Deutschland erlebt sein grünes Wunder - Ost-Getränk Pfeffi boomt

| Industrie Industrie

Als der Rapper Trettmann noch als «Ronny Trettmann» unterwegs war, besang er 2013 in seinem sächsischen Heimatdialekt ein von ihm geschätztes Getränk. «Birnenpfeffi mit Zimt» ist eine Hymne auf den Pfeffi, den Pfefferminzlikör («Eiskalt muss er sein!»). Inzwischen hat Trettmann den Künstlervornamen abgelegt, textet hochdeutsch und füllt bundesweit Hallen. Einen ähnlichen Aufschwung hat der Pfeffi genommen. Pfefferminzlikör gilt als Kult - im Osten, wo er herkommt, genauso wie im Westen. Wie ist das passiert?

Den Pfefferminzlikör-Markt beherrschen zwei ostdeutsche Firmen: Nordbrand aus Nordhausen in Thüringen mit dem quietschgrünen «Pefferminz», wie er laut Flaschen-Etikett offiziell heißt, und Schilkin aus Berlin mit der klaren «Berliner Luft».

Beide Traditionsfirmen nehmen für sich in Anspruch, den Trend ausgelöst zu haben. Beide haben beim Absatz in den letzten Jahren mächtig zugelegt. Und beide wetteifern mit buntem Marketing um eine junge Zielgruppe von 18 bis etwa 35 bis 40 Jahren.

Nordbrand, das zum Rotkäppchen-Konzern gehört, habe 2019 rund 9,6 Millionen 0,7-Liter-Flaschen produziert, sagt Betriebsleiter Robert Becke. 2014 lag der Absatz noch bei 3,8 Millionen Flaschen. Schilkin rechnet mit «plusminus 7 Millionen» Flaschen «Berliner Luft», sagt der geschäftsführende Gesellschafter Erlfried Baatz. 2014 seien es nur 150 000 Flaschen gewesen. Da berappelten sich die Berliner allerdings auch gerade erst von einer Insolvenz.

Die Likörproduzenten sind glücklich über diese Wachstumsraten. Aber wo kommt der große Pfeffi-Durst im Land nun plötzlich her? «Uns haben die Studenten wahnsinnig weit getragen», sagt Schilkin-Chef Baatz. Wer aus dem Westen zum Studieren in den Osten kam, machte Bekanntschaft mit dem Getränk - und schleppte es als Mitbringsel nach Hamburg, München oder Köln. Und dort kam der Likör mit einem Alkoholgehalt von 18 Volumenprozent offensichtlich gut an. «Das Getränk ist in der Zielgruppe extrem geboomt», sagt Baatz.

Eine Pfefferminzlikör-Tradition gab es bis dahin im Westen nicht. Anders im Osten: Die «Berliner Luft» wird nächstes Jahr 70 Jahre alt, in Nordhausen wurde der grüne Pfeffi 1952 zum ersten Mal produziert. Entsprechend unterschiedlich sind die Trinkgewohnheiten. «Im Osten trinkt man uns von 18 bis 88 Jahren, Frauen und Männer. Da kommt der Pfeffi immer auf den Tisch, da ist der Pfeffi gelernt», sagt Nordbrand-Produktmanagerin Patricia Wöllner. Im Westen sind Pfeffi und Luft dagegen eher was für die Jüngeren.

Das ist ein Punkt, den Gesundheitswächter kritisch sehen. Man müsse davon ausgehen, dass für viele junge Leute alkoholische Getränke zu einer Club- oder Konzertnacht dazu gehören, teilt die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung mit. «Insbesondere süße alkoholische Getränke mit einem hohen Alkoholgehalt – beispielsweise Liköre - sind hierbei gefährlich: Durch die Süße wird der Alkohol nicht geschmeckt, was dazu führt, dass diese Getränke, in Bezug auf den Alkoholgehalt, stark unterschätzt werden.» Die Bundeszentrale hält mit der Aufklärungskampagne «Alkohol? Kenn Dein Limit» dagegen.

Auch die Hersteller selbst werben für einen bewussten Konsum. Mit dem Genuss-Argument versuchen zudem kleinere Firmen, zwischen den beiden Likör-Riesen ihre Pfeffi-Nische zu finden. Die Auwald Destille aus Leipzig produziert seit drei Jahren «Pfff». Das ist Pfeffi ohne Vokale - und ohne Farbstoff. Auf «die Schnapsidee», einen eigenen, hochwertigen Likör herzustellen, sei sie in ihrem alten Job als Vertrieblerin gekommen, sagt Gründerin Sarah Stiller (34). «Ich hatte viele Club-Kunden und habe da wahnsinnig viele Pfeffi-Flaschen stehen sehen.» Nach Wodka sei der Likör das zweitbeliebteste Club-Getränk.

Zusammen mit einem Compagnon tüftelte Stiller ein eigenes Pfeffi-Rezept aus. 2017 wurde die erste Charge abgefüllt. 20 000 Flaschen verschiedener Größe seien es 2019 gewesen. «Pfff» gebe es in Leipzig und Berlin sowie einigen Läden in Hamburg, Köln oder Mainz. Die Leipziger wollen auf der Pfeffi-Welle weiter mitschwimmen und sich deutschlandweit etablieren, nächstes Jahr dann auch in Bio-Qualität, sagt Stiller. Dass sie die Marktmacht von Nordbrand und Schilkin nicht brechen können, sei ihnen völlig klar. Die beiden Großen haben nach eigenen Angaben inzwischen das «nationale Listing» geschafft - sie stehen bundesweit in den Supermarktregalen.

Das sei bisher noch nicht vielen Marken aus dem Osten der Republik gelungen, sagt Reinhard Hild, Prokurist der MDR Werbung, die seit vielen Jahren in einer Markenstudie das Schicksal der Ost-Produkte untersucht. Die meisten Firmen würden sowieso davon weggehen, ihre Ost-Vergangenheit zu betonen, die immer mit DDR assoziiert werde. Das machen auch Nordbrand und Schilkin. «Wir verheimlichen es nicht, dass wir aus dem Osten kommen», sagt Produktmanagerin Wöllner. Aber 30 Jahre nach dem Mauerfall sei das der neuen Pfeffi-Zielgruppe sowieso: egal.

Von Birgit Zimmermann, dpa


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Die Intergastra 2026 in Stuttgart präsentiert sich als Schaufenster für die Zukunft der Hospitality-Branche. Von innovativen Startup-Konzepten, über neue Wege in der Nachwuchsförderung, bis hin zu automatisierten Verpflegungslösungen bietet die Messe einen umfassenden Überblick über die aktuellen Entwicklungen, die Tageskarte.io in einer großen Bildergalerie zeigt.

Die Intergastra 2026 auf dem Gelände der Messe Stuttgart ist offiziell eröffnet. Seit dem 7. Februar versammelt sich das Gastgewerbe zur ersten großen Standortbestimmung des Jahres. Die Messe hat ein Programm initiiert, das den aktuellen Herausforderungen wie Fachkräftemangel und Kostendruck mit konkreten Innovationen begegnet.

Bayerns Brauereien kämpfen mit der schwierigsten Lage seit Jahrzehnten: Sowohl der Bierkonsum im Inland als auch die Exporte sind 2025 eingebrochen. Dabei wird Kritik laut an der bayerischen Gesundheitsministerin Gerlach.

Die Bitburger Braugruppe meldet für das abgelaufene Jahr ein Umsatzminus von 5,7 Prozent auf 753 Millionen Euro. Während klassische Pilssorten unter Preiserhöhungen und Konsumflaute litten, verzeichnete das Segment der alkoholfreien Biere zweistellige Zuwachsraten. Für das Jahr 2026 ist wieder Wachstum angepeilt.

Der Sommer verändert das Verhalten der Gäste spürbar. Es werden kürzere Wege bevorzugt, die Entscheidungen fallen spontaner und der Wunsch nach unkompliziertem Genuss rückt in den Vordergrund.

Der Rechtsstreit mit Paulaner bringt Mio Mio viel Aufmerksamkeit. Hersteller Berentzen sieht sich als «David» im Kampf gegen «Goliath» – und nimmt das Verfahren mit einem Augenzwinkern.

Pressemitteilung

GreenSign eröffnet das Veranstaltungsjahr im Waldhotel Stuttgart. Am 23. Februar treffen sich Experten aus Hotellerie und Gastronomie zum ersten Community Circle. Das Afterwork-Format fördert den direkten Austausch über nachhaltige Strategien in der Tourismusbranche. Weitere Termine folgen im Jahresverlauf in Köln, Berlin und Leipzig. 

Pressemitteilung

Vom 13. bis 16. März 2026 wird Hamburg erneut zum Treffpunkt der Entscheider aus Hotellerie, Gastronomie und Catering. Die 370GRAD lädt zum zweiten Mal ins Empire Riverside Hotel und etabliert sich weiter als exklusive Business-Plattform für Qualität, Innovation und persönlichen Austausch innerhalb der Branche auf Augenhöhe.

Der deutsche Biermarkt erlebt einen historischen Einbruch: Im Jahr 2025 sank der Absatz um 6,0 Prozent auf den niedrigsten Stand seit über 30 Jahren. Besonders das Exportgeschäft außerhalb der EU verzeichnete zweistellige Verluste.

Pressemitteilung

Mit dem Young Talents Camp setzt die INTERGASTRA 2026 ein starkes Zeichen für die Zukunft der Hotellerie und Gastronomie. In Halle 7 am Stand 7D72 entsteht eine lebendige Erlebnisfläche, auf der junge Menschen aus ganz Deutschland zusammenkommen, um ihre Begeisterung für Gastfreundschaft, Genuss und Service zu teilen.