Wer nur kassiert, hat schon verloren - Der Wettbewerb im Kassenmarkt beginnt nach dem Bon

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Das Kassensegment gehört zu den innovationsärmsten Technologiemärkten der Gastronomie. Die Systeme verwalten Artikel, nehmen Bestellungen auf, drucken Bons, verbuchen Zahlungen und zeigen Umsätze an. Manchmal gibt es noch ein bisschen Warenwirtschaft oder Self-Ordering dazu. Das können inzwischen fast alle. Herzlichen Glückwunsch.

Trotzdem präsentieren manche Anbieter jede neue Funktion, als hätten sie gerade die Gastronomie digitalisiert. Ein neues Dashboard hier, eine weitere Zahlungsart dort, ein bisschen künstliche Intelligenz im Reporting oder das digitale Einlesen von Speisekarten – und schon wird aus gewöhnlicher Produktpflege angeblich eine Revolution. Die unbequeme Wahrheit lautet: Die klassischen Funktionen einer Kasse sind kein Wettbewerbsvorteil mehr. Sie sind Grundausstattung.

Die Eintrittsbarrieren fallen

Als wir 2013 Gastrofix aufgebaut haben, war die entscheidende Frage nicht, ob wir eine bessere Tablet-Kasse entwickeln können. Die Frage war, ob wir die zwei Jahre überleben, bis wir überhaupt eine verkaufen konnten. Gesetzliche Kassenanforderungen, Zertifizierungen, Zahlungsabwicklung, disruptive Hardware, Schnittstellen, stabiles WLAN und ein Support, der auch dann funktioniert, wenn am Samstagabend das Restaurant voll ist: All das machte den Markteintritt teuer, kompliziert und langwierig. Die Software war der einfache Teil.

Wer in diesen Markt wollte, brauchte Zeit, Kapital, viele Entwickler und starke Nerven. Eine funktionierende Anwendung allein genügte nicht. Genau diese Eintrittsbarrieren fallen gerade. Was früher selbst entwickelt und über Jahre aufgebaut werden musste, lässt sich heute vielfach als fertiger technischer Baustein einkaufen und über Schnittstellen anbinden. Gleichzeitig beschleunigt künstliche Intelligenz die Entwicklung der Software. Ein kleines Team kann heute in Monaten eine Funktionsbreite erreichen, für die etablierte Anbieter Jahre benötigt haben. Nicht weil sie schlecht gearbeitet hätten, sondern weil sie vieles selbst entwickeln und die notwendige Stabilität erst mühsam herstellen mussten.

Das bedeutet nicht, dass heute jeder ohne Erfahrung ein verlässliches Kassengeschäft betreiben kann oder die Entwickler vollständig ersetzt werden. Ein System unter realen Bedingungen stabil zu halten und einen funktionierenden Support aufzubauen, bleibt anspruchsvoll und ein Verkaufsargument. Aber der technologische Vorsprung der etablierten Anbieter schmilzt. Noch nie war es so einfach, eine Kasse zu entwickeln. Und noch nie war es so schwer, sich mit einer Kasse wirklich zu unterscheiden.

Der neue Bauplan lautet: 

Alles, was die Kasse gesetzeskonform macht, zukaufen. Alles, was den Restaurantbetrieb besser macht, selbst entwickeln.

Bonieren ist keine Innovation

Ein Kellner tippt eine Bestellung ein. Die Küche erhält den Bon. Der Gast bezahlt. Der Umsatz landet im Bericht. Wer darin noch das Zentrum seiner Produktstrategie sieht, verwaltet die Vergangenheit. Bonieren ist keine Innovation, sondern eine Grundvoraussetzung. Die Einhaltung gesetzlicher Anforderungen ist kein Wettbewerbsvorteil, sondern Pflicht. Ein Kartenterminal ist keine Digitalstrategie. Und ein neues Umsatzdiagramm macht aus einer Kasse noch lange kein intelligentes Managementsystem. Wer solche Grundfunktionen als Revolution verkauft, verkauft die Technik von gestern zum Preis der Zukunft.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht mehr: Was kann die Kasse?

Sie lautet: Was passiert mit den Daten, nachdem der Gast bezahlt hat? 

Der Bon ist erst der Anfang

Jeder Kassenvorgang erzeugt Informationen: Welche Gerichte verkaufen sich wann? Welche Kombinationen funktionieren? Welche Produkte bleiben liegen? Wann entstehen Spitzenzeiten? Wie verändert das Wetter den Umsatz? Welche Auswirkungen haben Preise, Aktionen und Personaleinsatz auf das Ergebnis?

Die meisten Systeme sammeln diese Daten. Viel zu wenige machen daraus konkrete Entscheidungen.

Ein modernes System darf dem Gastronomen nicht nur erzählen, was gestern passiert ist. Das steht bereits auf dem Tagesabschluss. Es muss helfen einzuschätzen, was morgen passieren könnte – und was deshalb heute zu tun ist. Wie viele Mitarbeiter werden voraussichtlich benötigt? Welche Mengen müssen bestellt werden? Welche Gerichte bringen nicht nur Umsatz, sondern einen vernünftigen Deckungsbeitrag? Welche Gäste kommen regelmäßig? Welche bleiben plötzlich aus? Welche Marketingmaßnahme sorgt tatsächlich für zusätzliche Besuche?

Wer lediglich Daten sammelt und bunte Diagramme daraus baut, betreibt digitale Buchhaltung.

Daten zu speichern ist noch keine Intelligenz. Intelligenz beginnt dort, wo aus Daten konkrete Handlungsempfehlungen werden. Bonieren ist heute keine Tasteneingabe auf einem Tablett, sondern funktioniert mit Sprache. Das System nimmt den Text auf und führt die Bestellung an Tresen und Küchen aus. Das ist dann Innovation. 

Genau dort beginnt der neue Wettbewerb.

Payment ist wichtig – aber keine Strategie

Auch Payment gewinnt an Bedeutung. Nicht, weil die Zahlungsabwicklung plötzlich das Restaurant steuert. Das tut sie nicht. Aber Kasse und Bezahlung wachsen wirtschaftlich und technisch immer enger zusammen.

Gebühren, Geschwindigkeit des Bezahlvorgangs, Vertragsbedingungen, Auszahlungsfristen und die Verbindung von Bestell- und Zahlungsdaten beeinflussen die Wirtschaftlichkeit eines Betriebs. Wer Payment nur als angeschlossenes Terminal betrachtet, unterschätzt deshalb seine Bedeutung. Trotzdem bleibt Payment ein Teil des Systems – nicht dessen Zweck. Eine Kasse wird auch nicht dadurch innovativ, dass ihr Anbieter an jeder Zahlung mitverdient. Ein neues Erlösmodell für den Softwareanbieter ist noch lange kein Fortschritt für den Gastronomen. Entscheidend ist, welchen konkreten Vorteil der Betrieb davon hat. Am Ende entscheiden die Gebühren hinter dem Komma und die Tiefe und Geschwindigkeit der Integration in die Software.

POS in your Pocket! Die Kasse muss zum Restaurant Betriebssystem werden. 

Das Ziel ist ein Restaurant Management System, kurz RMS, das Kasse, Zahlung, Einkauf, Personal, Warenwirtschaft, Prognosen und Gästekommunikation sinnvoll miteinander verbindet. Kein aufgeblähtes Softwaremonster. Keine Ansammlung halbherzig verbundener Zusatzmodule. Sondern ein „POS in your pocket“: die entscheidenden Informationen und Handlungsempfehlungen jederzeit verfügbar. Die Kasse dokumentiert, was passiert ist. Ein Restaurant Management System hilft zu entscheiden, was als Nächstes passieren soll bzw. unterstützt mit Handlungsempfehlungen, Kundenbindung und Marketing. Die Kasse ist ein Werkzeug. Das RMS wird zum Betriebssystem des Restaurants.

Das ist der Unterschied. 

Viele Plattformen sind nur aufgehübschte Registrierkassen

Der Markt spricht gerne von Plattformen, Ökosystemen und All-in-one-Lösungen. Schaut man genauer hin, bestehen viele dieser angeblichen Plattformen weiterhin aus einer klassischen Kasse, einem Katalog von Schnittstellen und einem hübscheren Reporting.

Ein neues Etikett verändert aber noch lange nicht das Produkt.

Wer nur Transaktionen dokumentiert, wird austauschbar. Wer lediglich gesetzliche Anforderungen erfüllt, verkauft Pflichtprogramm. Und wer seine Kunden vor allem mit geschlossenen Systemen, langen Verträgen und schwer übertragbaren Daten hält, besitzt möglicherweise kein überlegenes Produkt, sondern nur hohe Wechselhürden.

Hohe Wechselhürden sind kein Beweis für Innovation.

Die Gewinner werden nicht diejenigen sein, die die schönste Kassenoberfläche erzeugen. Es werden diejenigen sein, die aus vorhandenen Daten bessere Entscheidungen ableiten.

Beim letzten großen Umbruch sah alles nach einem Hardware Thema aus: Registrierkasse gegen Tablet. Tatsächlich war es eine Veränderung des Geschäftsmodells.

Diesmal sieht es nach künstlicher Intelligenz und Payment aus.

Doch wieder geht es um das Geschäftsmodell.

Das POS der Zukunft kassiert nicht einfach. Es denkt voraus und übernimmt Aufgaben.

Über den Autor

Stefan Brehm ist Unternehmer und Berater mit mehr als 30 Jahren Erfahrung in Hotellerie, Gastronomie und Hospitality-Technologie. Er war 2013 Mitgründer und Geschäftsführer des Online-Reservierungssystems BookaTable sowie des Kassensystemanbieters Gastrofix, der 2020 an Lightspeed verkauft wurde. Heute berät er mittelständische Unternehmen zu Vertrieb, Marketing und künstlicher Intelligenz.

https://www.brehm-consulting.com/


 

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