Wallraff legt gegen Burger King nach – Systemgastronom verteidigt sich offensiv

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Erst im September 2022 nahm das Team um Günter Wallraff Burger-King-Restaurants unter die Lupe, was dazu führte, dass Betriebe zeitweilig geschlossen wurden (Tageskarte berichtete). Jetzt war das „Team Wallraff“ wieder bei Burger Kind und will erneut Missstände aufgedeckt haben. Burger King reagierte bereits im Vorfeld mit einer Aktion und einem TV-Spot.

Das „Team Wallraff“ resümiert, dass Burger King weiterhin bei Haltezeiten von Lebensmitteln und der Zubereitung vegetarischer Burger täusche. Nach Einblick in den Personalmanagementplan fragt RTL, ob in 70.000 Fällen Rechtsverstöße vorliegen könnten Außerdem deutet RTL „vermeintliche Benachteiligungen von Mitarbeiter:innen mit Migrationshintergrund und fragwürdige Arbeitsverhältnisse?“ in Frageform an.

Burger King hält auf ein er eigens eingerichteten Presseseite dagegen und sagt, dass die Berichterstattung nicht die Realität in den allermeisten Restaurants und die Meinung der Mehrheit der Mitarbeitenden widerspiegele. Sind die Arbeitsbedingungen wirklich so wie in den Medien dargestellt?

Die Einhaltung hoher Standards habe für uns „absolute Priorität“. Im Vorfeld des Berichtes schickte Burger King medienwirksam einen Mitarbeiter, zur RTL-Zentrale, der dort vegane Burger verteilte.

Ferner produzierte Burger King aufwendig einen TV-Spot. Das Video sollte eigentlich während der Ausstrahlung der Wallraff-Episode laufen. RTL hatte jedoch kurzfristig entschieden, den Spot nicht auszustrahlen. Damit die Burger-King-Fans und alle anderen ihn dennoch zu sehen bekommen, hat das Unternehmen ihn nun PR-wirksam auf seinen eigenen Social-Media-Kanälen gepostet.

Dennoch recherchieren Günter Wallraff und sein Team inzwischen seit zehn Jahren immer wieder zu Missständen bei „Burger King“. Seitdem waren sie in über 20 Filialen undercover und stießen dabei immer wieder auf Hygiene- und Qualitätsmängel. Erst im September 2022 dokumentierte „Team Wallraff“ in vier Filialen, wie unter anderem bei den Haltezeiten von Lebensmitteln und der Zubereitung vegetarischer Burger getäuscht wurde. „Burger King“ selbst rechtfertigte die Vorwürfe als „Einzelfälle“, kündigte eine systematische Überprüfung aller deutschen Filialen an und versprach Besserung. Wie sind die Zustände heute? Wurden die Mängel behoben und das Personal sensibilisiert? Waren es wirklich nur Ausnahmen und das Versagen Einzelner? Zahlreiche Kundenbeschwerden im Internet und Hinweise seitens Informant:innen gaben „Team Wallraff“ Grund dazu, den Fastfood-Riesen und seine Franchisepartner erneut zu überprüfen - mit einem „ernüchternden Ergebnis“, sagt RTL: Auch heute noch würden die Haltezeiten von Lebensmitteln gefälscht, vegetarische Burger-Patties mit tierischen verwechselt und die Lebensmittelsicherheit vielfach missachtet, so der Sender. Und dann erhält „Team Wallraff“ auch noch einen für „Burger King“ möglicherweise folgenschweren Tipp: „Hat Burger King in über 70.000 Fällen gegen das Recht verstoßen und sich damit sogar teilweise strafbar gemacht?“, fragt der Sender? Außerdem bestehe der Verdacht, dass „Burger King“ die unsichere Aufenthaltssituation von Mitarbeiter:innen mit Migrationshintergrund ausnutze, so RTL.

Dazu sagt Burger King: „Was der Bericht zeigt, entspricht nicht der Realität in den Restaurants. Bei den erhobenen Vorwürfen geht es um eine Planungs-Software, die Hinweise an Restaurantmanager*innen gibt. Aus einem Hinweisbutton in einer Software Rechtsverstöße abzuleiten, ist schlichtweg falsch, mindestens jedoch eine deutlich verkürzte Darstellung. Das haben wir gegenüber RTL auch ausführlich erläutert.“

Inhalt des aktuellen Berichtes von RTL und „Team Wallraff“

Der nachfolgende Text entstammt wörtlich einer Mitteilung von RTL und ist kein redaktioneller Inhalt von Tageskarte. Der Sender schreibt über den Wallraff-Bericht:

„In einer Filiale des Franchisenehmers „R.O.I. Burger King GmbH & Co. KG“ in Dachau sollen überwiegend junge Mitarbeiter:innen aus Osteuropa und Nordafrika arbeiten. Einer Informantin zufolge habe das Unternehmen einige von ihnen angeblich in einem Hotel in der Nähe der Filiale eingebucht. Wird hier womöglich günstiges Personal aus dem Ausland akquiriert? Die „Team Wallraff“-Reporter:innen Amra und Alex gehen den Hinweisen nach. Amra, die selbst fließend Serbisch spricht, bewirbt sich als Küchenhilfe. In vertraulichen Gesprächen mit Kolleg:innen erfährt die Reporterin, dass in der Filiale ein rauer Umgangston gepflegt werde. Kündigen, so wirkt es auf Amra, sei aber keine Option, da sie noch keine festen Aufenthaltsgenehmigungen haben. Es sei ihr erster Job in Deutschland und die Hoffnung auf eine sichere Zukunft scheint groß. Zudem erfährt Amra, dass mindestens vier Mitarbeiter:innen von „Burger King“ in einem nahegelegenen Hotel einquartiert wurden. Die Reporterin besucht eine junge Kollegin nach Schichtende auf deren etwa 15 Quadratmeter großem Zimmer. Hier wohnt sie zurzeit mit einer weiteren Frau zusammen, das dritte Bett könnte jederzeit belegt werden. Privatsphäre scheint es für die Mitarbeiter:innen hier kaum zu geben. Die Hotelkosten zieht „Burger King“ den Mitarbeiter:innen vom Gehalt ab. Bei einem Vollzeit-Bruttogehalt von ca. 1000 Euro sollen einigen Angestellten bei sechs Arbeitstagen pro Woche rund 600 Euro brutto im Monat zum Leben bleiben. Ist das zumutbar? Und wird das Abhängigkeitsverhältnis zu „Burger King“ dadurch nicht noch größer? Die „R.O.I. Burger King Dachau GmbH & Co. KG“ erklärt hierzu, dass man lediglich bei der Suche nach einer geeigneten Unterkunft unterstützen würde. „Insoweit hat meine Mandantin in der Region mit diversen Vermietern, darunter auch mit dem […] Hotel, Sonderkonditionen aushandeln können, […]. Da die Miete in der Regel im Voraus an den Vermieter zu zahlen ist, gewährt meine Mandantin im Bedarfsfall, […], einen individuellen Lohnvorschuss für die fällige Miete. Dieser Lohnvorschuss wird anschließend im Rahmen der Lohnabrechnung berücksichtigt und mit dem Gehalt verrechnet.“ Die „Team Wallraff”-Reporter:innen haben die Vermutung, dass viele von den erst kürzlich in Deutschland lebenden Mitarbeiter:innen gar nicht wissen, was ihnen rechtlich zusteht und aufgrund mangelnder Deutschkenntnisse auch Verträge teils nicht richtig verstehen. So erfahren sie auch in Gesprächen mit Mitarbeiter:innen anderer Filialen, dass Urlaubsanträge ohne ersichtlichen Grund abgewiesen oder Krankmeldungen nicht akzeptiert wurden.  

Vielfache Rechtsverstöße: Macht sich „Burger King Deutschland GmbH“ teilweise sogar strafbar?  

Rücksichtsloser Umgang mit dem Personal? Das bestätigt zumindest auch eine ehemalige Führungskraft der „Burger King Deutschland GmbH“ gegenüber Undercover-Reporter Alex. Er selbst habe teils bis zu 300 Stunden im Monat gearbeitet. Seine zahlreichen Überstunden seien in einem System vermerkt und somit auch der Geschäftsführung bekannt. Wie er im Interview erklärt, arbeitet die „Burger King Deutschland GmbH“ mit einem Personalmanagementtool, welches die Dienstpläne aller Mitarbeiter:innen erfasst. So ließen sich auch Verstöße gegen das Arbeitszeitgesetz kontrollieren. „Team Wallraff“ gelingt es über einen anderen Informanten, Einblick in das Planungssystem zu erhalten und wertet die Daten aus: Innerhalb von sieben Monaten zeigt das System der „Burger King Deutschland GmbH“ über 70.000 Rechtsverletzungen an, darunter Verstöße gegen den Jugendschutz, den Mindestlohn sowie Ruhezeiten. Sollten die ausgewerteten Daten tatsächlich fehlerfrei sein, könnte dieses Ausmaß laut Rechtsanwalt Dr. Sven Jürgens schwere Konsequenzen für das Unternehmen haben, denn hier sei man „[…] im Bereich des Vorsatzes. Und das führt dazu, dass es nicht nur eine Straftat wird, sondern auch noch, dass die Geschäftsführung persönlich haftet […].“  In einem Schreiben an RTL erklärt die „Burger King Deutschland GmbH“, dass sie die Vorwürfe ernst nehme und diese durch ein unabhängiges Unternehmen systematisch prüfen lasse. „Zum jetzigen Stand können wir jedoch die von Ihnen erhobenen Vorwürfe zu ‚Rechtsverstößen‘ nicht nachvollziehen und weisen diese entschieden zurück. […].“ Das System dokumentiere zwar minutengenau die Arbeits- und Pausenzeiten der Mitarbeitenden. „Rückschlüsse auf Rechtsverletzungen sind aus den Software-Angaben jedoch nicht möglich […]. Die Software prüft nicht den tatsächlichen Sachverhalt, […], sondern speichert lediglich die von den Mitarbeitenden ‚gestempelte‘ Zeit, […].“ Dabei könne es durchaus zu Fehlern kommen.  

Während der Recherchen meldet sich eine weitere ehemalige „Burger King“-Mitarbeiterin bei „Team Wallraff“. Im Interview erzählt sie von ihrem fragwürdigen Arbeitsverhältnis mit dem Franchisepartner „SME Berlin GmbH & Co. KG“. 2022 war sie drei Monate lang in einer Berliner Filiale als „geringfügig Beschäftigte“ angestellt. Somit durfte sie zu diesem Zeitpunkt nicht mehr als 450 Euro steuerfrei verdienen. Sie befand sich zu dieser Zeit in einer finanziellen Notlage und „Burger Kings“ Franchisepartner machte ihr daraufhin ein unmoralisches Angebot: Sie sollte sich jemanden suchen, der auf dem Papier ebenfalls einen 450-Euro-Job ausübe - die tatsächliche Arbeit verrichte aber sie selbst und bekäme so eine doppelte Vergütung. Ausgezahlt wurde das Gehalt bar. „SME Berlin GmbH & Co. KG“ rechtfertigt sich zu den Vorwürfen wie folgt: „Die von Ihnen behauptete Praxis wird von uns weder betrieben, noch geduldet. Nach unserer gründlichen Überprüfung können wir ausschließen, dass Ihre Vorwürfe zutreffend sind […]. Insbesondere können wir ausschließen, dass eine Person in unserem Unternehmen unter verschiedenen Identitäten arbeitet oder gearbeitet hat.” 

Erneut Verwechslung bei Veggie-Produkten und Verlängerung von Haltezeiten

Seit fast zehn Jahren schlüpft „Team Wallraff“-Reporter Alex in die Rolle des „Burger King“-Mitarbeiters. Sein siebter Einsatz führt ihn in eine Berliner Filiale des Franchisenehmers „Schloss Burger“. Im September 2022 konnte seine Kollegin Lea in einem Münchner Restaurant des Betreibers beobachten, wie aufgrund von ungekennzeichneten Behältern vegane Burger mit Fleisch-Patties belegt wurden. Infolgedessen wurde „Burger King“ das sogenannte „V-Label“ entzogen. Um derartige Verwechslungen künftig zu vermeiden, führte das Fastfood-Unternehmen unter anderem ein Farb-System ein: Aufbewahrungsbehälter von „plant based“ Produkten sind nun grün gekennzeichnet. Trotzdem kann der Undercover-Reporter mehrfach beobachten, wie vegetarische Patties im Fleisch-Behälter liegen, voll tierischem Sud. Alex macht seine Kolleg:innen auf den Fehler aufmerksam, doch letztlich werden die in Fleischsoße liegenden Veggie-Patties dennoch als „plant based“-Burger verkauft. Die „Schloss Burger GmbH“ nimmt zu diesem Vorwurf wie folgt Stellung: „Das in Ihren Fragen beschriebene Verhalten ist – wenn es tatsächlich so vorgekommen sein sollte – nicht zu tolerieren. Für den Umgang mit Plant-based Produkten gibt es ganz klare Vorgaben: Die Pans (Warmhaltebehälter), in denen die Produkte warmgehalten werden, sind jeweils nur mit einem Produkttyp bestückt. Fleischprodukte und Plant-based Produkte sind demnach in unterschiedlichen Pans aufzubewahren.“ 

Während seiner Zeit als Küchenhilfe erlebt Alex immer wieder, wie wenig Wert auf die Lebensmittelsicherheit gelegt wird. Wie auch schon bei den Recherchen im vergangenen Herbst, werden auch in dieser „Burger King“-Filiale Lebensmittel nicht wie auf den Behältern angegeben entsorgt, sondern stattdessen mit neuen Haltezeiten-Etiketten versehen. Schließlich wird der Undercover-Reporter sogar von einer Kollegin dazu aufgefordert, unverkaufte Burger auszupacken, in ihre Einzelbestandteile zu zerlegen und die noch „essbar“ aussehenden Zutaten wiederzuverwenden. So landen zum Beispiel mit Soße beschmierte Patties wieder im Wärmebehälter – und anschließend auf einem „neuen“ Burger. Dazu äußert sich die „Schloss Burger GmbH“ wie folgt: „Wir verlangen von unseren Restaurant-Teams die Einhaltung der hohen Burger King Standards, die deutlich über gesetzliche Anforderungen hinausgehen. […] Eine Umetikettierung, Umverpackung oder eine Haltezeitverlängerung verstößt ganz klar gegen die Standards und ist nicht tolerierbar. So müssen die Haltezeiten der Lebensmittel regelmäßig überprüft und bei Überschreiten die Lebensmittel ordnungsgemäß entsorgt werden.“

Einen besorgniserregenden Umgang mit der Lebensmittelsicherheit erleben die „Team Wallraff”-Reporter:innen auch in zwei weiteren Filialen. Unter anderem werden gebratene Patties deutlich länger warmgehalten und verwendet als in internen „Burger King”-Regeln vorgeschrieben.

Zum vierten Mal war „Team Wallraff“ in unterschiedlichen „Burger King“-Filialen undercover, zum vierten Mal konnten sie bei den verschiedenen Franchisepartnern alte, aber auch neue gravierende Missstände dokumentieren. Nach Einzelfällen klingt das für Günter Wallraff nicht: „Burger King ist ein international agierender Fastfood-Riese, der Kunden täuscht. Politik und Behörden sind gefordert: Es braucht mehr Kontrollen, um einerseits die Kunden zu schützen, andererseits aber auch die Arbeitnehmer vor eklatanter Ausbeutung am Arbeitsplatz.“


 

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