[Ein Kommentar von Marc Schnerr von Tageskarte]
Anfang Februar hat die Denkfabrik „Zukunft der Gastwelt“ ein Schreiben an Bundestagsabgeordnete verschickt, in dem sie auf die wirtschaftliche Lage der Hotellerie und des Gastgewerbes aufmerksam macht. Als Beispiel für die angespannte Situation nennt das Papier unter anderem die Insolvenz der Revo Hospitality Group. Nach Angaben der Denkfabrik könnten von Insolvenzen mehr als 10.000 Arbeitsplätze betroffen sein. Weitere im Schreiben genannte Unternehmen sind die Lindner Hotels AG, Achat Hotels Gruppe sowie Arcona Hotels & Resorts.
Zur Begründung verweist die Denkfabrik auf eine steigende Zahl von Insolvenzen seit 2023. Als Quelle wird auch ein Bericht des Wirtschaftsauskunftei-Anbieters CRIF genannt, wonach die Zahl der Insolvenzen in Deutschland von 906 im Jahr 2023 auf rund 1.200 im Jahr 2024 gestiegen sei. Als Ursachen nennt das Papier unter anderem auslaufende KfW-Kredite, veränderte Finanzierungsbedingungen, steigende Kosten und Fachkräftemangel. Zugleich begrüßt die Denkfabrik die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen ab Anfang 2026, fordert aber zusätzlich ein umfassendes „Belastungsmoratorium“ für die Branche, das Steuer- und Abgabenentlastungen, Änderungen im Reiserecht, eine eigene Gastwelt-Förderbank sowie weitere Maßnahmen umfassen soll.
Der Zweck heiligt die Mittel
Auffällig ist, dass das Schreiben die Insolvenzen großer Hotelgruppen in einen engen Zusammenhang mit politischen Rahmenbedingungen stellt. Die Frage, ob unternehmensspezifische Entscheidungen – etwa bei Expansion, Verschuldung oder Standortwahl – zur aktuellen Lage beigetragen haben, bleibt weitgehend unberücksichtigt.
Die Denkfabrik verteidigt die Wahl der Revo-Insolvenz als Beispiel. Marcel Klinge, Vorstandssprecher der Denkfabrik DZG, schreibt dazu auf LinkedIn: „Besser ein aktuelles Beispiel als gar kein Beispiel – und damit keinen Brief. Am Ende geht es ja um die Kernbotschaft.“
Gerade dieses Beispiel wirft jedoch Fragen auf. Revo ist in den vergangenen Jahren stark gewachsen. Der Fall ist damit in hohem Maße durch unternehmensspezifische Entwicklungen geprägt und nur eingeschränkt geeignet, als repräsentatives Beispiel für strukturelle Probleme der gesamten Hotellerie zu dienen. Indem das Schreiben Revo stellvertretend für die Branche präsentiert, entsteht der Eindruck, Insolvenzen seien vor allem Folge politischer Rahmenbedingungen. Auch bei den weiteren genannten Unternehmen würde sich eine differenzierte Betrachtung der jeweiligen Ursachen anbieten.
Nach Angaben des Unternehmens selbst spielte die schnelle Expansion eine zentrale Rolle für die entstandenen Doppelstrukturen und Integrationsprobleme. Diese unternehmensinternen Faktoren bleiben im Forderungsschreiben jedoch außen vor.
Empirische Basis bleibt schmal
Der Brief berücksichtigt unternehmensspezifische Risiken und Marktmechanismen nur am Rand. Insolvenzen erscheinen vor allem als strukturelles Branchenproblem, ohne zwischen Geschäftsmodellen, Kostenstrukturen oder Finanzierungsstrategien einzelner Betriebe zu unterscheiden.
Wer die Lage der Branche verstehen will, muss jedoch genau diese Unterschiede betrachten. Ohne diese Differenzierung bleibt offen, in welchem Umfang politische Rahmenbedingungen tatsächlich ausschlaggebend sind.
Auch die empirische Grundlage des Papiers bleibt begrenzt. Einzelne prominente Fälle werden zur Begründung weitreichender politischer Forderungen herangezogen, ohne systematisch zwischen konjunkturellen Effekten, Marktbereinigung und unternehmensindividuellen Ursachen zu unterscheiden. Die im Schreiben erwähnte „Bedrohung von Arbeitsplätzen“ stützt sich ausschließlich auf Verbandsangaben. Eine weitergehende Analyse oder Einordnung fehlt.
Zwar nennt die DenkfabrikKennzahlen zu Insolvenzen und zur Zahl der Beschäftigten in der Branche, doch werden diese nicht in Beziehung zu anderen Branchen, zu früheren Marktphasen oder zu strukturellen Unterschieden innerhalb der Hotellerie gesetzt. Dadurch entsteht kein geschlossenes Bild der wirtschaftlichen Zusammenhänge.
Maßnahmen ohne breite Einordnung
Die vorgeschlagenen Maßnahmen folgen überwiegend dem Muster allgemeiner Entlastungsforderungen. Steuererleichterungen, Abgabenstopps und neue Förderinstrumente werden gebündelt vorgetragen. Zwar nennt das Papier für einzelne Vorschläge konkrete Zeitpunkte, zu denen sie umgesetzt werden sollen. Eine Bewertung, wie praktikabel diese Schritte in der politischen und administrativen Realität wären, erfolgt jedoch nicht.
Ebenso bleibt offen, welche gesetzlichen Anpassungen erforderlich wären, wie die Vorschläge mit bestehenden Programmen verzahnt werden könnten und welche finanziellen Auswirkungen sie für Bund, Länder und Kommunen hätten. Die Sinnhaftigkeit einzelner Maßnahmen wird damit nicht grundsätzlich bestritten, ihre politische und rechtliche Umsetzbarkeit aber nicht eingeordnet - was vor allem bei der Forderung einer Umsatzsteuersenkung auch auf alkoholische Getränke deutlich wird.
Politische Wirkung könnte verfehlt werden
Insgesamt präsentiert das Schreiben weniger eine differenzierte Analyse der wirtschaftlichen Lage des Gastgewerbes als ein politisch zugespitztes Forderungspaket. Die Ursachen der Insolvenzen werden primär außerhalb der Unternehmen verortet, betriebswirtschaftliche Einflussfaktoren treten in den Hintergrund.
Vor dem Hintergrund, dass die Branche zu Jahresbeginn bereits durch die Senkung der Mehrwertsteuer auf Speisen erheblich entlastet wurde, stellt sich zudem die Frage nach der politischen Wirkung eines so umfangreichen Forderungskatalogs. Die Bündelung zahlreicher, teilweise weitreichender Vorschläge lenkt den Blick auf die Gesamtdimension der Forderungen, statt einzelne, realistisch umsetzbare Maßnahmen in den Vordergrund zu rücken.
Damit besteht das Risiko, dass das Papier im politischen Raum weniger als konstruktiver Beitrag zur Stabilisierung der Branche wahrgenommen wird, sondern vor allem als Ausdruck eines umfassenden Anspruchs auf weitere Entlastungen. Eine stärker fokussierte Argumentation, die betriebliche Faktoren ebenso berücksichtigt wie politische Rahmenbedingungen, könnte der Branche in der aktuellen Lage mehr nutzen als ein breites, kaum priorisiertes Maßnahmenpaket.













