Mangas und Internet - Jugendherbergen erfinden sich neu, nicht immer zur Freude der Hotels

| Hotellerie Hotellerie

Manga-Ferienlager, rollende Jugendherberge und veganes Frühstück: Jugendherbergen testen seit einigen Jahren neue Angebote, um ihre Besucherzahlen zu halten. Der DEHOGA Bundesverband fordert schon seit Jahren, dass der Wettbewerb unter gleichen Bedingungen stattfinden müsse.

Im ersten Halbjahr 2019 zählten die Jugendherbergen in Thüringen rund 56 000 Gäste. Die Zahl lag damit etwa auf dem Niveau des Vorjahreszeitraums, sagte Barbara Einwag, Marketingleiterin des Deutschen Jugendherbergswerks (DJH) in Thüringen, auf Anfrage der Deutschen Presseagentur. Allerdings verbuchten die Herbergen zwischen 2017 und 2018 Einbußen: von 117 000 Besuchern auf 111 000.

«Womit der Rückgang zusammenhängt, ist im Moment schwierig zu sagen. Vermutlich drücken die Klimaschwankungen die Übernachtungszahlen», so Einwag. Hitzewellen würden die Reiselust einiger Menschen bremsen. Für das SonneMondSterne-Festival an der Bleilochtalsperre sei erneut eine fahrende Jugendherberge für Gäste von Köln nach Saalburg-Ebersdorf auf dem Weg. Das Festival gilt als eines der größten Events für elektronische Musik in Deutschland.

«Im Bereich Digitalisierung im Tourismus gehört der thüringische Landesverband zu den Vorreitern im Deutschland», sagte ein Sprecher des thüringischen Wirtschaftsministeriums. Das sei beispielsweise beim Thema Online-Buchungen zu sehen.

In Thüringen gibt es derzeit 21 Jugendherbergen, das sind auf dem Papier eine weniger als im vergangenen Jahr, so Einwag: «Wir haben in Erfurt lediglich zwei Herbergen aus praktischen Gründen zusammengefasst. Weggefallen ist dort keine.» In Gotha gebe es Pläne für eine neue Jugendherberge.

Im Ausland spricht man von Hostels. Gibt es einen Unterschied zwischen den beiden Übernachtungsmöglichkeiten, zum Beispiel in der Modernität? «Nein», sagt Einwag und fügt hinzu: «Das ist lediglich ein sprachlicher Unterschied von Deutsch und Englisch.» Jugendherbergen würden in Deutschland auch Youth Hostels genannt, da sie vorzugsweise für Kinder und Jugendliche ausgelegt seien.

Passend dazu: Seit vergangenem Jahr bietet das DJH in Bad Sulza ein Manga-Ferienlager an. Die japanischen Comics und mit ihnen die japanische Kultur seien bei einer großen Gruppe junger Menschen sehr beliebt, sagt Juliane Wolf, Leiterin und Entwicklerin des Ferienlagers. «Auch in diesem Jahr sind die Plätze wieder sehr schnell weggegangen. Für kommendes Jahr werden wir sicher mehr Termine anbieten», so die 30-Jährige.

Dem DEHOGA-Bundesverband ist die partielle Konkurrenz zwischen Privathotellerie und Jugendherbergen bekannt und immer wieder wird darauf hingewiesen, dass der Wettbewerb unter gleichen Bedingungen stattfinden müsse. Dies sei allerdings nicht gegeben „wenn die Jugendherbergen eine Vielzahl steuerlicher Vergünstigungen und Millionen Euro staatlicher Zuschüsse erhalten – und zugleich um Gäste jenseits der klassischen Jugendherbergsklientel werben.“

Außer jungen Menschen würden zunehmend Familien, Geschäftsreisende und Senioren offensiv angesprochen, zudem hätten viele Jugendherbergen spezielle Angebote für Firmen und deren Tagungsgeschäft entwickelt. Solche Jugendherbergen richteten sich nicht mehr an Jugendliche, wie es die Satzung vorsieht, sondern an durchaus zahlungsfähige Kundschaft, wodurch sich eine Wettbewerbsverzerrung ergebe. Der DEHOGA appelliert daher an die Jugendherbergen, sich künftig wieder innerhalb ihrer satzungsmäßigen Aufgaben zu bewegen.

Wo die nicht der Fall ist, kommt es sogar zu gerichtlichen Auseinandersetzungen. So hat das Gericht der Europäischen Union gerade eine eine Beihilfen-Genehmigung der EU-Kommission für eine Jugendherberge in Berlin gekippt. Nach einer Klage der a&o-Hostels hat das Gericht eine Genehmigung zur staatlichen Förderung der DJH-Jugendherberge „Berlin am Ostkreuz“ durch das Land Berlin für nichtig erklärt.

In der nur 300 Meter Luftlinie vom a&o-Stammhaus in Berlin Friedrichshain entfernten Immobilie betreibt das DJH seit Mitte 2016 die Jugendherberge Berlin Ostkreuz. Diese Immobilie mit einer Bruttogeschossfläche von ungefähr 12.000 qm gehört dem Land Berlin und wurde dem DJH bis mindestens zum 31. Dezember 2044 pachtfrei überlassen.

Gegen diese mutmaßliche Beihilfe in Millionenhöhe hatte sich a&o daher schon 2015 bei der EU-Kommission beschwert. Diese sah aber keinen Anlass für beihilferechtliche Bedenken gegen das Handeln der Berliner Senatsverwaltung. Zu Unrecht - wie das von a&o daraufhin angerufene Gericht der Europäischen Union mit Urteil vom 20. Juni 2019 (Az. T-578/17) nun eingehend festgestellt hat.

a&o-CEO Oliver Winter: "Mit dem Urteil setzt das Europäischen Gericht ein starkes Signal! Vor allem macht es klar, dass das DJH ein Wettbewerber ist, für den grundsätzlich die gleichen Regeln zu gelten haben, wie für alle anderen auch."

In Thüringen hat der DJH rund 33 000 Mitglieder und die Tendenz ist weiter steigend. Hauptgäste sind nach Angaben der Marketingleiterin Schüler aus der Sekundarstufe mit 32 271 Besuchern. Um etwa 1000 zurückgegangen seien Gäste aus der Primarstufe. Die Zahl der Junioren, also Menschen zwischen 16 und 26 Jahren, habe hingegen zugenommen.

Neben Schulen sei die Hauptzielgruppe der Jugendherbergen Familien. «Die Idee der Jugendherberge kommt ursprünglich aus dem Drang, Leute aus der Stadt ins Land hinaus zu holen. Das ist ein sehr aktuelles Thema. Vor allem, damit Kinder nach draußen kommen», erklärt Einwag. Schüler aus der Sekundarstufe 2 kämen zum Beispiel zum Großteil aus Nordrhein-Westfalen - ein sehr eng besiedeltes Bundesland.

Das negative Klischee der veralteten Gemäuern mit zehn engen Betten hätten die Häuser schon lange abgeschüttelt. Zwar seien nicht alle Herbergen frisch saniert, Gäste würden aber genau das häufig schätzen, so Einwag: «Viele finden das gemütlich und Lehrer müssen zum Beispiel nicht übermäßig aufpassen, dass etwas kaputt geht.» Man habe zwar noch einige Schlafsäle mit vielen Betten, der Standard liege mittlerweile aber bei einem Vier-Bett-Zimmer mit Dusche und Toilette.

Auch in Sachen Ernährung seien die Jugendherbergen in Thüringen modern aufgestellt. So lasse sich vegetarisch, auf Anfrage sogar vegan, frühstücken. Freies WLAN sei ebenfalls überall verfügbar. Aus dem thüringischen Wirtschaftsministerium heißt es: «Beim Thema Nachhaltigkeit haben die Jugendherbergen in Thüringen einiges zu bieten. Zum Beispiel nachhaltige Energie- und Abfallkonzepte oder die Verarbeitung regionaler Nahrungsmittel.»

Um eine Jugendherberge besuchen zu können, müssen die Gäste Mitglieder beim DJH sein und einen jährlichen Beitrag zahlen. «Außerdem ist es uns wichtig, dass sich unsere Mitglieder an unsere Werte halten. Das wären Internationalität, Respekt und Völkerverständigung», sagt Einwag. Könne man mit diesen Werten nichts anfangen, behalte sich der DJH vor, Anträge abzulehnen.

Die meisten Gäste der Jugendherbergen in Thüringen kommen laut Einwag aus dem Bundesland selbst - gefolgt von umliegenden Anrainerländern und dem deutschsprachigen Ausland.

(Mit Material der dpa)

 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Der Bundesgerichtshof hebt ein Urteil im Streit zwischen dem Hotel Wikingerhof und Booking.com auf. Beanstandet werden unter anderem Rabattdarstellung, Umgang mit Gästedaten und Provisionsmodelle.

Die Budgetkette a&o kauft ein 31.000 Quadratmeter großes Bürogebäude nahe dem Berliner Checkpoint Charlie. Bis 2027 entsteht dort für 40 Millionen Euro das größte Hostel Europas mit 2.500 Betten.

Die britische Wettbewerbsbehörde CMA ermittelt gegen die Hotelriesen Hilton, Marriott und IHG. Im Fokus steht der Verdacht auf Datenaustausch über die Analyseplattform STR von CoStar. Alle vier Unternehmen werden derzeit untersucht.

Ab Sommer 2026 erhebt Stuttgart eine Übernachtungssteuer von drei Euro pro Gast. Die Stadt erwartet dadurch jährliche Einnahmen von zehn Millionen Euro und setzt auf eine rein digitale Abwicklung für Hotels und Privatvermieter. Die Hotelbranche kritisiert die zusätzliche Kostenlast.

Starwood Hotels setzt unter der Leitung von Raul Leal auf ein kontrolliertes Wachstum. Mit Fokus auf Luxus, Nachhaltigkeit und die Integration von Wohnresidenzen plant die Gruppe bis 2028 zahlreiche internationale Neueröffnungen, ohne dabei die wirtschaftliche Rentabilität aus den Augen zu verlieren.

Der europäische Hotelinvestmentmarkt verzeichnete 2025 mit über 27 Milliarden Euro das stärkste Jahr seit 2019. Getrieben durch verbesserte Performance und günstigere Kreditbedingungen stiegen die Transaktionen europaweit um 23 Prozent, wobei auch der deutsche Markt ein deutliches Plus von 50 Prozent verbuchen konnte.

Die Münchener Arabella Hospitality expandiert nach Ibiza: Mit dem ersten Hotel-Management-Vertrag übernimmt die Gruppe das Ibiza Corso Hotel & Spa. Nach einer umfassenden Renovierung wird das Haus 2027 als Teil der Autograph Collection neu positioniert – inklusive des legendären Clubs Lio Ibiza.

Das Grandhotel Bad Pyrmont wechselt im Sanierungsprozess in ein Regelinsolvenzverfahren. Ein Insolvenzplan soll nun die hohen Mehrkosten beim Brandschutz auffangen und die baldige Wiedereröffnung des geschichtsträchtigen 150-Zimmer-Hauses ermöglichen.

Das ehemalige Renaissance Hotel in Düsseldorf-Mörsenbroich wird zwangsversteigert. Das Amtsgericht setzt den Verkehrswert für den seit 2019 leerstehenden Gebäudekomplex auf über 19 Millionen Euro an. Am 8. Mai 2026 entscheidet sich die Zukunft des markanten Standorts an der Münsterstraße.

Ruhige Nebensaison, neue Seenlandschaft, mehr Übernachtungen im Flughafen-Umfeld: Brandenburgs Tourismus bleibt aus Sicht der Branche stabil. Sorgen macht die Gastronomie.