Söder stellt Innenraum-Aktivitäten auch für Getestete in Frage

| Politik Politik

Die Bundesregierung hält in ihrem Corona-Kurs vorerst an der «3G-Regel» fest - Zugang zu Aktivitäten in Innenräumen sollen neben Geimpften und Genesen also auch negativ Getestete haben. Regierungssprecher Steffen Seibert wies in Berlin auf die von Bund und Ländern beschlossene Testpflicht hin. Dabei gehe es darum, frühzeitig mit relativ niedrigschwelligen Maßnahmen zu verhindern, «dass die Situation eskaliert und man überhaupt über andere Maßnahmen nachdenken muss». Die Situation werde aber weiterhin genau beobachtet. Die Beschlüsse von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und den Ministerpräsidenten stießen auf teils heftige Kritik.

Seibert erläuterte, das Infektionsgeschehen, die Entwicklung der Impfquote und Auswirkungen auf das Gesundheitswesen blieben im Blick. Dann sei gegebenenfalls zu schauen, ob weitere Maßnahmen notwendig seien. Wenn sich alle an das beschlossene Vorgehen hielten und dies wirksam sei, bestünden gute Chancen, damit die Pandemie wieder ein Stück in den Griff zu bekommen.

Bayerns Ministerpräsident Markus Söder ging hingegen davon aus, dass es bestimmte Freiheiten in absehbarer Zeit nur noch für Geimpfte und Genesene geben werde. «2G wird so oder so ab einem bestimmten Zeitpunkt kommen, und mir wäre es lieber, wir würden jetzt ehrlich drüber reden, als es zu vertagen bis nach der Bundestagswahl», sagte der CSU-Vorsitzende am Dienstagabend in den ARD-«Tagesthemen». Mit Tests alleine könne man die vierte Welle nicht brechen.

Die Kanzlerin und die Länderregierungschefs hatten am Dienstag beschlossen, dass als einheitliches Instrument spätestens ab 23. August die «3G-Regel» beim Zugang zu bestimmten Innenräumen greifen soll: Hinein oder teilnehmen darf nur, wer geimpft, genesen oder frisch negativ getestet ist. Gelten soll dies etwa für Kliniken, Pflegeheime, Innengastronomie und Veranstaltungen drinnen, beim Friseur, in Fitnessstudios, Sporthallen oder Schwimmbädern.

Beschlossen wurde auch, dass der Bund ab dem 11. Oktober nicht mehr die Kosten für Corona-Schnelltests für alle Bürger übernehmen wird. Wer sich nicht impfen lässt und zum Beispiel für den Besuch in einem Restaurant einen negativen Test braucht, muss diesen dann selbst bezahlen. Ausnahmen gelten für Personen, die nicht geimpft werden können oder für die es keine allgemeine Impfempfehlung gibt, und für Besucher direkt in Pflegeheimen.

Das Ziel aller Maßnahmen ist es, mehr Menschen dazu zu bewegen, sich gegen das Coronavirus impfen zu lassen. Dazu rief am Dienstagabend auch Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier auf. «Wir müssen die Pandemie in Schach halten. Nicht, indem jeder macht, was er will, wie manche empfehlen, sondern indem sich möglichst viele Menschen impfen lassen», sagte er bei einer Veranstaltung.

Auch Unionskanzlerkandidat Armin Laschet (CDU) forderte, alle Anstrengungen darauf zu richten, das Impfen voranzubringen. «Einen Lockdown darf es nicht mehr geben», sagte der NRW-Regierungschef in Frankfurt am Main bei einem Wahlkampftermin.

Der Bundesverband der Deutschen Industrie hält die Beschlüsse für nicht ausreichend, um die Pandemie einzudämmen. «Angesichts der nahenden vierten Corona-Welle ist das Treffen einen konkreten, einheitlichen und praxistauglichen Maßnahmenfahrplan schuldig geblieben», kritisierte BDI-Hauptgeschäftsführer Joachim Lang in Berlin. Impfen sei die einzige Antwort auf die wieder steigende Virus-Ausbreitung. «Echte Impulse zum Zünden des Impfturbos fehlen. Oberste Prämisse der Politik muss es sein, einen weiteren Lockdown mit hohen ökonomischen und sozialen Kosten unbedingt zu verhindern.»

Der FDP-Vorsitzende Christian Lindner mahnte eine Strategie für niedrigschwellige Impfangebote an. Diese müssten zu den Menschen kommen, nicht umgekehrt. Lindner wertetet die Bund-Länder-Beschlüsse als «verpasste Chance» und sagte: «Mit den aktuellen Beschlüssen verharrt unser Land in einem Ausnahmezustand.» Es bestehe längst die Möglichkeit, Freiheitseinschränkungen aufzuheben und dem Bundestag alle Befugnisse zurückzugeben. «Die Pandemie ist nicht überwunden, aber ihr veränderter Charakter ist keine Rechtfertigung mehr für diese Politik.»

Der Bundesverband der Konzert- und Veranstaltungswirtschaft forderte das Wegfallen von Abstandsregeln und Kapazitätsbeschränkungen. Nur so könnte die dringend benötigte volle Auslastung erreicht werden, sagte Verbandspräsident Jens Michow der Deutschen Presse-Agentur. Nur noch Geimpften und Genesenen Eintritt zu Großveranstaltungen zu gewähren, sei «für die Branche sicher nicht die beste aller Lösungen», sagte er. «Aber es ist ein Weg, um endlich herauszufinden, was zukünftig überhaupt noch möglich ist.»

Das Land Baden-Württemberg geht bereits ansatzweise in diese Richtung. Dort soll es nach der künftigen Corona-Verordnung bei kulturellen Veranstaltungen im Innenbereich sowie in Clubs und Diskotheken keine Personenobergrenze mehr geben. Die Besucher müssen aber geimpft oder genesen seien oder einen negativen PCR-Test vorweisen können. Ein Antigenschnelltest soll nicht ausreichen (Tageskarte berichtete). (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Die EU-Kommission hat Einwände gegen Teile der geplanten deutschen Tierhaltungskennzeichnung. Ein Verbändebündnis um den DEHOGA fordert deshalb erneut, die vorgesehene Kennzeichnungspflicht für die Außer-Haus-Verpflegung aus dem Gesetzentwurf zu streichen.

Die Bundesregierung bereitet eine Steuer auf stark gezuckerte Getränke vor. Die Deutschen zeigen sich bei dem Thema gespalten.

Großbritannien konnte den Zuckergehalt in Softdrinks fast halbieren, Frankreich stützt mit der Zuckersteuer die Krankenversicherung von Bauern und ein Land besteuert Limonade, aber fördert Schnaps.

Die EU-Kommission sieht im Entwurf des Gesetzes zur Tierhaltungskennzeichnung einen Verstoß gegen das EU-Recht. Ein Verbändebündnis aus Gastronomie und Lebensmittelwirtschaft fordert daraufhin die Streichung der Pflichtkennzeichnung für die Außer-Haus-Verpflegung.

Finanzminister Lars Klingbeil will keine Extrasteuer auf zuckerfreie Getränke erheben. «Das mache ich nicht. Das wird nicht kommen», erklärte der SPD-Chef. Eine «Zuckersteuer auf zuckerfreie Getränke» ergebe keinen Sinn.

Der Deutsche Tourismusverband kritisiert die AfD-Pläne zur Umgestaltung der Kultur- und Tourismusvermarktung in Sachsen-Anhalt. DTV-Präsident Meyer belegt die wirtschaftliche Relevanz ostdeutscher Kulturstätten und warnt vor Schäden für das internationale Image.

 In der Bundesregierung zeichnet sich ein Streit um die konkrete Ausgestaltung der geplanten Zuckersteuer ab. Wie zuerst die «Bild»-Zeitung unter Verweis auf ein Papier aus dem Finanzministerium berichtete, gibt es Pläne, dass die geplante Zuckersteuer mehr Produkte betreffen könnte als gedacht.

Teaser: Berlin plant eine behördenübergreifende Servicestelle für Veranstaltungen. Sie soll Veranstalter beraten und über Zuständigkeiten, erforderliche Unterlagen und zeitliche Abläufe informieren, selbst aber keine Genehmigungen erteilen.

Booking.com muss Kunden in Österreich nach der Buchung Name und ladungsfähige Anschrift privater Unterkunftgeber mitteilen. Der Oberste Gerichtshof hat die Revision der Plattform gegen die entsprechende Entscheidung der Vorinstanzen zurückgewiesen.

Die geplante Abschaffung des Rabattfreibetrags für Mitarbeiter ist im aktuellen Referentenentwurf zur Einkommensteuerreform nicht mehr enthalten. Zuvor hatten Verbände aus Hotellerie, Gastronomie und Touristik die Pläne kritisiert.