Tourismus-Sommer: Bangen und Hoffen in den Küstenländern

| Tourismus Tourismus

Das Ostergeschäft ist total ins Wasser gefallen. Pfingsten verheißt nach den beschlossenen Lockerungen nun zumindest einen ersten Aufbruch - auf den entscheidenden Sommer blickt die Tourismusbranche in der Corona-Krise mit einem Mix aus Bangen und Hoffen. An Nord- und Ostsee gilt das besonders, denn die Abhängigkeit von Urlaubern ist enorm.

Im Ranking der deutschen Urlauberziele liegt Mecklenburg-Vorpommern bei längeren Reisen auf Platz 1, Schleswig-Holstein nach Bayern auf 3 und Niedersachsen auf 4. Hotspots wie Rügen, Usedom und Darß, Sylt, Amrum und Lübecker Bucht, Norderney, Borkum und Wangerooge stehen hoch im Kurs. Doch wie viele Urlauber dürfen im Sommer überhaupt jeweils kommen? Einheitliche Vorgaben gibt es bisher nicht.

Bei Reisen von mindestens fünf Tagen hatten in Deutschland die drei Küstenländer laut Kieler Institut für Tourismus- und Bäderforschung in Nordeuropa (NIT) zuletzt einen Anteil von fast 50 Prozent. Von 18,7 Millionen Inlandsreisen von Urlaubern ab 14 Jahren führten im vergangenen Jahr 19 Prozent nach MV, 16 Prozent nach SH, 13 Prozent nach Niedersachsen. Von 175,5 Millionen Übernachtungen entfielen 37,8 Millionen auf MV, 32,6 Millionen auf SH und 21,6 Millionen auf Niedersachsen.

Die Zahlen machen deutlich, wie schmerzhaft die in der Corona-Krise verhängten Reiseverbote an Nord- und Ostsee sind. Dem Nordosten fehlten die Gäste aus Berlin und Sachsen, Schleswig-Holstein und Niedersachsen ganz besonders die Urlauber aus Nordrhein-Westfalen. Teils ist von Umsatzverlusten von bis zu 100 Prozent die Rede. Die Ungeduld wächst, aber die Angst vor einem Rückschlag im Falle eines Infektionsschubs ist allgegenwärtig. Hoffnung machen immerhin die vielen Buchungen für Pfingsten und den Sommer.

Die Branche sehnt die Öffnungen herbei, doch überfüllte Strände kann sich in diesem Jahr auch niemand vorstellen. Wo sollen die nach Strand und Meer lechzenden Urlauber nur hin, wenn Mittelmeer und Karibik als Ziele wegfallen sollten? Zugangsbegrenzungen zu Stränden sind absehbar, aber problematisch - auch für Einheimische.

SCHLESWIG-HOLSTEIN: Laut NIT-Institut trägt der Tourismus im Land zwischen den Meeren acht Prozent zur Bruttowertschöpfung bei. 180 000 direkt und indirekt in der Branche Beschäftigte bedeuten einen Anteil von 13 Prozent an allen Erwerbstätigen. Dem Corona-Stillstand folgt an diesem Montag die große Öffnung: Hotels - ohne Wellnessbereiche - und Gaststätten dürfen aufmachen, Touristen einreisen, Inseln und Halligen werden wieder zugänglich. Auch diverse Sport- und Freizeitaktivitäten werden erlaubt. Sylt und andere Nordsee-Inseln äußerten die Bitte, noch keine Tagestouristen zuzulassen.

«Es sieht sehr düster aus für die Branche», sagte vor den Lockerungen Dehoga-Hauptgeschäftsführer Stefan Scholtis. Erst die nächsten Wochen würden zeigen, wie viele Betriebe den Stillstand überleben. Bisher hält sich die Befürchtung, bis zu 30 Prozent der 5000 Hotel- und Gaststättenbetriebe könnten «sterben». Die Branche fordert weitere Lockerungen, zum Beispiel für größere Familienfeiern.

MECKLENBURG-VORPOMMERN: Der Nordosten öffnet sich zum 25. Mai für Übernachtungsgäste aus den anderen Bundesländern, eine Woche früher für einheimische Urlauber. Die Betriebe dürfen ihre Betten nur zu 60 Prozent belegen. Details zur Umsetzung lägen noch nicht vor, sagt der Geschäftsführer des Landestourismusverbandes, Tobias Woitendorf. Die Branche warte auf die Verordnung. Die Lockerungen bedeuteten für Ostseeküste und Mecklenburgische Seenplatte Licht am Ende des Tunnels.

«Wir bewegen uns bei den Verlusten durch das Coronavirus bereits jetzt im Milliardenbereich», sagte Woitendorf. «Das wird nicht mehr aufzufangen sein», meinte er im Blick auf den weiteren Saisonverlauf. Woitendorf erwartet trotzdem, dass die meisten Betriebe die Situation meistern werden - sofern das Infektionsgeschehen keine Rückschläge bringt. Im Land gibt es rund 450 000 Betten für Touristen. Der Gesamtumsatz von Tourismus und Gastgewerbe beträgt acht Milliarden Euro - zwölf Prozent der Bruttowertschöpfung des Landes.

NIEDERSACHSEN: Ferienwohnungen dürfen seit dieser Woche wieder an Urlaubsgäste vermietet werden, aber nur alle sieben Tage an neue, und auch Campingplätze können mit Einschränkungen öffnen. Gleich am Montag setzten Hunderte auf die Ostfriesischen Inseln über - ein Lichtblick für die sieben Inseln, die fast komplett vom Tourismus abhängen. Die Touristikgesellschaft geht von einer guten Auslastung zu Pfingsten und im Sommer aus. Nur vereinzelt seien Plätze frei.

Dass die Einnahmeausfälle im Jahresverlauf kompensiert werden können, hält der Tourismusverband Niedersachsen für unrealistisch. «Die aktuelle Lage ist katastrophal», sagt Dehoga-Präsident Detlef Schröder. Auch in Niedersachsen gilt ein Drittel der Beherbergungs- und Gastrobetriebe als akut existenzgefährdet. Tourismus trägt laut dem Wirtschaftsministerium 5,2 Prozent zur Wirtschaftsleistung des Landes bei. Rund 293 000 Menschen sind dort direkt und indirekt beschäftigt - 7,4 Prozent aller Erwerbstätigen. Die nächsten Lockerungen für die Branche stehen an: Am 25. Mai sollen Hotels mit maximal 50 Prozent Auslastung wieder Urlauber empfangen dürfen. (dpa)


 

Zurück

Vielleicht auch interessant

Wer an Nord- oder Ostsee einen Strandkorb mieten will, muss je nach Ort und Saison unterschiedlich tief in die Tasche greifen. Wo sich Preise kaum ändern – und wo es teurer wird.

Der Deutsche Tourismusverband sucht ab sofort Projekte für den Deutschen Tourismuspreis 2026. Bewerbungen können bis Anfang Juni eingereicht werden, bevor die Preisverleihung im November in Leipzig erfolgt.

Weniger Übernachtungen, weniger Gäste: Der Berliner Tourismus blieb auch 2025 hinter früheren Werten zurück. Auch Stadtführer merken das. Welche Touren dennoch besonders gefragt sind.

Der US-Fahrdienstvermittler Uber hat die Übernahme des Berliner Unternehmens Blacklane angekündigt. Die Transaktion steht noch unter dem Vorbehalt behördlicher Genehmigungen und soll voraussichtlich bis Ende 2026 abgeschlossen werden.

Eine Studie von BCD Travel zeigt, dass Transportunfälle und Krankheiten die größten Sorgen auf Geschäftsreisen sind. Trotz des Vertrauens in gebuchte Hotels wissen viele Mitarbeiter nicht, wie sie im Notfall Hilfe erhalten.

Eine aktuelle Analyse vergleicht europäische Städte für die Osterfeiertage 2026 hinsichtlich der Kosten für Ferienhäuser und des zu erwartenden Wetters. Ziele in Spanien und Italien überzeugen durch ein vorteilhaftes Preis-Wetter-Verhältnis.

Obwohl sie pünktlich zwei Stunden vor Abflugzeit am Flughafen waren, verpassten zwei Reisende ihren Flug - weil die Schlangen am Check-in zu lang waren. Nicht ihre Schuld, sagt ein Gericht.

Die Zahl der Camping-Übernachtungen in Deutschland ist 2025 laut Destatis auf 44,7 Millionen gestiegen. Besonders gefragt bleiben Ostsee und Schwarzwald, während auch die Preise deutlich zugelegt haben.

Lonely Planet hat eine neue App und buchbare Reiseangebote vorgestellt. Das Unternehmen baut damit laut eigenen Angaben seine Ausrichtung auf eine digitale Reiseplattform weiter aus.

Seit Beginn des Iran-Kriegs zieht es mehr Urlauber nach Westeuropa. Eurowings stockt das Angebot kräftig auf – ein Klassiker ist besonders gefragt. Aus Spanien kommen aber schlechte News.