0,0 Prozent auf alles: Warum alkoholfreier Wein im Trend ist

| Industrie Industrie

Der Alkohol (Ethanol) verdampft in riesigen Edelstahlkolonnen bei nur 32 Grad - bis zu 2.500 Liter pro Stunde. Die Vakuumdestillation zur Entalkoholisierung von Wein gilt als aromaschonend. Denn eigentlich liegt der Siedepunkt von Alkohol bei 78 Grad, wie Johannes Trautwein von der gleichnamigen Weinkellerei im rheinhessischen Lonsheim erläutert. 

Sein Vater habe 2014 den ersten Jahrgang entalkoholisiert, um ein neues Standbein für das Unternehmen zu schaffen, damals mit je 5.000 Litern Riesling und Müller-Thurgau. Jetzt seien es von Jahr zu Jahr mehr. «Für uns ist die Entalkoholisierung das Zukunftsthema schlechthin.»

Rotkäppchen und Henkell sehen ein Wachstumsfeld 

«Die Dynamik bei alkoholfreien Alternativen hält an», stellt Chefin von Rotkäppchen-Mumm, Silvia Wiesner, fest. Der Gesamtmarkt für alkoholfreie Getränke - ohne Bier - habe sich in den vergangenen fünf Jahren verdoppelt. Allein im Vergleich zum Vorjahr habe der Markt 2025 ein Wachstum von rund einem Drittel verzeichnet. «Alkoholfrei ist heute kein Müssen, sondern ein Wollen.»

«Alkoholfrei ist für uns ein zentraler Hebel für weiteres Wachstum», sagt Wiesner. «Unsere aktuelle Trendstudie bestätigt: 50 Prozent der Befragten wünschen sich mehr Auswahl in diesem Bereich, bei der Gen Z sogar 68  Prozent.» Mit Gen Z sind in etwa die Geburtsjahrgänge 1995 bis 2010 gemeint.

Der Unternehmenschef von Henkell-Freixenet, Andreas Brokemper, sieht einen Trend zu «Moderate Drinking». «Die Kategorie alkoholfrei ist eine der am schnellsten wachsenden Gattungen im Getränkebereich. Weltweite Trends wie zum Beispiel "Dry January" und "Sober October“ zeigen, dass immer mehr Konsumenten bewusst zu alkoholfreien Alternativen greifen.» In den USA etabliere sich zudem das sogenannte Zebra Drinking – der Wechsel zwischen alkoholfreien und alkoholhaltigen Produkten.

Nicht nur junge Menschen treiben den Trend

«Alkoholfreie Alternativen gewinnen in allen Altersgruppen an Bedeutung, insbesondere aber bei den jüngeren - und mittleren - Zielgruppen bis etwa 39 Jahre», sagt Wiesner. 

Brokemper berichtet: «Unsere kürzlich in Deutschland durchgeführte Studie zeigt, dass 78 Prozent der Deutschen weiterhin Alkohol konsumieren. Gleichzeitig haben 24 Prozent ihren Alkoholkonsum reduziert. Besonders bemerkenswert ist, dass 53 Prozent der Befragten gelegentlich auch alkoholfreie Varianten probieren.»

Marktanteil bei Wein aber noch gering

Der Anteil alkoholfreier Produkte auf dem Weinmarkt liegt nach Branchenschätzungen aber gerade einmal bei 1,5 Prozent. Allerdings: «Die alkoholfreie Weinkategorie hat 2024 im Handel 17 Prozent mehr Käufer als im Vorjahr gefunden, wodurch ihr Absatz um 86 Prozent gestiegen ist», sagt Ernst Büscher vom Deutschen Weininstitut (DWI) sagt. Der Umsatz mit alkoholfreien Weinen im Handel habe mit 68 Prozent ebenfalls stark zugelegt. Zahlen für 2025 gibt es noch nicht, das DWI rechnet aber mit weiteren Absatzzuwächsen.

Dank neuer Technologien und guter Grundweine sowie aromastarker Rebsorten entwickle sich der Geschmack alkoholfreier Weine zum Positiven, sagt Büscher. Zur Vakuumdestillation kommt oft eine Aromarückgewinnung aus dem destillierten Alkohol. Neuerdings gebe es auch ein Verfahren, bei dem die Vakuumdestillation mit einer sehr aromaschonenden Membrantechnik kombiniert werde, wie beim Lohnunternehmen Oberhofer in Edesheim in der Pfalz. 

Wie die «Aromarückgewinnung» funktioniert

Wie Aromen während des Prozesses der Vakuumdestillation in der Anlage zurückgewonnen werden können, erklärt Trautwein so: «Das Produkt fließt von oben herunter, während alkoholverdünnte Dämpfe von unten aufsteigen – Wechselwirkung unter Vakuum, um Alkohol zu entziehen», beschreibt er das Verfahren. «Die weniger flüchtigen Bestandteile verbleiben, was maximale Produktqualität garantiert.» Volatile Aromen, die mit den Dämpfen entweichen, würden zusätzlich separiert und der Flüssigkeit zurückgeführt. 

Für Premium-Produkte werden die Aromen in dem familiengeführten Unternehmen aus dem entweichenden Alkohol über zwei Tage mittels Adsorberharz (spezieller Kunstharz) in einer separaten Anlage zurückgewonnen - und dann zurück in den entalkoholisierten Sauvignon Blanc oder Pinot Noir gegeben.

Wenn die Sektkorken knallen, fließt häufiger Alkoholfreies

«Bei den Schaumweinen ohne Volumenprozente kompensiert die Kohlensäure den fehlenden Alkohol recht gut», sagt Büscher. Entalkoholisierte Sekte entstehen, indem man einem Wein den Alkohol, der durch die Vergärung des Traubenzuckers entstanden ist, wieder entzieht und dem entalkoholisierten Wein Kohlensäure zugibt, wie er erläutert. «In diesem Segment ist in jüngster Zeit ebenfalls ein Trend zur Premiumisierung zu beobachten.»

«Der Markt für alkoholfreie und alkoholreduzierte Sektvarianten ist von deutlich steigender Relevanz», sagt der Geschäftsführer des Verbands Deutscher Sektkellereien, Alexander Tacer. Der Marktanteil alkoholfreier Sektvarianten am gesamten Sektabsatz in Deutschland habe sich 2024 auf rund 7,5 Prozent belaufen. Fünf Jahre zuvor (2019) seien es erst etwa fünf Prozent gewesen. 

Demnach haben die Mitglieder des Verbands 2024 in Deutschland etwa 19,9 Millionen Flaschen (à 0,75 Liter) alkoholfreien Sekt verkauft (plus 9,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr). Dem gegenüber stehen rund 246 Millionen Flaschen klassischen Sekts. Zahlen für 2025 gibt es noch nicht. Tendenz aber auch beim Sekt steigend. 

Entalkoholisierung macht den Wein teurer

Je nach Alkoholgehalt des Grundweins gehen bei der Entalkoholisierung 12 bis 16 Prozent Flüssigkeit verloren, wie Trautwein sagt. Das lässt zusammen mit den aufwendigen Verfahren die Preise steigen. «Der Verbraucher erwartet aber bei entalkoholisierten Wein eher niedrigere Preise.»

Neuer Trend: Mixgetränke 

Ein relativ neuer Trend sind Mischgetränke auf der Basis von alkoholfreien Weinen, etwa mit Tees oder Fruchtsäften, wie Büscher berichtet. «Aromatisierte Getränke aus entalkoholisierten Wein» sind auch Trautwein zufolge zunehmend gefragt. Dabei werde in seinem Unternehmen dem entalkoholisierten Wein beispielsweise schwarzer oder Rooibos-Tee zusammen mit Kohlensäure zugeführt. Das Ergebnis sei ein guter Speisebegleiter, weit weg von billigen aromatisierten Weinen früherer Jahrzehnte. (dpa)


Zurück

Vielleicht auch interessant

Der Trend-Geschmack Matcha-Erdbeere führt zu einem direkten Wettbewerb der Schokoladenhersteller. Nachdem Ritter Sport bereits im September 2025 mit einer limitierten Edition in den Markt gestartet ist, präsentiert nun auch Lindt & Sprüngli seine Interpretation und setzt auf eine extreme Limitierung, was die Erwartungshaltung auf einen neuen Hype schürt.

Die Intergastra 2026 setzt einen Schwerpunkt auf die Gemeinschaftsverpflegung. Angesichts des Rechtsanspruchs auf Ganztagsbetreuung rücken neue Konzepte, Kooperationen und Food-Trends in den Fokus.

Weniger Anbaufläche, noch mehr Qualität: Das hessische Staatsweingut bei Eltville will mehr Große Gewächse pflanzen und den Export bis nach China steigern. Wie groß ist sein Defizit?

Pressemitteilung

Man sieht sie immer häufiger in Hotels: Glasflaschen. In den Zimmern, im Restaurant oder an einer Wasserzapfstelle. Das ist auch nicht verwunderlich, denn sie sind schön, praktisch und passen gut zu unserem heutigen Umweltbewusstsein. Aber was macht eine solche Glasflasche eigentlich so praktisch? Und wann genau verwendet man sie?

Pressemitteilung

Vom 1. bis 3. Dezember 2025 verwandelt sich das JW Marriott Berlin in das Zentrum für nachhaltige Innovation. Beim GreenSign Future Lab kommen über 300 Entscheider und 60 Speaker aus Hotellerie, Gastronomie und Touristik zusammen, um Zukunft aktiv zu gestalten.

Pressemitteilung

Nach der erfolgreichen Premiere im März 2025 startet die 370GRAD vom 13. bis 16. März 2026 im Empire Riverside Hotel in Hamburg in die zweite Runde. Die Business-Plattform für Entscheider aus Hotellerie, Gastronomie und Catering ist Impulsgeber für Innovation, Qualität und Networking auf höchstem Niveau.

Anzeige

Vom 1. bis 3. Dezember 2025 trifft sich die Hospitality im JW Marriott Berlin, um Zukunft neu zu denken. Über 60 Speaker, 40 Sessions und fünf Bühnen voller Ideen: Das GreenSign Future Lab zeigt, wie Nachhaltigkeit, KI und Innovation in der Praxis zusammenfinden. Mit echten Begegnungen, starken Impulsen und messbarem Mehrwert für Hotellerie und Gastronomie.

Pressemitteilung

Die Independent Hotel Show Munich 2025 hat Maßstäbe gesetzt: Von einer Messehalle auf zwei, rund 66 Prozent mehr Fläche, eine zusätzliche Bühne, ein neuer Award und merklich mehr Besucher - die zweite Ausgabe des Branchentreffs zeigte vergangenen Mittwoch und Donnerstag, wie dynamisch die unabhängige Hotellerie im deutschsprachigen Markt aufgestellt ist.

Niedersachsens Landwirte ernten den ersten Grünkohl der Saison. Kunden müssen sich dieses Jahr jedoch auf etwas höhere Preise einstellen. Zudem wird mit weniger Ertrag als noch im Vorjahr gerechnet.

Italiens Finanzpolizei hat Aktien des weltweit tätigen Spirituosenkonzerns Campari im Wert von annähernd 1,3 Milliarden Euro beschlagnahmt. Hintergrund sind Vorwürfe, dass bei Geschäften im Ausland in großem Stil Steuern hinterzogen worden seien.