Weinbaukrise: Winzer setzen auch auf Techno und Feuerwerk

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Angesichts der Krise im Weinbau sollten Winzer ihre Produkte mehr auch über den Tourismus vermarkten, raten Experten in Hessen und Rheinland-Pfalz. Und Events von Wanderungen durch Weinberge bis hin zu Techno-Spektakeln für jüngere Zielgruppen organisieren. 

«Touristische Regionen wie die Toskana, Südtirol und das Douro-Tal haben klare Profile bei ihrem Wein. Da müssen wir auch hinkommen», sagte der Rheingauer Weinbaupräsident Peter Seyffardt. 

Regionalen Wein für Camper interessant machen

«Das haben wir bisher verschlafen. In diesen Ländern wird die Vermarktung der Region schon seit 20 Jahren praktiziert.» In Südtirol sagten Winzer sogar: «Gott sei Dank kaufen die Deutschen unsere besten und teuersten Weine», ergänzte der Winzer in Eltville-Martinsthal.

Auch die Geschäftsführerin des Deutschen Weininstituts (DWI) im rheinhessischen Bodenheim bei Mainz, Melanie Broyé-Engelkes, betonte, Winzer müssten heute über den Tourismus neue Zielgruppen erschließen, vor allem jüngere Generationen. «Camping zum Beispiel ist ein wachsender Trend, auch darüber ließe sich mehr regionaler Wein vermarkten», sagte die Deutsch-Französin.

Sie rief Winzer dazu auf, Events in Weinbergen zu organisieren, von Wanderungen über Radtouren bis hin zu Raves, also Tanzen zu elektronischer Musik. Jüngere Ausflügler seien an authentischen Naturerlebnissen interessiert - das lasse sich mit dem Weinverkauf verbinden. 

Ein Techno-Open Air im Weinberg erklingt zum Beispiel am 26. Juli in der rheinhessischen Steinlage «Niersteiner Hölle» in Rheinland-Pfalz - mit «saftigen Beats» und längst ausverkauft laut dem Weingut, das das Event «Bass am Berg» organisiert. 

«Fettes Feuerwerk» 

Im hessischen Rheingau ist etwa am 4. Juli beim Rüdesheimer Spektakel «Rhein in Flammen» ein kostenloses «Electronic Special Bass Strand Fluss» geplant. «Direkt am Rhein, elektronische Musik, erlesener Wein und ein fettes Feuerwerk am Abend. Was willst du mehr?‍», fragen die veranstaltenden Winzer. 

Viel läuft gerade bei jüngeren Winzerinnen und Winzern auch über Soziale Medien. DWI-Sprecher Ernst Büscher sagte: «Das nimmt zu. Die Winzer erzählen von ihrem Arbeitsalltag und informieren über Events, zum Beispiel über Afterwork-Partys oder "Chill & Grill"-Veranstaltungen mit Wein.» Auch das DWI selbst verstärke seine Social-Media-Aktivitäten, es ist die zentrale Kommunikations- und Marketingorganisation der deutschen Weinwirtschaft.

Der Rheingauer Weinbaupräsident Seyffardt forderte mit generellem Blick auf den Tourismus: «Wir müssen unsere Weinbaugebiete als starke Marke etablieren, damit Verbraucher zum Beispiel sagen, das ist ein Wein aus dem Rheingau, dafür zahle ich einen oder zwei Euro mehr.» Auch Hessens Staatsweingut Kloster Eberbach liegt in dieser Region, fast 900 Jahre alt und ein Touristenmagnet mit historischen Weinkellern, vor vier Jahrzehnten als Drehort des Films «Der Name der Rose» international bekanntgeworden.

Deutschland sei «das größte Weinimportland der Welt», erklärte Seyffardt. Nur noch zwei von fünf hier verkauften Weinflaschen stammten aus dem Inland. «Wenn aber die Besucher von einer touristischen Region, wie dem Rheingau oder dem Moseltal angetan sind, können wir sie auch für den Wein dieser Anbaugebiete begeistern.» 

Einstiger Weltruhm

Seyffardt erinnerte daran, dass der für Hessen und Rheinland-Pfalz weithin typische Riesling-Wein vor 150 Jahren weltweit ein begehrtes Produkt gewesen sei und «auf der Karte der Spitzenrestaurants in allen Metropolen der Welt seinen Platz hatte». Doch das ist lange her.

DWI-Geschäftsführerin Broyé-Engelkes ergänzte, Wein sei ein Spezialprodukt: «Damit betrinkt man sich nicht. Jüngere haben Respekt vor Wein.» Vor vollen Weinregalen in Supermärkten fühlten sie sich oft überfordert. «Wir müssen das Weinerlebnis vor Ort bei den Winzern für jüngere Touristen viel unkomplizierter machen», forderte die Marketingfachfrau.

Eine Krise mit zahlreichen Ursachen

Steigende Kosten, weniger Konsum, Gesundheitsbewusstsein, Videokonferenzen statt Geschäftsessen, Überproduktion, internationale Konkurrenz und US-Zölle setzen Deutschlands Winzer unter Druck - längst ist von einer Weinbaukrise die Rede. (dpa)


 

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