heute Tschechien - geboren und verlebte eine behütete Kindheit in einem großbürgerlichen katholischen Elternhaus. Nach dem Krieg floh die Familie in den Westen, und wie sein Vater studierte Biolek Jura und promovierte zum Doktor der Rechtswissenschaften. Zeitlebens hatte er immer etwas von einem zerstreuten Professor: Die runde Brille, die Kärtchen, mit denen er vor der Kamera hantierte, die vielen «Ähs», die abgebrochenen Sätze.

Bioleks Karriere wäre heute undenkbar. Als Justiziar begann er 1963 beim neugegründeten ZDF, wechselte aber bald darauf ins Redaktionelle. Bei seinem ersten Auftritt vor der Kamera gab er «Tipps für Autofahrer».

1970 kam er zum WDR nach Köln und entwickelte dort mit Rudi Carrell die Samstagabendshow «Am laufenden Band», die erfolgreichste Sendung der 1970er Jahre. Parallel sammelte er im «Kölner Treff» erste Moderationserfahrung und bekam 1978 seine eigene Sendung, «Bio's Bahnhof». Danach war er im deutschen Fernsehen 30 Jahre ständig präsent. Allein seine Talkshow «Boulevard Bio» lief zwölf Jahre lang. Seine Ära endete erst 2007 mit der letzten Folge der Kochsendung «Alfredissimo».

«Bio» war ein enormer Kenner der Kulturszene nicht nur in Deutschland, sondern zum Beispiel auch in den USA, in England und den Niederlanden. Er war es, der Monty Python und Herman van Veen nach Deutschland holte, der zum ersten Mal Sting im Ersten auftreten ließ. In seiner Wohnung in Köln empfing er Weltstars wie Tina Turner zum Essen. Sein schönstes Kompliment bekam er von Sammy Davis jr. in «Bio's Bahnhof»: «Ich bin seit 53 Jahren im Showbusiness, und ich muss sagen, dies ist die originellste und am Besten zusammengestellte Fernsehshow, in der ich jemals auftreten durfte.»

Mit seiner Homosexualität hat sich Biolek lange schwer getan. Erst im Alter von etwa 30 Jahren gestand er sich selbst ein, dass er schwul war, gab bei dieser Gelegenheit all seine Anzüge in die Altkleidersammlung und trug eine Zeit lang nur noch Pullover und Lederjacke. Öffentlich sprach er nie darüber. Sein Outing übernahm ein anderer: Der Filmemacher Rosa von Praunheim verkündete 1991 in einer RTL-Sendung, Biolek sei «stockschwul». Der empfand das zunächst als «unfair», doch später war er froh darüber: «Ich habe da einen Schlag bekommen, der sehr wehgetan hat, aber irgendwo hat dieser Schlag eine Verspanntheit gelöst, die danach weg war.»

Lange war Biolek ein fester Bestandteil der Berliner Gesellschaft. Wenn er eines seiner rauschenden Feste gab, kamen alle: der Regierende Bürgermeister, der Ex-Kanzler, der Bundespräsident. Doch dann veränderte sich sein Leben von einem Tag auf den anderen: 2010 stürzte er auf der Treppe, zog sich Kopfverletzungen zu und fiel ins Koma. Danach war sein Gedächtnis weg. Erst beim Lesen seiner Autobiografie kehrte die Erinnerung zurück.

Anschließend zog er nach Köln zurück und verschwand aus der Öffentlichkeit. «Mir war aufgefallen, dass ich in Berlin zwar sehr viele Bekannte hatte, meine richtigen Freunde aber überwiegend in Köln wohnen.» Von seiner Wohnung aus blickte er über die Wipfel des Stadtgartens mit uralten Bäumen. Dort ging er immer spazieren und sah den Kindern einer nahe gelegenen Schule zu, die dort die Pause verbrachten. Einen Partner hatte er nicht mehr, aber sein Adoptivsohn Scott und seine Freunde kümmerten sich liebevoll um ihn. Zum Kochen oder Verreisen war er zu schwach, aber er konnte immer noch ins Restaurant oder in die Philharmonie gehen.

Angst vor dem Tod hatte der Katholik nicht. Einmal sagte er der Deutschen Presse-Agentur: «Ich habe das Gefühl, ich werde den Tod genauso entspannt erleben wie alle Dinge in meinem Leben.» (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Eine Umfrage unter 142 Food-Truck-Betreibern zeigt: Die Mehrheit erzielt weniger als 40.000 Euro Jahresgewinn. Entscheidend für den wirtschaftlichen Erfolg scheint weniger die Arbeitszeit als vielmehr das gewählte Geschäftsmodell zu sein.

Das Berliner Kuchel Eck am Ludwigkirchplatz hat wieder geöffnet. Seit Anfang Mai wird die traditionsreiche Eckkneipe von Gastronom Josef Laggner betrieben. Der Gastro-Unternehmer setzt auf die Fortführung der klassischen Eckkneipentradition.

Die Frankfurter Hospitality-Gruppe Cuisyn setzt auf die Übernahme und Weiterentwicklung bestehender Gastronomiebetriebe. Als aktuelles Beispiel nennt das Unternehmen die Integration der Wille Gastronomie Gruppe, durch die die Mitarbeiterzahl auf mehr als 500 gestiegen sei.

Die Berliner Bar Mokka Milch öffnet am 12. Juni nach einer knapp zweiwöchigen Pause erneut ihre Türen. Zuvor hatten technische Probleme und Anpassungen interner Abläufe zu einer vorübergehenden Schließung geführt.

Lorenzo Parrotta aus Ludwigshafen darf sich nun Weltmeister nennen. In Neapel holte sich der Deutsch-Italiener den Titel in der Kategorie Pizza Contemporanea (zeitgenössische Pizza). Dabei backt Parrotta Pizza nur im Nebenberuf. Eigentlich ist er Chemiearbeiter.

Das Kopenhagener Spitzenrestaurant Noma öffnet im August wieder dauerhaft seine Türen, wobei der in der Kritik stehende René Redzepi die Rolle des Kreativ-Direktors übernimmt. Die operative Verantwortung wird an ein neues Führungsteam übertragen.

Burgermeister will noch 2026 in Österreich starten. Geplant sind zunächst drei Restaurants in Wien, langfristig soll ein Netz von mindestens 20 Standorten entstehen.

Big Squadra eröffnet am 12. Juni das Restaurant Pamela am Berliner Gendarmenmarkt. Der neue Standort ist das vierte Restaurant der Gruppe in Deutschland und erweitert das bestehende Portfolio in Berlin.

Eine internationale Verbraucherumfrage im Auftrag von Lightspeed zeigt, dass Restaurantgäste persönliche Aufmerksamkeit und Freundlichkeit höher bewerten als Beratungskompetenz. In Deutschland werden Probleme zudem häufig direkt mit dem Servicepersonal besprochen.

Das Restaurant Noma will im August 2026 wieder in Kopenhagen eröffnen. Gleichzeitig kündigt das Restaurant eine neue Führungsstruktur sowie ein Konzept mit zwölf saisonalen Abschnitten pro Jahr an.